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(c) Pester Lloyd / 24 - 2010 BUDAPEST 19.06.2010
Die Umgebetteten
Zur bewegten Geschichte einer letzten Ruhestätte: der Kerepeser Friedhof in Budapest
56 Hektar nationale Erinnerungskultur und eine wunderschöne Parkoase: Der Kerepeser Friedhof am Rande der Józsefváros beherbergt seit 1849 die großen
Helden, Staatsmänner, Revolutionäre und Künstler der ungarischen Nation. Dabei haben nicht nur die hier Bestatteten turbulente Zeiten hinter sich. Die bewegte
Geschichte der letzten anderthalb Jahrhunderte hat auch auf dem Friedhof selbst Spuren hinterlassen.
Der markante Arkadengang
Der erste Blick auf den Wegeplan direkt am Eingang des Kerepeser Friedhofs (ung.
Kerepesi temető oder Fiumei úti Sírkert) trügt: was auf der Karte aussieht wie eine ordentlich durchnummerierte, von einem geometrischen Muster an Gängen
durchzogene Parkanlage, entpuppt sich bereits nach den ersten Minuten des Rundgangs als unsortierter und zerstreuter als es vielleicht die Absicht der Planer in der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts gewesen ist. Die kleineren Gräber sind nicht immer säuberlich am Wegesrand aufgereiht, sondern oft sehr zerstreut auf den Rasenflächen verteilt.
Das Grab des Revolutionshelden und Nationaldichters Sándor Petöfi
Verwundern sollte diese vermeintliche Unordnung
jedoch nicht, schließlich ist sie das Ergebnis bewegter ungarischer Nationalgeschichte. Der Kerepeser Friedhof wurde im Juni 1847 im Sinne einer „Ruhmesstätte der ungarischen Nation“
eröffnet und die erste Bestattung im April 1849 vorgenommen. Die Errichtung des Friedhofs fiel in eine Zeit, in der die Ungarn (genauso wie andere
europäische Nationen) auf verstärkter Suche nach nationalen Symbolen war, um die frisch geschaffene nationale Identität im Bewusstsein der Bevölkerung zu verankern. Gerade die Schaffung
eines zentralen Gedenkortes für die großen Helden Ungarns schien für dieses Ziel ideal.
Die zeremonielle Umbettung – eine ungarische Spezialität
Schon früh entwickelte sich in diesem Zusammenhang ein politisches Begräbnisritual
heraus, das sich fast schon als „ungarische Spezialität“ bezeichnen lässt, die zeremonielle Umbettung bereits früher Bestatteter. Das erste Wiederbegräbnis dieser
Art fand bereits 1870 in Kerepesi statt, als man den ersten revolutionären Ministerpräsidenten Ungarns, Lajos Batthyány, der 1849 von den Habsburgern
exekutiert worden war, rehabilitierte und ihn unter einer von zwei Löwen geschmückten Prachttreppe beisetzte. Auch der Leichnam des 1894 verstorbene
Revolutionshelden Lajos Kossuth wurde aus dem Exil in Turin geholt und in einer großen Prozession in Budapest erneut zu Grabe getragen. Diese Tradition der Umbettung
überlebte mehrere historische Regimewechsel und wurde auch im Kommunismus und nach 1989 weitergeführt, um dem politischen Verlangen nach
Vergangenheitsbewältigung und Neuinterpretation der Geschichte nachzukommen. Imre Nagy war das bisher letzte prominente Beispiel dafür.
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Die monumentalen Anlagen für Lajos Batthyany und Lajos Kossuth
Vereinnahmung durch den Kommunismus
Gerade den kommunistischen Machthabern aber
bereitete der Kerepeser Friedhof zunächst einiges Kopfzerbrechen, schließlich waren viele der hier Bestatteten nach neuer Lesart „Unterdrücker der Arbeiterklasse“ gewesen. Daher wurde der
Friedhof zunächst 1952 für Begräbnisse geschlossen und es wurde sogar überlegt, den Friedhof einzuebnen und auf dem Gelände eine Wohnsiedlung zu errichten. Man ließ jedoch bald
wieder von dieser makaberen Idee ab und versuchte stattdessen, den Friedhof ideologisch für das Regime zu vereinnahmen.
Hierzu wurde 1958 das „Pantheon der Arbeiterbewegung“ im Westteil errichtet, in dem dann u.a. der Dichter Attila József nach erneuter Umbettung seine dritte
Ruhestätte als „Dichter der Arbeiterklasse“ fand. Bis 1989 wurden zudem nur noch Staatsbegräbnisse für realsozialistische Würdenträger abgehalten.
Das Grab von János Kádár und das Pantheon der Arbeiterbewegung
Die Gräber aus dieser Zeit blieben nach dem Systemwechsel weitgehend unangetastet, aber man bemühte
sich dennoch, wieder einige Neuinterpretationen der Geschichte vorzunehmen. So richtete man etwa ein Mahnmal für die Helden des Aufstands von 1956 ein – und bettete
Attila József ein viertes Mal um.
Mehr als nur ein nationales Freilichtmuseum
Anderthalb Jahrhunderte politischer Vereinnahmung durch verschiedene Machthaber
haben ihre Spuren auf dem Kerepeser Friedhof hinterlassen. Künstlerisch gestaltete Grabstätten, teils bombastische Pantheone und Mausoleen aus verschiedenen Epochen
zeugen von einer Gedenktradition, die alles andere als einheitlich und unveränderlich war.
Für den Flaneur lassen sich hier viele Spuren ungarischer Zeit- und Budapester
Stadtgeschichte, in ihrem ganzen Spekturm entdecken. U.a. finden sich hier die Gräber des ersten frei gewählten Ministerpräsidenten des Nachwendeungarn, József Antall sowie
seines Vorgängers János Kádár, die der Dichter Mihály Babits und Attila József, des Nationalkomponisten (Oper Bánk bán, Nationalhymne) Ferenc Erkel, des ersten
Filmtheoretikers, Dichters und Enfant terrible der Kaffeehäuser Béla Balázs, des Malers Tivadar Csontváry, der Nobelpreisträger und Wissenschaftler George de Hevesy und Loránd
Eötvös. Die Industriellenfamilie Ganz, die Restaurant-Dynastie Gundel, der Arzt und "Retter der Mütter" Ignaz Semmelweis, "Graf" Mihály Károlyi, Präsident der ungarischen
Räterepublik 1918–1919 sowie auch die letzte Ruhestätte von Max Falk (Foto rechts), Vertrauter und Ungarischlehrer von Königin Sisi und über vierzig Jahre Chefredakteur dieser Zeitung.
Doch der Kerepesi temető ist mehr als ein nationales Freilichtmuseum. Er ist auch eine
wunderschöne Parkanlage mit Kastanienalleen, leicht verwilderten Grünflächen und architektonischen Kleinodien wie dem italienisch angehauchten Arkadengang im
Zentrum. Eine grüne Oase des Friedens in unmittelbarer Nähe zum Trubel des Ostbahnhofs.
Christian Pasche
Kerepesi temeto / Fiumei úti Sírkert: Fiumei út 16, 1086 Budapest
Öffnungszeiten: Mai-Juli tägl. 7-20 Uhr; April/August tägl. 7-19 Uhr; September tägl. 7-18 Uhr; März/Oktober tägl. 7-17 Uhr; November-Februar tägl. 7.30-17 Uhr Eintritt frei
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