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Ungarn ordnet sein Verhältnis zu Deutschland neu – Aussenministertreffen

Große Worte von Vertrauen und Neubeginn zwischen Budapest und Berlin. Hinter der versöhnlichen Rhetorik setzen beide Seiten neue Schwerpunkte, von Ukraine-Politik bis Autoindustrie.

Budapest. Am Montag sprachen in Budapest zwei Außenminister von Freundschaft und einem vertrauensbasierten Kapitel: Anita Orbán und Johann Wadephul formulierten in einer gemeinsamen Erklärung den Anspruch, die deutsch-ungarischen Beziehungen neu aufzusetzen. Wenige Stunden später bestätigte Orbán, dass Premier Péter Magyar am 9. und 10. November zu einem Regierungsbesuch nach Berlin reist – mit Rede bei der Konrad-Adenauer-Stiftung und Treffen mit Bundeskanzler Friedrich Merz.

Die Choreografie ist klar. Nach Jahren, in denen Viktor Orbán in Berlin vor allem als Störfaktor der EU galt, soll Ungarn wieder als berechenbarer Partner auftreten. Wadephuls Reise ist der erste Besuch eines deutschen Außenministers in Budapest seit sieben Jahren. Schon das markiert eine Zäsur: Es geht um die Rückkehr zu normaler Gesprächsfrequenz.

Symbolik mit Checkliste

Die von MTI zitierte gemeinsame Erklärung Orbán–Wadephul greift die großen Vokabeln der europäischen Sonntagsreden auf: tief verwurzelte historische und kulturelle Verbundenheit, fast 35 Jahre deutsch-ungarischer Freundschaftsvertrag, gemeinsame Verantwortung für ein starkes, sicheres, freies und wettbewerbsfähiges Europa. Dahinter steht ein konkreter Arbeitsplan.

Die beiden Außenministerien bekennen sich in ihrer Erklärung ausdrücklich zur Unterstützung der Ukraine, zur europäischen Solidarität und zur Rolle ihrer Länder als EU-Mitgliedstaaten und NATO-Verbündete. Sie wollen die wirtschaftlichen Beziehungen ausbauen, den Binnenmarkt stärken und die europäische Industrie konkurrenzfähig halten. Sie dringen auf europäischen Schulterschluss bei der Energiesicherheit, verweisen auf den Migrationsdruck an den EU-Außengrenzen, erklären das Ziel, illegale Migration zu stoppen und den Schutz der Außengrenzen zu verstärken, und bekräftigen ihre Unterstützung für den EU-Beitrittsprozess der Westbalkan-Staaten. Außerdem sichern sie der Ukraine ihre Unterstützung für einen sofortigen Waffenstillstand und einen umfassenden, gerechten und dauerhaften Frieden zu.

Unter Viktor Orbán waren EU-Ukraine-Hilfen, Russland-Sanktionen und Erweiterungsschritte wiederholt durch ungarische Vetos blockiert. Péter Magyar hatte beim EU-Gipfel im Juni angekündigt, Ungarn werde Vorschläge in Brüssel nicht länger aus innen- oder parteipolitischen Motiven blockieren.

Rechtsstaat als verdeckte Kernagenda

Offen fallen die Reizworte Rechtsstaat und Korruption in der gemeinsamen Erklärung nicht. In Berlin gelten sie dennoch als innerer Kern dieses Neustarts. Das Auswärtige Amt verknüpfte Wadephuls Reise mit der Chance, die Beziehungen neu zu ordnen – vor dem Hintergrund ungarischer Zusagen zu Justizreformen und Korruptionsbekämpfung, von denen die Freigabe eingefrorener EU-Mittel abhängt.

Schon beim ersten Auftritt des ungarischen Premiers in Berlin hatte die deutsche Seite klargestellt, vertiefte wirtschaftliche Kooperation solle auf konkrete Schritte zur Eindämmung von Korruption und zur Wiederherstellung des Rechtsstaats gebaut werden. In dieser Logik wird auch das Treffen von Merz und Magyar im November gesehen.

Wirtschaft, Autos, Batterien – die harte Substanz

Ökonomisch geht es zwischen Berlin und Budapest weniger um Neuerfindung als um Stabilisierung. Außenministerin Orbán erinnerte daran, dass Deutschland Ungarns wichtigster Wirtschafts- und Handelspartner ist: Nach ihren Angaben entfallen 24 Prozent des ungarischen Außenhandels auf den bilateralen Warenverkehr, der mehr als 67 Milliarden Euro erreichte. Sie verwies zudem darauf, dass etwa 2.200 deutsche Firmen in Ungarn rund 230.000 Menschen beschäftigen.

