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(c) Pester Lloyd / 22 - 2009 EUROPAWAHL 2009 26.05.2009
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Aufstand im "Ghetto"?

Ungarns Parteien zur Europawahl, Teil 8: MCF - die Romapartei

Die MCF ist eine Reaktion auf unhaltbare Zustände, strukturell und personell aber kaum in der Lage diese bald zu ändern. Immerhin ist es die erste und einzige Romaliste, die in der EU antritt. Sie will ein Auskommen mit der Mehrheit finden, statt von Integration zu fabulieren und endlich direkte parlamentarische Vertretung. Es geht vor allem um die Zukunft der Kinder, Kampf gegen die Gewalt und soziale Verelendung, eine echte Chance eben.

Eines ist klar: so kann es nicht weitergehen. Einerseits fürchten die Roma in Ungarn um ihr Leben, bekommen rechtsextreme Gruppen starken Aufwind, schießen Vorurteile ins Kraut und Kriminelle scharf. Andererseits ist keines der latenten sozialen Probleme zwischen Mehrheitsgesellschaft und Minderheit auch nur annähernd gelöst. Parolen und Pseudoprojekte, statt gezielter Bildungs- und Ausbildungspolitik, die auch eine Arbeitsperspektive bietet, statt klammheimlicher Ausgrenzung unter dem Banner der Sonderförderung.
 

Das komplexe Thema der Roma in Ungarn wurde im Pester Lloyd schon in vielen Beiträgen in seiner gesellschaftlichen und historischen Dimension beleuchtet,
so dass wir uns hier einzig auf Ziele und Auftritt der
Romapartei zur EU-Wahl konzentrieren können. Siehe auch
Suche / Stichwort: Roma

 

Chancen und Auftritt:

Die Partei „MCF - Zusammenschluss der Zigeuner, Partei zur Einheit der Roma (Magyarországi Cigányszervezetek Fóruma - Roma Összefogás Párt) spricht zwar ein zentrales Problem an, wird aber selbst nur eine Randerscheinung bleiben. Ihre Existenzbrechtigung bezieht sie aus der katastrophalen Lage der Roma in Ungarn, die in ihrer Gesamtheit wie in einem Ghetto leben, das freilich verteilt über das ganze Land ist. Da es in Wahlkämpfen immer chic ist, sich des Romaproblems anzunehmen, machen gerade auch "Quoten-Roma" in anderen Parteien der MCF Konkurrenz und bei keiner Wahlkampfrede keiner Partei darf ein karitativer Absatz zur Roma-Problematik fehlen. Der Roma Florian Farkas, der bei Fidesz tätig ist, bezeichnet indes die Bemühungen der MCF um ein EU-Mandat als „jämmerliche und lächerliche Unternehmung“. Zeichen von Nervosität oder typischer Fidesz-Sprech? Politischer Hauptgegner bleibt natürlich das Jobbik, deren Ideologen schonmal als "krank" bezeichnet werden.

Dass Ungarn, 20 Jahre nach der Wende, immer noch keine adäquate legislative Vertretung seiner ethnischen Minderheiten geschaffen hat, ist eine ziemliche Blamage. Zur außenpolitischen Unverschämtheit wird sie zudem, da man gern auf die unterdrückten ungarischen Minderheiten bei den Nachbarn hinweist (Stichwort: Slowakei und Rumänien), dort aber sehr wohl "die Ungarn" über politische Parteien in den Parlamenten vertreten sind. Das Problem, entgegen der rassistisch motivierten Ideologie dre Rechten, sind die ungarischen Roma keineswegs eine homogene Gruppe mit entsprechenden Merkmalen. Weder ethnisch, schon gar nicht sozial und daher auch nicht polizeistatistisch. Steigende Kriminialität ist ein Merkmal sozialer Verelendung. Ein Blick in die Geschichte der Stigmatisierung erklärt alles weitere. Zigeunerstempeln

