Die Einladung des ukrainischen Präsidenten zu den Budapester 1956‑Gedenkfeiern fällt mitten in EU‑Verhandlungen über Ukraine-Hilfe, Sanktionen und Energie – und zeigt, wie sich Ungarns Rolle zwischen Kyiv, Brüssel und Moskau verschiebt.
Budapest/Kyiv. Die Nachricht kam nicht aus dem ungarischen Regierungsbüro, sondern aus einem Brüsseler Fernsehstudio: Ihor Schowkwa, stellvertretender Leiter des ukrainischen Präsidialamts, erklärte im Euronews‑Interview, Volodymyr Zelenskyj habe eine Einladung der ungarischen Regierung zu den Budapester Gedenkfeiern am 23. Oktober erhalten. Anlass ist der 70. Jahrestag des Volksaufstands von 1956. Von einer offiziellen ungarischen Note ist öffentlich nichts zu sehen, doch bislang liegt auch kein Dementi aus Budapest vor.
Schowkwa sagte, Selenskyj werde voraussichtlich in der kommenden Woche nach Budapest reisen, und äußerte sich sehr zuversichtlich zu den Erwartungen Kyiv. Euronews beschreibt die Einladung als Chance, die jüngste diplomatische Öffnung in konkrete Schritte zwischen den Nachbarn zu übersetzen. Sie fällt in eine Phase, in der die Beziehungen nach Jahren von Blockaden und Streit über Minderheitenrechte schrittweise neu geordnet werden.
Neuer Ton nach Regierungswechsel
Dass der 23. Oktober zur Bühne dieser Annäherung werden soll, ist kein Zufall. Ministerpräsident Péter Magyar hatte bereits vor dem EU‑Gipfel in Brüssel angekündigt, das Treffen der Staats- und Regierungschefs werde mit einer Würdigung der 1956er Revolution beginnen. „Tisztelet a hősöknek!“ – „Ehre den Helden“, schrieb er auf Facebook.
2025 fanden die 23.-Oktober‑Feiern noch ohne ukrainischen Spitzenvertreter statt. Damals war kein ukrainischer Vertreter geladen, und Ungarn fiel in der EU‑Ukraine‑Politik durch wiederholte Vorbehalte und massive Blockaden auf, wenn es um Hilfen und Sanktionspakete ging – was bekanntermaßen zu enormen geopolitischen Spannungen mit den EU-Partnern geführt hat und sogar zu militärischen Provokationen mit der Ukraine. 2026 ist der Rahmen ein gänzlich anderer: In Brüssel kommt Selenskyj gemeinsam mit Ratspräsident António Costa und Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen zum EU‑Gipfel, Costa beschreibt die Unterstützung der EU für Kyiv als unerschütterlich und fordert mehr Druck auf Russland. Ungarn steht beim aktuellen Treffen nicht mit einer neuen Blockadedrohung im Vordergrund – und Selenskyj hat parallel eine Einladung nach Budapest erhalten.
Von Blockade zu Beitrittshelfer
In Brüssel spielt sich der nächste Teil dieses Kurswechsels ab. Costa erklärte, es sei nicht die Zeit, die Ukraine‑Hilfe zu reduzieren oder Sanktionen gegen Russland zu lockern, im Gegenteil: Unterstützung und Druck müssten erhöht werden, um Moskau zu einem Waffenstillstand zu bewegen. Von der Leyen stellte klar, dass keine Sanktion aufgehoben werde, solange Russland den Krieg fortsetzt, und verwies auf weitere, gerade geöffnete Kapitel der EU‑Beitrittsverhandlungen mit der Ukraine.
Hier hat Budapest seinen Kurs in den vergangenen Monaten sichtbar verändert. Nach Jahren, in denen ungarische Vetos zentrale EU‑Entscheidungen zu Ukraine‑Hilfen und Beitrittsschritten verzögerten, berichten Euronews und ungarische Medien, dass jüngst weitere Verhandlungskapitel mit der Ukraine geöffnet worden sind. Vorausgegangen waren Gesetzesänderungen Kiews zur Stärkung der Bildungsrechte nationaler Minderheiten – der Kernstreitpunkt um die ungarische Gemeinschaft in Transkarpatien. Bereits im Juni meldeten Analysen eine umfassende Vereinbarung über Minderheitenrechte zwischen Ungarn und der Ukraine.
Die Einladung zum 23. Oktober ist damit mehr als eine reine Protokollgeste. Sie steht für den Abschied von der Blockadepolitik der Orbán‑Jahre. Schowkwa erklärte, Kiew sei dankbar für Ungarns Unterstützung beim Vorankommen der EU‑Beitrittsverhandlungen. Ungarn wiederum kann sich in Brüssel als konstruktiver Teil des Konsenses präsentieren – und nicht länger ausschließlich als Bremser.
