Hauptmenü

 

 

 

| More

 

(c) Pester Lloyd / 47 - 2009  OSTEUROPA 19.11.2009
_______________________________________________________
 

Stalins Stinkefinger

Der Kulturpalast von Warschau vor dem Abriss. Trostpflaster für die verletzte polnische Seele?

Der "Pałac Kultury i Nauki" ist Stalins Stachel im Fleische der polnischen Hautpstadt. So richtig wusste nach der Wende niemand etwas mit den poststalinistischen Ungetümen anzufangen, - als historische Monumente wollen "die Sieger der Geschichte" sie bis heute nicht wahr haben. Also umgestalten oder entsorgen? In Warschau stehen die Zeichen auf Abriss, auch weil der "Palast" russischer Herkunft ist.

Der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski hat sich jetzt zum prominenten Fürsprecher der Abriss-Fans gemacht und bevorzugt an der Stelle des "Palastes für Kultur und Wissenschaften", genannt Stalinstachel, einen Park. Als Diplomat bleibt er aber vorerst diplomatisch und zieht eher wirtschaftliche Gründe für den Abbruch heran: das Gebäude vergeude Unmengen von Energie und bräuchte ohnehin bald eine Generalsanierung die bis zu 100 Millionen Dollar kosten könnte. Es wäre doch viel besser, "wenn wir dort einen Park hätten, vielleicht mit einem Teich und einer Brücke, wo die Warschauer und ihre Gäste zum Picknick gehen könnten.", träumte Sikorski jetzt öffentlich.

Europaweit gefürchtete Dialektik polnischer Geschichtsinterpretation

Die mittlerweile europaweit gefürchtete Dialektik offizieller polnischer Geschichtsinterpretation bereicherte Sikorski denn auch gleich mit einem weiteren Kabienttstückchen: der Abriss des "hochsymbolischen" Gebäudes wäre, "unmittelbar nach den Feiern zu 20 Jahren Mauerfall in Berlin", ein "Moment der inneren Reinigung" für Polen, "eine Katharsis", "vergleichbar mit der Zerstörung der orthodoxen Newskij-Kirche Mitte der Zwanziger Jahre." Dazu muss man wissen, dass Polen gerade am 11. November den Tag der Unabhängigkeit begangen hat, wo traditionsgemäß - und nicht nur in Polen - die Emotionalität der Reden in umgekehrtem Verhältnis zu ihrer Ausgewogenheit steht. Im November 1918 begann für Polen eine kurze Phase staatlicher Unabhängigkeit, nach endlosen Teilungen zwischen Preußen, Österreich-Ungarn und dem zaristischen Russland und vor erneuter Besetzung und Zerstörung durch Nazideutschland und wiederum Abhängigkeit, diesmal von der Sowjetunion. Für solche Verletzungen an der nationalen Seele erscheint der Abriss eines hässlichen geschichtlichen Zeugnisses vielleicht sogar als zu kleines Trostpflaster.

Häuser beißen nicht und sperren auch niemanden ein

Stalin schenkte Warschau, ungefragt, diesen Palast. Er wurde von 1952-55 erbaut, Stalin starb darüber, daher mussten später seine Insignien umständlich wieder entfernt werden. Die Dimensionen sind der Ideologie des Bauherren angemessen, freilich, auch die Wolkenkratzer New Yorks oder Chicagos spiegeln in gewisser Weise Weltherrschaftsansprüche. 231 Meter hoch ist der Koloss von Warschau und hat 44 Etagen. Insgesamt gibt es im bis heute größten Gebäude Polens 3.000 Räume, darunter auch etliche Wohnungen sowie Büros, Kinos, Museen, Veranstaltungsräume, auch Galerien junger Künstler, Buchgeschäfte, Lokale.