Die MCF ist eine Reaktion auf unhaltbare Zustände, aber strukturell und personell sicher nicht in der Lage diese bald zu ändern. Immerhin stellen sie ein Achtungszeichen und einen Hilferuf dar, ist es doch die erste und einzige Romaliste, die überhaupt zur EU-Wahl antritt. Daher will sie, so sie erfolgreich ist, sich auch für die Belange aller Roma in Europa stark machen. Kolompár Orbán, der nicht unumstrittene Vorsitzende der Partei, gleichzeitig Chef der Roma-Landesselbstverwaltung, nennt daher den Antritt seiner Liste auch einen historischen Moment. Die Partei hat derzeit rund 21.000 Mitglieder, es gibt geschätzt um 600.000 Angehörige der Roma in Ungarn, eigentlich ein gigantisches Wählerpotential. Hingegen ist ihr die Ablehnung der großen Mehrheit des "weißen" Ungarn gewiss. In Umfragen liegt sie bei um 1%.

Zigeunerweise - Programmatik zur Europawahl:

Es geht um die Zukunft der Kinder, die Zurückdrängung der Straßengewalt, Abschaffung diskriminierender Schulstiftungsgesetze, Chancengleichheit unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Ausgangsbedingungen. "Einfach" um ein Auskommen zwischen Roma und Nichtroma. Auskommen ist vielleicht die naheliegendste und menschenfreundlichste Möglichkeit, von Assimilisation oder Integration muss man da gar nicht mehr sprechen.

Die 34köpfige Kandidatenliste umfasst auch Studenten und Absolventen von Universitäten, Lehrer, Sozialarbeiter, Rechtsanwälte. Jene Schicht Intellektuelle, die sich nach erfolgreichem Studium bisher schnell von ihrer Herkunft entfernten und dazu gehören wollten zur Mehrheitsgesellschaft. Einige wollen ihre Fähigkeiten nun für die Ihren einsetzen.

Schluss mit Kosmetik und Korbflechterkursen

Orbán Kolompar (Foto) kritisierte die Halbherzigkeit der verschiedenen Regierungsprogramme, die nie dafür gesorgt hätten, dass die Roma nicht weiter an den Rand der Dörfer und Gesellschaft gedrängt wurden. "Die Politik hat die Roma 20 Jahre lang an der Nase herum geführt. Roma-Hilfen gingen an Dörfer, in denen es kaum welche gab... Der "kosmetischen Hilfe" für seine Volksgruppe sei ein Ende zu bereiten und endlich konkrete Massnahmen zu ergreifen, die wirklich helfen. Mehr als 40% der arbeitsfähigen Roma in Ungarn seien in Arbeitsförderungsmassnahmen registriert. "Den Roma beizubringen wie man Körbe flechtet oder Teppiche knüpft" gefällt nur den Bürokraten, weil man damit zwar die "Statistik verschönern" könne, aber niemandem wirklich weiterhelfe. Auch sei es zynisch, Ausbildungsprogramme für Kinder und Jugendliche anzubieten, wenn die Eltern nicht einmal das Geld hätten, ihren Kinder Essen und Kleidung zu kaufen, so Kolompar. Langfristig ist es zwar wichtig, den Kindern eine Bildungsperspektive zu öffnen, die Arbeitslosigkeit der Eltern sei aber das dringendste Problem. Diese finden meist nur auf dem grauen oder schwarzen Arbeitsmarkt eine Beschäftigung.

Die Zeit ist gekommen, dass die  „ungarischen Roma eine entschiedene Rolle in der Innenpolitik spielen, ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen“. Nur eine direkte politische Vertretung kann die Interessen der Roma wirklich wahrnehmen. Zeit also, dass das "Ghetto" aufsteht und selbst etwas unternimmt, statt sich weiter gängeln, gehen und beschimpfen zu lassen. Eigenverantwortung ist ein wichtiger Schritt, dass die Gesellschaft diese fördert und mitzieht ihre humanistische Pflicht, bei allen Mühen der Ebene.

Marco Schicker

Zum Thema:

Früchte des Hasses
In Ungarn eskaliert die Gewalt gegen Roma

Zigeunerstempeln
Brepohl vs. Bársony: Eine Debatte von gestern und heute

Web-Blog der Partei:
http://romaosszefogas.blogspot.com/

 

 

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