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(c) Pester Lloyd / 39 - 2010  GESELLSCHAFT 01.10.2010

 

Den Opfern in die Augen schauen

Eine Fotoausstellungen in Budapest konfrontiert mit den Morden an Roma in Ungarn

Szabolcs Barakonyi, der Fotograf, hat sie gesehen, jene Menschen, denn dies ist die Bedeutung des Wortes „Roma”, die die Mordanschläge von 2008 und 2009 überlebten, Angehörige beerdigen mussten oder vor ihren abgefackelten Behausungen standen. Stattgefunden hat die Anschlagswelle im demokratisch verfassten Ungarn, Mitglied der EU, unter einer sozialistischen Regierung, ausgeübt von Angehörigen der sogenannten Mehrheitsbevölkerung. Die Konfrontation mit solchen unbequemen Wahrheiten und Anblicken verübt derzeit die Budapester Kunsthalle in einer Fotoausstellung.

Am 29. September wurde in der Projektgalerie der Kunsthalle am zentral gelegenen Heldenplatz in Budapest eine winzig kleine Fotoausstellungen eröffnet, die die Überlebenden der in der modernen EU beispiellosen Pogrome zeigt. Der Fotograf stellt diese Menschen trotz der Vergrößerung der Bilder im verdunkelten Raum auf den Projektionsflächen in ihrer überwältigten Verletztlichkeit dar, vor ihre einfachsten Häusern, - jetzt Ruinen. Die kleine alte Frau steht zwischen ein paar Steinen, aus den traurigen Gesichtern ist die Fassungslosigkeit, Ratloskigkeit noch nicht gewichen. Zwei junge Frauen verweilen vor einem fast zu großen Grabstein ihrer Angehörigen, der vom „Wiedergutmachungsgeld” des Staates stammen mag, als sei so etwas wieder gut zu machen. Und doch, es gibt Hoffnung. Zum Beispiel zeugen auch die übervollen Räume der Ausstellung am Heldenplatz davon: Überwiegend junge, kluge Ungarn, Studenten, Künstler, Intellektuelle, - auch einige Betroffene. Und auch all die anderen anständigen Ungarn, die nicht hier sind, die aber selbstverständlich mit ihren „anderen” Nachbarn leben, auch die gibt es hierzulande.

Der Begriff der Minderheit ist schon der erste Schritt zur Diskriminierung

Die Konfrontation, derer sich die Besucher der Ausstellung aussetzen ist vielschichtig und nicht auf das Beschauen von Leid eingeengt. Das Schicksal des Einzelnen, dem man gezwungen wird, in die Augen zu schauen, schreit das Schicksal der ganzen Gruppe: Mit dem Begriff "Mehrheitsgesellschaft" stellt man sich in Ungarn tagtäglich einer „Minderheit”, jender der Roma, gegenüber. Eine solche Bezeichnung ist schon die erste Dsikriminierung der auf 600.000 bis 800.000 geschätzten ungarischen Bürger der Roma, die seit mehr als 600 Jahren in diesem zu allen Zeiten multikulturellen Land leben. In Krisenzeiten stempelte man sie zu „Sündenböcken”, die den anderen Armen das Brot wegessen, die Äpfel und die Hühner stehlen und pauschalisiert sie zu Kriminellen.

Ungestraft und neuerdings sogar mit höchstrichterlicher Absicherung, müssen sie sich von Rechtsextremen in Wahlwerbespots als die Parasiten der Gesellschaft bezeichnen lassen. Parlamentsabgeordnete verlangen die Zwangseinweisung der Romakinder in Internate, offizielle Kommunalwahlkandidaten fordern die Schaffung von KZ´s. In den vergangenen Jahren hat sich Ungarn weiter nach Rechts bewegt und eine nationale(istische) „Garden” zugelassen. In dieser Atmosphäre wurden die Roma zuerst geächtet, bedroht, in der Bugwelle dieser Pogromstimmung dann erschossen und verbrannt.

v.l.n.r.: Szabolcs Barkonyi (Fotograf), Zsolt Petrányi (Kurator der Kunsthalle), Prof. Dr. John Ray (Leiter Intermedia-Abteilung der Akademie der Bildenden Künste, Budapest), Fotos: Pester Lloyd

Die Ausstellungsbesucher aber sind auch Angehörige jener „Minderheit”, für die die Kontakte zu den quasi „Unberührbaren“ zum Muss, ja zum Wollen gehört. In seiner Eröffnungsansprache betonte der Medienkünstler John Ray, assoziierter Professor an der Akademie der Bildenden Künste Budapest, dass die Gesellschaft konfrontiert werden muss mit den „objektiven Bildern der neuen Medien”. Defizite sollen durch Solidarität ausgeglichen werden. Es wird die Trauerarbeit gezeigt, die nicht den Familien allein gehören darf. Die „Konfrontation”, so der Titel der Ausstellung, ist auch Anklage an die Verantwortlichen, von ganz oben bis zum Letzten, der noch immer in einer globalen Welt an engstirnigen Negativklischees festhält. In den kommenden Tagen sollten Scharenweise Schulklassen durch diese kleine, anrührende und nachdenkliche Ausstellung, mit den notwendigen Informationen versorgt, geführt werden, und davor deren Lehrerinnen und Lehrer, - aber zuerst vielleicht die Wirtschaftsbosse und die Politiker dieses Landes...

E. F.

Kunsthalle Budapest, Am Heldenplatz, projektgaléria, bis 31.10.2010

 

 

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