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(c) Pester Lloyd / 47 - 2010
POLITIK 22.11.2010
Nationaltheater
Ungarn vs. Rumänien: eine Tragikkomödie in vier Akten
Sollte der polnische oder französische Botschafter in Berlin auf die Idee kommen, das Deutsche Theater für einen Festakt anlässlich seines Nationalfeiertages
anzumieten, es wäre wohl kaum eine Meldung wert. Wenn aber der rumänische Botschafter in Budapest das Ungarische Nationaltheater anmietet, ach was, zu
okkupieren versucht, ist in Budapest der Teufel los. Derweil tagt die „Nationalversammlung“ der Rumänienungarn im ungarischen Parlament, in Bukarest blieb es aber ruhig.
Für Rumänen eine uninnehmbare Trutzbrug. Das Ungarische Nationaltheater amDonauufer in
Budapest. Erst seit kurzem hat die “nationale Institution” nach langen Kämpfen eine solch große und feste Spielstätte.
Vorspiel im Himmel
Die renommierte französische Tageszeitung Le Figaro notierte anlässlich der gerade
stattgefundenen Reise des ungarischen Ministerpräsidenten nach Paris, dass im Büro des künftigen EU-Ratspräsidenten zwar viele ungarische, jedoch keine Europaflaggen zu
sehen sind. Viktor Orbán könnte sich ob solch seltener Aufmerksamkeit geschmeichelt und auch daran erinnert fühlen, dass man bei Flaggen und Symbolen nicht nur in Ungarn
sehr empfindlich sein kann. Orbán vermied während seiner Reise in die Trianesische Löwenhöhle auch jede überschwängliche Werbung für die bizarren Vorstellungen
gespielter Nationalhysterie, die derzeit täglich an der Donau gegeben werden.
Ein laizistischer Nationalstaat, deren Bürger aufgrund ihrer Geburt auf dem Territorium
Franzosen werden, das ist der komplette Gegenentwurf zu der neuen Blut-und-Boden-Ideologie mit Anbetung von Stephanskrone und Bigotterie, wie sie
derzeit in Ungarn um sich zu greifen scheint. Aber was wissen schon die Franzosen. Während Orbán in Paris also den "nice guy" spielte, zeigt diese Episode aus Budapest,
von wem Europa wirklich in Bälde präsidiert wird.
1. Akt: Rumänien versucht das ungarische Nationaltheater zu okkupieren
Der rumänische Botschafter, besser gesagt das rumänische Kulturinstitut, fragte kürzlich
beim Ungarischen Nationaltheater an, ob man ihm für den 30. November den Saal für einen Festakt anlässlich des 1. Dezembers, des rumänischen Tages der Einheit vermieten
könnte (am 1. Dezember 1918, nach Ende des Ersten Weltkrieges, wurde das bis dahin österreichisch-ungarische Siebenbürgen an das Königreich Rumänien angeschlossen, was
als Fanal für die Abtrennung durch die Verträge von Trianon gewertet wird).
Alles ging seinen Gang, die Vereinbarung wurde mündlich geschlossen, die Botschaft
versandte Einladungen, den Gepflogenheiten gemäß, zuerst an die offiziellen Vertreter des Gastlandes. Das hätte man lieber lassen sollen. Denn von dort brauste ein Sturm der
Entrüstung über den Botschafter, mehr aber noch über den Intendanten Róbert Alföldi, der an Künstelei und Falschheit selbst eine ganz brauchbare Schmierenkomödie,
zumindest für eine abgetakelte Provinzbühne, abgeben könnte:
2. Akt: Die vereinigte ungarische Heimatfront vereitelt den Angriff
Die Regierungsparteien FIDESZ und KDNP fragten empört, ob denn dem Herrn
Theaterdirektor „der Ernst der Angelegenheit“ nicht bewusst sei. „Der Chef einer nationalen Institution“ sollte sich doch „im Klaren darüber sein“, dass „der Verlust von
Siebenbürgen bis in unsere Tage ein tiefes Trauma für die Mehrheit der ungarischen Nation darstellt“. Dass der tragische Tag dieses Verlustes in Rumänien ein Feiertag ist,
sei schon schlimm genug. Es aber zuzulassen, dass sie ihn in einem „symbolischen Raum nationaler Kultur“ begehen, ist der absolute Gipfel der Rücksichtslosigkeit. Die
noefaschistische Jobbik kündigte für den 1. Dezember eine Demo vor dem Theater an, um die richtige Antwort auf die „gezielte Provokation“ der Rumänen zu geben.
