|
(c) Pester Lloyd / 03 - 2010 WIRTSCHAFT 21.01.2010
Panik im Villenviertel
Erstaunlich viel Wirbel um eine Reichensteuer im armen Rumänien
Kapital ist ein scheues Reh. Besonders schreckhafte Exemplare scheinen in Rumänien zu leben, wo kleine Gerüchte genügen, um ganze Rehrudel auf
zwei Beinen in die Schweizer Bergwelten zu jagen. Der Vorschlag einer Reichensteuer für all jene, die mehr als eine halbe Million Euro auf dem Konto
haben, verschreckt offenbar Zigtausende, brave Geschäftsleute denken an Offshore, Banken beraten sich wund...
Blick ins Bankenviertel von Bukarest, wo die Privatberater Überstunden schieben müssen...
Die rumänische Wirtschaftstageszeitung Ziarul Financiar berichtet in ihrer jüngsten
Ausgabe von einer neuerlichen "Panik-Welle", also einer Art Wildwechsel, der auf dem Gerücht beruht, die rumänische Regierung könnte eine Sonder- bzw.
Reichensteuer für all jene einführen, die Vermögen von mehr als 500.000 EUR auf der Bank liegen haben. "2008 gab es schon einmal eine ähnliche Panik, jetzt
kommen die Kunden wieder und fragen aufgeregt, was dran ist", wird der Chef der Privatkundenabteilung "einer lokalen Bank" zitiert, ohne Namen freilich. Die
Kunden, so der Informant, suchten nicht einmal mehr nach Profit, nur nach Sicherheit, erklärt er weiter.
Einer, der mehr weiß als das Finanzamt
Mitte Januar hatte ein Abgeordneter der Sozialdemokratischen Partei die Idee einer
Reichensteuer, die jährlich 0,5% dessen, was ein Einzelner mehr als 500.000 EUR besitzt, besteuert. Bei einer Bankeinlage von 1 Million EUR wären das also 2.500
EUR im Jahr. Das ist ärgerlich, bringt aber niemanden um, vor allem nicht im bettelarmen Rumänien, möchte man meinen. Wenn man aber die Panik
betrachtet, wie sie das Finanzblatt schildert (oder lanciert), müssen wahrlich unermessliche Reichtümer auf den Bankkonten der Rumänen lagern. Der
missgünstige Sozialist, der die Steuer ausgebrütet hat, sagt "so weit ich weiß", gibt es in Rumänien mehr als 20.000 Bürger, die über Vermögen von mehr als 500.000
EUR verfügen und der zu erwartende Benefiz für den Staatshaushalt betrüge etwa 200 Millionen EUR im Jahr. Damit weiß der Mann vermutlich mehr als das Finanzamt, aber gut.
"Die Reichsten" in Rumänien haben ein Drittel von den Ärmsten in Deutschland
Wie reich einige dieser oberen 20.000 sein müssen, erschließt sich wohl erst, wenn
man weiß, wie arm die anderen paar Millionen sind. Der GfK-Kaufkraftbericht für 2009 sagt uns dazu folgendes: Die Einwohner Rumäniens verfügen über eine
Kaufkraft von 3.103 Euro pro Person und Jahr (das sind 8 EUR am Tag), in Europa ist das Platz 33. Der mit Abstand reichste Kreis ist Bukarest, 4.383 Euro (pro Jahr)
je Einwohner und damit über 40% mehr als der rumänische Durchschnitt und etwa fast so viel wie der Landesdurchschnitt von Lettland. "Aber die Menschen in dem
reichsten Kreis Rumäniens verfügen im Schnitt nur über etwa ein Drittel der Kaufkraft des ärmsten Kreises Deutschlands", sagt GfK. Und: der Gegensatz
zwischen arm und reich in Rumänien hat sich verstärkt, da der ärmste Kreis weiter verloren und der reichste hinzugewonnen hat. Und hier geht es nur um offizielle Zahlen!
Brave Steuerzahler, unschuldig zum Off-Shore gezwungen
Die Zeitung berichtet von einem
"Unternehmer, der im letzten Jahr 2 Millionen EUR Steuern an den rumänischen Staat gezahlt hat", aber, obwohl er doch so ein vorbildlicher Steuerzahler ist, lieber namentlich nicht
genannt werden will. Dieser sagt, nein droht: "Der Staat wird nicht viel von einer solchen Steuer haben, die Geschäftsleute werden natürlich ihre Bankkonten ins Ausland
verlagern, ja sie werden für ihr Geld sogar ihre Staatsbürgerschaft wechseln." - Er selbst werde seine Geschäfte demnächst sowieso
über Off-Shore-Firmen abwickeln, damit habe sich das Steuernzahlen in Rumänien dann sowieso erledigt.
"Der Geschäftsmann" Dinu Patriciu (Foto, u.a. Chef der Rompetrol, prominentes
Mitglied der Liberalen Partei, Strippenzieher und graue Eminenz) schätzte, dass die "reichen Rumänen" etwa 12 Milliarden EUR auf Schweizer Bankkonten parken. Das
wäre jedenfalls mehr als die Hälfte dessen, was alle anderen Rumänen auf den Konten haben und es klingt ein bisschen so, als hätte der Großmogul Patriciu
(nomen est omen) sie selbst verteilt und wisse es daher so genau. Er firmiert nämlich als reichster Rumäne. Doch genaue Daten über die Kapitalbewegungen ins
Ausland gibt es ohenhin nicht, resümiert Ziarul Financiar. Na hoffentlich gibt es die wenigstens über Kapitalbewegungen in inländische Safes und Matratzen...
Hintergrund:
Rumäniens Millionäre (Nov. 2008) bei ""Rumänien stellt sich vor"
http://www.inforumanien.com/component/content/article/10-top-themen/160-ru
maeniens-millionaere.html
KOMMENTAR IM GÄSTEBUCH ABGEBEN
|