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Ausgabe 18 / 2009
29. April - 5. Mai

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(c) Pester Lloyd / 09 - 2009 GESELLSCHAFT 25.02.2009
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Auf Worte folgen Morde

In Ungarn eskaliert die Gewalt gegen Roma

Offener Rassismus in der Gesellschaft plus Gleichgültigkeit der Behörden haben den Boden bereitet: In Ungarn herrscht Pogromstimmung gegen die Roma und eine Eskalation der Gewalt scheint kaum noch vermeidbar. Der brutale Mord an einem Roma und seinem Kind heizen die Debatten um Ungarns größte ethnische Minderheit an.

Die Verbitterung in der Volksgruppe wächst, vor allem die Polizeibehörden sind mit heftigen Vorwürfen konfrontiert, auch wenn die Hintergründe des Mordes noch nicht wirklich geklärt sind.

Der Mordanschlag ereignete sich Anfang der Woche in Tatárszentgyörgy, einem kleinen Dorf unweit der Hauptstadt. Das Haus einer Romafamilie am Ende der Ortschaft wurde mit Brandbomben angezündet. Der fliehende 27-jährige Vater und sein fünfjähriger Sohn wurden, als sie vor dem Feuer föüchteten, vor ihrem Haus durch Schüsse aus Jagdgewehren getötet. Die Mutter und ihre zwei weiteren Kinder entkamen, das eine schwer, das andere leichter verletzt. Die Familie war im Dorf angesehen und galt als friedlich und fleißig, entsprach also nicht dem gängigen Klischée des schmutzigen, faulen und kriminellen Zigeuners.

In Tataszentgyörgy fand im Dezember 2007 einer der ersten Aufmärsche
der "Ungarischen Garde" statt. Diese Woche starben zwei Roma bei
einem Mordanschlag, zwei weitere wurden z.T. schwer verletzt.

Zusätzliche Empörung kam auf als herauskam, dass die Polizei als Todesursache zunächst Rauchvergiftungen bei den Opfern angabn und den Tatort ungesichert ließ, obwohl die Nachbarn schon beim ersten Lokalaugenschein über die Schüsse berichteten. Die Wahrheit wurde dann bei der Obduktion festgestellt.

Die Behörden gehen mittlerweile davon aus, dass es sich um ein gezieltes Attentat von fanatischen Rassisten handeln könnte. Immerhin fand in Tataszentgyörgy im Dezember 2007 einer der ersten Aufmärsche der "Ungarischen Garde" statt (siehe unser Foto). Ein sehr ähnlicher Fall fand im November des Vorjahres in einem Dorf im Komitat Borsod statt – auch dort wurde ein Jagdgewehr ähnlichen Kalibers benützt. Die bisher unbekannten Täter hatten dort zwei von Roma bewohnte Häuser angezündet und einen fliehenden Mann und eine Frau niedergeschossen.

Allerdings wird auch nicht ausgeschlossen, dass es sich bei den Tätern um Mitglieder einer berüchtigten Mafia unter den armen Roma handelt, Wucherern, die verarmte Familien unter Druck setzen. Die Polizei hat eine Prämie von 10 Mio. Ft (35.000 EUR) für Hinweise ausgesetzt, die zur Festnahme der Täter führen.

Staatspräsident László Sólyom zeigte sich in einer Stllungnahme schockiert und brachte seine Empörung über den Mord zum Ausdruck. Er bestellte den Justizminister und den Landeskommandanten der Polizei zu sich, um über den Fall und die zum Schutz der Roma notwendigen Maßnahmen zu beraten.

Vermutlich kam dort auch die äußerst schwammige Rechtslage in Ungarn zur Sprache. Das Komitee gegen Rassenhass und Intoleranz des Europarates wies just in seinem neuen Bericht darauf hin, dass die ungarische Rechtsordnung – sich auf die Meinungsfreiheit berufend – kein effektives Auftreten gegen rassistische Erscheinungen erlaube.

Der Ombudsman für Menschenrechte, Ernö Kállai (selbst Roma-Abstammung) erklärte im Parlament: statt nichtssagender Äußerungen sollten die Parteien unverzüglich umfassende, konkrete und für die Gesellschaft verständliche Pläne für die Lösung der Roma-Problematik ausarbeiten.

Bekannte Romaführer und Soziologen schlugen ebenfalls Alarm. Der Bürgerrechtaktivist András Bíró, Träger des alternativen Nobel-Preises erinnerte daran, dass fast 80 Prozent der Ungarn - übrigens unabhängig der sonstigen politischen Preferenz - den Roma gegenüber feindlich eignestellt seien. Es sei nur eine logische Entwicklung, dass mit dem weitgehend tolerierten Auftreten der „Ungarischen Garde“ und den immer wiederkehrenden Hetzschriften, u.a. in der Tageszeitung Magyar Hírlap der Rassismus so angeheizt wurde, dass den Worten nun auch Taten folgen.

Der bekannte Soziologe und Romaforscher János Ladányi wies darauf hin, dass es seit 1988 schon wiederholt zu „pogromartigen Geschehnissen“ gekommen war, doch die Lage noch nie so gefährlich gewesen sei, wie heute. Sollte eine Minderheit fühlen, dass der Staat, die Polizei sie nicht verteidige, werde sie sich selbst zu schützen suchen. Gleichzeitig wehre sich auch die Mehrheit, wenn sie spürt, nicht verteidigt zu werden. So kann es dann zu bewaffneten Auseinandersetzungen kommen, wie das am Balkan vorexerziert wurde.

Übrigens sei eine Lage entstanden, die es früher nie gab: die Zigeuner wurden aus Budapest, den größeren Städten in den kleinen Dörfern gedrängt. So entstanden Regionen, wo es nur zwei Art von Dörfern gebe: in den einen leben immer wenigere, meist alte Menschen, in den anderen überwiegend junge Roma, mit vielen Kindern.

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