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Passend zum Thema läuft im Nationaltheater gerade das Stück “Magyar Ünnep”, “Ungarischer
Feiertag” über Leben und Politik im nördlichen Siebenbürgen der Vierziger Jahre. Dort werden nicht nur Fragen an die rumänische Seite gestellt, sondern auch an die ungarische...
3. Akt: Der Schuldige erkennt den Ernst der Lage nicht
Völlig überfahren von der Heftigkeit der Angriffe, stornierte Direktor Alföldi die
Vereinbarung mit der rumänischen Botschaft und demonstrierte sogleich die große Distanz, die zwischen Kulturmenschen und dem politischen Mainstream entstanden ist.
Seine Absicht „war es doch nicht, irgendjemandes Gefühle“ zu verletzen, „mein Eindruck war es, dass eine solche Veranstaltung helfen könnte, Ungarn und Rumänen
einander näher zu bringen, abseits der stürmischen historischen Ereignisse, eben durch Kunst und Kultur.“ Er glaubt weiter daran, dass man die „Schmerzen der Vergangenheit
in Europa verantwortungsvoll heilen“ solle, könne aber „die Situation“ nicht ignorieren.
Seine Erklärung, die er auch auf der Internetseite
seines Theaters veröffentliche, mag für viele schlüssig, modern, ja europäisch klingen. In Ungarn ist sie heute fahrlässig naiv, geradezu weltfern, sie wird ihn mit
Sicherheit seinen Posten kosten, zumal sie weit von einer demütigen Entschuldigung entfernt klingt. Der Künstlerische Direktor der Ungarischen Staatsoper,
Balázs Kovalik, verlor im Sommer seinen Job, weil er es wagte, das operale Nationalepos „Bánk bán“ im Jahr des 200. Geburtstages des Komponisten Ferenc Erkel
von einem Italiener(!) inszenieren lassen zu wollen. Kurz danach flog dann auch - freilich aufgrund finanzieller Unregelmäßigkeiten - der ganze Rest der
Direktion. Generalmusikdirektor Ádám Fischer schmiss entnervt hin. Hier mehr dazu
Auf ihn hat sich die Wut der Nationalkonservativen eingeschossen: Direktor Róbert Alföldi
4. Akt: Der Rächer der Kulturnation tritt auf
Eingefädelt werden diese kulturellen Säuberungen, derer es noch mehr gibt und geben
wird, unter anderem von dem für Kultur zuständigen Staatssekretär im Ministerium für „Nationale Ressourcen“, Géza Szőcs. Der Mann ist ein ambitionierter Heimatdichter und
ein vorzüglicher Székler (Ungar aus Siebenbürgen), der nach politischer Verfolgung in die Schweiz exilierte und nach der Wende sogar kurz im rumänischen Parlament saß. Der
von der Securitate schikanierte Mann, sieht sich jetzt offenbar selbst als Wiedergutmachungsbeauftragter für historische Ungerechtigkeiten. Dass der ehemalige
Redakteur von Radio Free Europe selbst zum kleinen Diktaktor mutieren könnte, ist nichts, was sich in Ungarn heute jemand laut auszusprechen traut. Außerdem
kandidierte der noch junge Theaterdirektor Alföldi einmal auf einer Regionalliste der Sozialisten, was ihn als Hüter des Nationaltheaters heute ganz automatisch
disqualifiziert. Abgesehen davon, sind seine Inszenierungen und die von ihm ins Haus geholten weitgehend mit Progressivität infiziert, was gerade die vorletzte Mode in Budapest ist.
Feierliches Nachspiel im Parlament
Während man dem rumänischen
Botschafter also die Kündigung des Mietvertrages zustellte, die dieser bedauerlich, aber „aufgrund des ausgeübten politischen Druckes verständlich“ fand, tagte am Freitag im
Ungarischen Parlament die „Székler Nationalversammlung“. Feierlich kostümiert schritten die Abgesandten der Siebenbürger Ungarn die rote Treppe in die heiligen Hallen der Republik
hinauf, hielten vor den Insignien des ungarischen Königtums, der Stephanskrone nebst Zepter und Zankapfel inne zum Gebet (Foto). Anschließend berieten die rumänischen
Staatsbürger ungarischer Herkunft, wie man die weitestgehende kulturelle und administrative Autonomie von Rumänien erreichen könnte. Parlamentspräsident László
Kövér verkündete den Satz: „Eine europäische Einigung wird ohne nationale Einigung nicht möglich sein.“ Am Parlament wehte die Flagge der Székler. Man stelle sich eine
solche Szene einmal im Deutschen Bundestag, dann vielleicht Schlesien oder das Elsass betreffend vor. Aus Rumänien kam nicht einmal ein Protest, was etwas verwirrend ist.
Sollten "die Bösen" dann doch die Besonnenen sein?
-red. / M.S.
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