Das Rückgrat dieser Verflechtung ist die Autoindustrie. Audi in Győr, Mercedes in Kecskemét und der neue BMW-Standort in Debrecen machen Ungarn zu einem Knoten im Fertigungsverbund deutscher Hersteller, ergänzt um Elektronik- und Verteidigungsprojekte. Investitionen in dreistelliger Millionen- bis Milliardenhöhe setzen stabile Rahmenbedingungen voraus. Entsprechend genau beobachten deutsche Unternehmen Rechtssicherheit, Sondersteuern und Regulierung in Ungarn.

Der Handel mit Deutschland Boomt. MTI

Die neue Führung versucht, das Standortimage zu reparieren, während sich deutsche Firmen zugleich in einem schärferen Standortwettbewerb mit Nachbarländern wie Polen, Tschechien oder der Slowakei orientieren müssen.

Energie und Russland – alte Abhängigkeiten

Ein zentrales Feld der Neujustierung ist die Energiepolitik: Die gemeinsame Erklärung ruft nach europäischem Schulterschluss für Energiesicherheit. Orbán verwies zudem mit Blick auf den Drohnenangriff auf den Flughafen Leipzig darauf, dass hybride Angriffe, Sabotage und Desinformation gemeinsames europäisches Handeln erfordern.

Der Kurswechsel ist nur teilweise vollzogen. Ungarn nutzt weiterhin bestehende Ausnahmeregelungen bei Energieimporten aus Russland. Gleichzeitig unterstützt die neue Regierung nach Angaben der EU-Organe das 21. Sanktionspaket gegen Russland und hat russische Diplomaten ausgewiesen.

EU, Ukraine, Westbalkan – Ungarn muss beweisen

Péter Magyar hat zugesagt, keine EU-Beschlüsse mehr aus innenpolitischer Taktik zu blockieren. In der Erklärung mit Wadephul betonen beide Seiten die Unterstützung für Souveränität und territoriale Integrität der Ukraine, verknüpft mit der Forderung nach einem sofortigen Waffenstillstand und einem umfassenden, gerechten und dauerhaften Frieden in Freiheit.

Für Berlin ist entscheidend, dass Budapest Ukraine-Hilfen und Erweiterungsschritte nicht mehr als Hebel in Haushalts- und Rechtsstaatsstreitigkeiten nutzt. Gleichzeitig setzt die neue ungarische Regierung – in Kontinuität zur Vorgängerin – nach Darstellung von Außenministerin Orbán auf die Integration des Westbalkans. Hier treffen sich strategische Interessen und der Wille, verlorenes Vertrauen aufzubauen.

Der Abstand zur alten Vetopolitik ist sichtbar, aber erst im Entstehen.

Innenpolitische Spiegelungen auf beiden Seiten

Das neue Kapitel ist auch ein Stück Innenpolitik – in Budapest wie in Berlin. Ungarns Präsident András Baka sprach beim Empfang Wadephuls im Sándor-Palast von einer tief verwurzelten historischen Freundschaft und einem strategischen Bündnis mit Deutschland, betonte die Bedeutung der vielfältigen bilateralen Beziehungen und bekannte sich zum Ziel, das Vertrauen zu den europäischen Verbündeten wiederherzustellen und gemeinsame Werte neu in den Mittelpunkt zu rücken.

Für die Bundesregierung fügt sich ein tragfähiger Neustart mit Budapest in das Bild eines klar EU- und NATO-verankerten Kurses, der zugleich auf eine konstruktive Rolle Ungarns im Rat setzt. Zu weitgehende Zugeständnisse in Rechtsstaatsfragen würden in Berlin jedoch auf Widerstand stoßen – auch mit Blick auf andere EU-Partner, die auf eine konsequente Anwendung der Mechanismen pochen.

Im November treffen sich also zwei Regierungschefs zu bilateralen Konsultationen in einem angespannten europäischen Umfeld.

Quellen: MTI, Auswärtiges Amt, tagesschau.de
Photo: Anita Orbán und Johann Wadephul bei ihrer gemeinsamen Pressekonferenz in Budapest: Der Neustart soll auf Vertrauen beruhen, Globetrotter19 / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

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ursulus
ursulus
29 Tage zuvor

Ich bin sehr traurig und etwas irritiert.
Am 1. September hatte ich ein Abo für die PDF Lieferung abgeschlossen. Der Monatsbetrag von acht Euro wurde abgebucht. Bis heute habe ich die Zeitung nicht erhalten. Das Abo hab ich daher wieder gekündigt. Schade schade schade!

