Bei einem Gespräch mit Judit Pecak, Eigentümerin des Massolit Buchcafé in Budapest, geht es um Bücher, Politik und die besondere Rolle des Ortes als Treffpunkt und Gemeinschaftsraum.
Budapest. Judit Pecak sieht sich nicht nur als Eigentümerin, sondern übernimmt im Alltag praktisch alle Rollen selbst: vom Management bis hin zu operativen Aufgaben wie Reinigung oder Lieferungen. Die Entscheidung, das Buchcafé zu betreiben, ergab sich aus einer Gelegenheit, nicht aus einer klassischen beruflichen Laufbahn im Buchhandel. Ursprünglich hatte ein befreundeter Buchhändler aus Krakau die Idee, eine Filiale in Budapest zu eröffnen. Da sich das Geschäft jedoch aus der Ferne schwer führen ließ, übernahm sie schließlich den Laden.
Als das Massolit Buchcafé 2011 entstand, war das jüdische Viertel im 7. Bezirk noch ziemlich ruhig und weit entfernt von dem touristischen Boom, der ab etwa 2015 einsetzte. Seit der Übernahme hat sich das Geschäft stetig weiterentwickelt und seine „Service“ erweitert – etwa durch die Einrichtung eines eigenen Gartens. Das Sortiment setzt sich aus verschiedensten Quellen zusammen. Ein wichtiger Bestandteil sind gebrauchte Bücher, die teils aus Spenden stammen, teils gezielt angekauft werden. Judit Pecak betont besonders den Charakter dieser Bücher, da sie oft eine eigene Geschichte mitbringen und gelegentlich persönliche Spuren früherer Besitzer enthalten, oft mit wertvollen Notizen. Ergänzt wird das Angebot durch neue Bücher sowie sogenannte Restposten von Verlagen, die günstiger verkauft werden, weil sie leichte Lagerspuren haben. Der Großteil der Bücher im Massolit Buchcafé ist auf Englisch. Wenn jedoch Second-Hand-Bücher in anderen Sprachen hereinkommen, werden diese ebenfalls ins Sortiment aufgenommen. Dazu kommen auch Spanisch, Italienisch, etwas Ungarisch und Russisch. Neben Büchern gibt es auch Kaffee und kleinere Kunstprodukte. Der Kaffee kommt von einer lokalen Rösterei – generell wird versucht, möglichst viel lokal zu beziehen und mit kleinen Betrieben zusammenzuarbeiten.

Unabhängige Stimmen im ungarischen Buchhandel
Im ungarischen Buchmarkt versteht sich der Laden bewusst als unabhängige Alternative zu großen Ketten. Diese dominieren laut Judit Pecak den Markt und setzen vor allem auf Masse, während kleinere Buchhandlungen stärker auswählen und kuratieren. Kritisch sieht sie außerdem die enge Verbindung großer Ketten zur Politik rund um Fidesz.
Bei der Auswahl der Bücher im Massolit Buchcafé spielt vor allem der persönliche Geschmack von Judit Pecak eine große Rolle. Unter progressiven Themen versteht sie unter anderem Feminismus, LGBTQIA+-orientierte Inhalte oder politische Klassiker. Statt sich am Markt zu orientieren, nimmt sie das ins Sortiment, was sie selbst spannend und vielseitig enpfindet. So entsteht eine bunte Mischung, die auch progressive Themen aufgreift und in der Belletristik unterschiedliche Genres und Klassiker verbindet.
Staatliche Eingriffe, etwa bei bestimmten Buchinhalten, hätten ihren Laden aufgrund von dessen Größe dagegen kaum betroffen. In der Praxis seien entsprechende Kontrollen schwer umsetzbar, unter anderem wegen sprachlicher Hürden und mangelnder personeller Ressourcen. Daher habe man solche Vorschriften im Alltag weitgehend ignorieren können, während andere, große Buchhandlungen teilweise von den staatlichen Einschränkungen betroffen waren.
„Ich glaube, das Problem mit Mainstream-Büchern ist einfach, dass sie herzlos sind – es ist, als würde man Schuhe verkaufen, aber Bücher sind keine Schuhe“
Ein progressiv ausgerichteter Buchladen unter der Regierung von Viktor Orbán war für Judit Pecak lange kein großes Problem – vor allem, weil der Laden klein und eher unauffällig ist – ein „versteckter Ort“, den nur die finden, die gezielt danach suchen.
Trotzdem gab es immer wieder Spannungen, besonders rund um ein umstrittenes Buch mit neu erzählten ungarischen Märchen. Daraufhin kam es zu Drohungen, einzelne Presseveranstaltungen im Massolit Buchcafé mussten besonders gesichterz werden, und einmal standen sogar Demonstrierende mit religiösen Symbolen vor dem Laden. Für Judit Pecak gehört das aber auch zur Unabhängigkeit dazu – sie sagt klar, dass sie selbst entscheidet, welche Bücher verkauft werden.
Ironischerweise hat genau dieser Konflikt dem thematisierten Buch sogar geholfen: Nachdem die Politikerin Dúró Dóra von der rechtsextremen Partei Mi Hazánk öffentlich Exemplare zerstört hat, wollten plötzlich viele Leute das Buch kaufen – es wurde ein Verkaufserfolg. Ein Streisand-Effekt.