Energiekrieg und ungarische Verwundbarkeit
Während in den Ratsdokumenten eine energetische Zeitenwende beschworen wird, bleibt die Energiefrage auch militärisch ein zentraler Schauplatz des russisch‑ukrainischen Kriegs. Selenskyj kündigte im Interview mit der „Financial Times“ an, die Angriffe auf russische Raffinerien wiederaufzunehmen, da Russland seine Angriffe auf ukrainische Energieanlagen nicht eingestellt habe. Er hob hervor, dass diese Angriffe allein in der vergangenen Woche nach seinen Angaben mehr als hundert zivile Todesopfer in der Ukraine gefordert hätten.
Parallel sprach NATO‑Generalsekretär Mark Rutte in Brüssel von der Bedeutung eines energetischen Waffenstillstands zwischen Russland und der Ukraine. Von der Leyen betonte am Rande des EU‑Gipfels, dass die Union die Ukraine im kommenden Winter erneut bei Energieversorgung und Luftabwehr unterstützen werde.
Für Ungarn, dessen Wirtschaft nach wie vor in hohem Maß von russischem Gas und Öl abhängt, sind die Folgen dieses Energiekriegs unmittelbar spürbar. Jeder Preissprung infolge von Angriffen auf Raffinerien oder neuer Sanktionsrunden schlägt in Budapest auf Haushalte und Industrie durch. Zugleich haben ungarische Regierungen diese Verwundbarkeit in Brüssel regelmäßig als Argument für Ausnahmen, Übergangsfristen und zusätzliche Hilfen in der Energie‑ und Sanktionspolitik genutzt.
Symbol und Spielraum
Ein möglicher Besuch Selenskyjs am 23. Oktober wäre vor diesem Hintergrund nicht nur ein Fototermin. Wenn der ukrainische Präsident an einem Gedenktag in Budapest auftritt, der traditionell an den Aufstand von 1956 erinnert, senden Regierung und Staatsgast ein deutliches Signal – in Richtung Moskau ebenso wie an die EU‑Partner. Budapest könnte sich als Partner Kiews präsentieren, ohne seine bekannten Sonderwünsche im Energiebereich aufzugeben.
In Brüssel verknüpfen Ratsbeschlüsse Wettbewerbsfähigkeit, Energiewende und strategische Autonomie eng mit der Abkehr von russischen Importen; gleichzeitig gehört Ungarn zu den wenigen Ländern, die von weitreichenden Öl- und Gasausnahmen profitieren. Die Regierung Magyar setzt damit eher auf Verhandlungen im Rahmen des gemeinsamen Kurses als auf offene Konfrontation.
Damit wird der 23. Oktober zu einem wichtigen symbolischen Datum. Wer Selenskyj an diesem Tag in Budapest empfängt, kann in Brüssel auf einen veränderten Kurs im Verhältnis zur Ukraine verweisen – und in diesem Rahmen zusätzliche Unterstützung für Netzausbau, Speicher und Diversifizierung oder längere Übergangsfristen bei neuen Energieschritten verlangen.
Kein Phototermin
Noch ist offen, ob der Besuch tatsächlich stattfindet und ob er nur Protokoll oder auch Substanz bringt. Schowkwa sagte im Euronews‑Interview, Selenskyj sei bereit, Péter Magyar auch in der Ukraine zu empfangen, bei Bedarf nicht nur in Kiew. In Brüssel treffen sich die beiden bereits am Rande des laufenden Gipfels. Damit sind die Voraussetzungen gegeben, um bilaterale Fragen – von der praktischen Umsetzung der Minderheitenrechte bis zu Transit und Wiederaufbau – in einem ruhigeren Rahmen zu verhandeln, als es in den vergangenen Jahren oft der Fall war.
Die Einladung nach Budapest ist in diesem Bild ein erster Test. Sie stellt die neue Regierung in Budapest ebenso wie Kiew vor die Aufgabe, den sichtbaren symbolischen Schritt mit konkreten Entscheidungen zu unterlegen.
Quellen: MTI, Euronews, Telex.hu
Photo: Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj auf seinem offiziellen Porträt – seine Einladung zum 23. Oktober zielt auch auf ein neues Verhältnis zu Ungarn und der EU, PL
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Dass ausgerechnet am 23. Oktober, dem Tag des antikommunistischen Volksaufstands, ein ukrainischer Präsideent in Budapest empfangen wird, hat eine gewisse historische Ironie – aber Symbolpolitik heizt keine Wohnungen, und das weiß auch die neue Regierung.