István
István
29 Tage zuvor

Ein komplizierter Besuch war das nicht. Beide Außenminister sind konservative Europäer mit gemeinsamen demokratischen Werten. Ungarn kann nur gewinnen, seitdem die selbstgewählte Isolation vorbei ist. Natürlich muss die Regierung einen weiten Weg gehen um den angerichteten Schaden der letzten 16 Jahre zu reparieren, die Abhängigkeit von Russland zu beenden und den international ramponierten Ruf zu reparieren. Da sind die gemeinsamen Ansichten schon eine Hilfe das Verhältnis wieder in Ordnung zu bringen.

sozialstaat
sozialstaat
13 Tage zuvor
Antwort auf  István

Dass die Isolation vorbei ist, ist gut. Doch wenn die gemeinsamen Werte wirklich demokratisch sind, warum landen die öffentlichen Gelder dann weiter bei den immer gleichen Günstlingen statt bei den Haushalten, die jeden Forint zweimal umdrehen müssen?

István
István
11 Tage zuvor
Antwort auf  sozialstaat

Der ungarische Staat steckt in wesentlich mehr Problemen als der Aufarbeitung der Vergangenheit des Orbán Regimes. Es ist auch die Gestaltung der Zukunft mit beschränkten Möglichkeiten. Orbán hat die Wirtschaft durch seine willkürlichen Eingriffe so gestaltet, dass es kaum noch Firmen gibt, die in der Lage sind an öffentlichen Ausschreibungen teilzunehmen. Und aufgrund der EU-weit gültigen Regeln kann eine Firma nicht allein deswegen ausgeschlossen werden, weil der Gründer in einem Nahverhältnis zu einem ehemaligen Ministerpräsidenten steht. Natürlich ist das in diesem Fall moralisch unerträglich, lässt sich aber mit rechtsstaatlichen Mitteln leider nicht verhindern. Noch gibt es kein einziges rechtskräftiges Urteil, das ist aufgrund der Kürze der Zeit nicht zu erwarten. Dass Bewegung in die Sache kommt ist aber auch sichtbar, die ersten Oligarchen haben schon Konkurs angemeldet oder sind verhaftet. Nicht mehr als ein Anfang, aber der Richtige. Auf der anderen Seite sind Kinder und Rentner als vom Orbán Regime stark benachteiligte Gruppen zum mit einem Zuschuss zum Schulbeginn bzw. mit der Vervierfachung der Mindestaltersrente auch schon bedacht worden. Auch das ist natürlich nur ein Anfang. Wenn wir uns ansehen in welcher desolaten Haushaltslage Orbán das Land hinerlassen hat ist es verwunderlich, dass es überhaupt möglich war. Nach einem FIDESZ Wahlsieg hätten die Kürzungen wieder einmal die Schwächsten getroffen, denn für den Luxus der Regierenden und der Oligarchen waren immer unbegrenzte Mittel da, das hätte sich unter Orbán auch 2026 nicht verändert.

István
István
11 Tage zuvor
Antwort auf  sozialstaat

Der ungarische Staat steckt in wesentlich mehr Problemen als der Aufarbeitung der Vergangenheit des Orbán Regimes. Es ist auch die Gestaltung der Zukunft mit beschränkten Möglichkeiten. Orbán hat die Wirtschaft durch seine willkürlichen Eingriffe so gestaltet, dass es kaum noch Firmen gibt, die in der Lage sind an öffentlichen Ausschreibungen teilzunehmen. Und aufgrund der EU-weit gültigen Regeln kann eine Firma nicht allein deswegen ausgeschlossen werden, weil der Gründer in einem Nahverhältnis zu einem ehemaligen Ministerpräsidenten steht. Natürlich ist das in diesem Fall moralisch unerträglich, lässt sich aber mit rechtsstaatlichen Mitteln leider nicht verhindern. Noch gibt es kein einziges rechtskräftiges Urteil, das ist aufgrund der Kürze der Zeit nicht zu erwarten. Dass Bewegung in die Sache kommt ist aber auch sichtbar, die ersten Oligarchen haben schon Konkurs angemeldet oder sind verhaftet. Nicht mehr als ein Anfang, aber der Richtige. Auf der anderen Seite sind Kinder und Rentner als vom Orbán Regime stark benachteiligte Gruppen zum mit einem Zuschuss zum Schulbeginn bzw. mit der Vervierfachung der Mindestaltersrente auch schon bedacht worden. Auch das ist natürlich nur ein Anfang. Wenn wir uns ansehen in welcher desolaten Haushaltslage Orbán das Land hinerlassen hat ist es verwunderlich, dass es überhaupt möglich war. Nach einem FIDESZ Wahlsieg hätten die Kürzungen wieder einmal die Schwächsten getroffen, denn für den Luxus der Regierenden und der Oligarchen waren immer unbegrenzte Mittel da, das hätte sich unter Orbán auch 2026 nicht verändert.

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