von Virginia Woolf.
Ein neues politisches Gefühl im Alltag
Politische Veränderungen auf nationaler Ebene werden von Judit Pecak weniger in konkreten Auswirkungen auf den Betrieb gesehen, sondern eher in einer veränderten gesellschaftlichen Stimmung. Sie beschreibt eine optimistische Haltung gegenüber aktuellen Entwicklungen und hebt hervor, dass sich viele Menschen stärker als handelnde Akteure in einer politischen Landschaft wahrnehmen. Diese Wahrnehmung von gesellschaftlicher Selbstwirksamkeit nimmt sie, trotz ihrer Einschätzung von Péter Magyar als konservativem, wenig progressivem politischen Akteur, als neue Erfahrung wahr
„Was ich am Regimewechsel hoffnungsvoll finde, ist, dass es sich im Moment nicht nach der Regierung anfühlt, sondern nach uns. Es wirkt nicht so, als hätte die neue Regierung oder Péter Magyar die Wahl gewonnen, sondern als hätten wir, die Ungarn, sie gewonnen – und ihm die Möglichkeit gegeben, es richtig zu machen.“
Ein Ort für Gemeinschaft und Kultur
Wie viele kleine Unternehmen hatte auch das Massolit Buchcafé besonders während der COVID-19-Zeit mit Schwierigkeiten zu kämpfen. In dieser Phase hat sich aber gezeigt, wie wichtig das Umfeld ist: Vermieter und Stammkundschaft haben geholfen, den Laden am Laufen zu halten. Pecak sagt selbst, dass gerade die persönliche Beziehung zu den Gästen zentral ist – viele kennt sie und weiß auch, was sie gerne lesen.
Gleichzeitig ist das Buchcafé mehr als nur ein Geschäft. Über die Jahre sind dort viele Veranstaltungen entstanden, etwa Buchclubs oder Lesungen, auch wenn solche Formate oft von einzelnen Initiativen abhängen und nicht dauerhaft bleiben. Aktuell gibt es zum Beispiel regelmäßige offene Poetry-Abende. Insgesamt beschreibt Judit Pecak den Ort als ruhigen Treffpunkt, an dem sich Menschen mit ähnlichen Interessen begegnen und auch selbst Projekte anstoßen.
Außerdem wird der Raum immer wieder kulturell genutzt. In der Vergangenheit gab es Kooperationen mit Einrichtungen wie der Budapest Gallery für Ausstellungen internationaler Künstlerinnen und Künstler. Zuletzt wurde auch eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Polnischen Institut organisiert. Die Ausstellung zeige Werke der polnischen Malerin Tamara de Lempicka, die 1898 in Warschau geboren wurde und 1980 in Mexiko starb und als bedeutende Art-déco-Künstlerin bekannt ist. Pecak beschreibt ihre Relevanz dadurch, dass sie bereits damals ein stark modernes, selbstbestimmtes Frauenbild verkörpert habe – sogar so sehr, dass sie rückblickend als eine Art „Feministin vor dem Feminismus“ beschrieben werde. Auch wenn solche Kooperationen nicht dauerhaft sind, bleibt der Laden offen für Events wie Ausstellungen, Lesungen oder Buchvorstellungen.
„Und wir haben hier so etwas wie einen ruhigen, friedlichen Ort in dieser verrückten Welt.“

Quelle: Wikipedia.de, Massolitbudapest.com Photos: Anna Katharina Breitling – Pester Lloyd / Bei Verwendung bitte URL sowie Autorin angeben