 

Die Frage wird letztlich sein, was an seine Stellte gerät. Ein Park, so wie ihn sich der polnische Außenminister wünscht, wird es sicher nicht werden. Dazu ist das System, in dem Polen heute in Abhängigkeit lebt, nicht spendabel und großherzig genug. Hässliche Business-Tempel, die alle paar Jahrzehnte durch noch hässlichere ersetzt werden, bis sich irgendwann das heutige System selbst abreißt? In Berlin gibt es zwar den Palast der Republik nicht mehr, der immerhin ein DDR-Eigengewächs war und an dessen Stelle nun ein Nachbau des Stadtschlosses implantiert werden soll, so als hätte es irgendeinen Sinn die Schmierereien eines missratenen Kindes mit dem röhrenden Hirschen in Öl des Großvaters zu verhängen; es gibt aber in Berlin auch noch eine Karl-Marx-Alle mit waschechten Stalinbauten, die 20 Jahre nach dem Mauerfall, zum Teil renoviert, begehrte Wohnadressen geworden sind und niemanden stören, weil es immer darauf ankommt, was der Mensch daraus macht. Straßen und Häuser beißen nicht und sperren auch niemanden ein.

Radio Maryja sendet über Stalins Stachel

Auf der einen Seite sprach und spricht vieles für den Abriss solcher Gebäude, vielleicht aus ästhetischen Gründen, sicher aus solchen der Umweltverträglichkeit und der Wirtschaftlichkeit. Obwohl auch hier die Frage nach einem Zeugenschutzprogramm für eine architektonische Epoche gestellt werden muss. Die Nutzungsanforderungen sind heute einen Hauch diversifizierter als die von Massenhappenings mit Winkelementen. Andererseits ist die Variante "Ground Zero" nicht gerade dazu geeignet, sich mit der Geschichte eines Landes, die sich ja in jeder Hauptstadt spiegeln sollte, auseinander zu setzen. Bildersturm hat immer etwas Unzivilisiertes an sich und wäre letztlich auf gleichem Niveau wie die "Stadtplanung" des real demolierenden Sozialismus. Auf Barberei folgt Barbarei. Dass die Sieger die Stätte des Besiegten nach erfolgreicher Unterwerfung anzünden, ist historisch nichts Neues und menschlich ebenso verständlich wie dumm. Besonders dumm nur, wenn die Sieger selbst drin wohnen und eigentlich mehr Überlebende als Bezwinger sind.

Und so stellt sich auch in Warschau die Frage nach Sinn und Nutzen des - noch nicht entschiedenen - Abrisses eines klotzigen und raumgreifenden Stücks Geschichte, das fast wie der überdimensionierte Stinkefinger Stalins als letzter Gruß des Despoten das Stadtbild der polnischen Hauptstadt dominiert so wie der Kreml Jahrzehnte Osteuropa dominierte. Die Polen wollen den Koloss loswerden, eben auch, weil er russischer Herkunft ist. Doch die Geschichte werden sie dadurch nicht loswerden, die lässt sich nicht abreißen.

Man darf sich allerdings schon auf die Fernsehbilder freuen, wenn vielleicht, nein, ganz sicher, Lech Walesa die erste Sprengladung zünden darf, nach dem er noch einmal erläutert hat, wie er, sein Papst und der Heilige Geist die Wende in sechs Tagen erschaffen und durchgeführt haben. Doch alles hat die Tücke, die es verdient. Die Bilder- und Häuserstürmer müssen nämlich wissen, dass auch Radio Maryja landesweit über Stalins Stachel sendet, jenes homophob-antisemtische Zentralorgan des fanatischen Katholizismus, das selbst den Papst noch für einen verkappten Kommunisten hält. Wie gesagt, auf Barbarei folgt Barbarei und Polen schenkt Stalin einen letzten Sieg.

ms.

| More

 

 

KOMMENTAR IM GÄSTEBUCH ABGEBEN


 

(c) Pester Lloyd

IMPRESSUM

 

Pester Lloyd, täglich Nachrichten aus Ungarn und Osteuropa, Kontakt