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(c) Pester Lloyd / 48 - 2010 FEUILLETON 28.11.2010
Weibliches Wunderland
Ungarische Autorinnen im Deutschen Buchmarkt
Zynische Tagebücher, pazifistische Romane, Gedichte in neuem Versmaß - die weiblichen Vertreterinnen der ungarischen Literatur haben viel Lesenswertes
hervorgebracht. Um deren äußerst lückenhafte Präsenz im Bewusstsein der deutschen ebenso wie der ungarischen Leserschaft zu fördern, wurde nun ein
Lexikon über „Schriftstellerinnen mit ungarischen Wurzeln“ veröffentlicht, in der Budapester Zentralbibliothek findet zur Zeit die zugehörige Ausstellung statt.
Von der baden-württembergischen Ehinger Bibliothek, die sich
auf in deutscher Sprache erschienene ungarische Literatur spezialisiert hat, wurde am 20. September die erste Anthologie über „Schriftstellerinnen mit ungarischen Wurzeln“
veröffentlicht. Darin werden insgesamt 57 in deutscher Sprache publizierte Autorinnen vorgestellt, die ungarischer Herkunft oder Abstammung sind, beziehungsweise Teile ihres
Lebens hier verbracht haben. Manche von ihnen sind in Ungarn zu Hause, andere schreiben darüber, verstehen sich aber als Angehörige anderer Nationen und gelten dort selbst
als anerkannte Landesschriftstellerinnen.
Entstanden ist ein Kompendium mit Biografien, Bibliografien
und rezensierten Inhaltsangaben zu einzelnen Werken. Die Ehinger Bibliothek, mittlerweile zweites Suchergebnis unter dem Stichwort „ungarische Literatur“ bei Google, kooperiert
mit der „Hungarian Book Foundation“ und dem Petöfi-Literaturmuseum in Budapest und wurde im Jahre 2009 aus der privaten
Sammlung der heutigen Bibliotheksleiterin Gudrun Brzoska gegründet. Diese entdeckte ihre Faszination für die ungarische Literatur im Jahre 2002, durch die Lektüre des mit
dem Literaturnobelpreis ausgezeichneten „Roman eines Schicksallosen“ des ungarisch-jüdischen Autors Imre Kertész, welcher die selbst aus einer siebenbürgischen
Familie stammende Kunstliebhaberin dazu veranlasste, seitdem jedes in deutscher Sprache erhältliche Buch mit ungarischem Bezug zu sammeln.
Inzwischen ist daraus eine Kollektion aus über tausend Werken von etwa dreihundert
Autorinnen und Autoren entstanden, mit der einerseits dem von Brzoska bezeichneten „reichen Schatz ungarischer Literatur“ eine Plattform in Deutschland eingeräumt,
andererseits den Ungarn das Interesse an ihrer Literatur im deutschsprachigen Raum verdeutlicht werden soll. Für die gelernte Buchhändlerin bildet die ungarische Literatur,
welche bereits achtmal mit dem Chamisso-Preis der Robert-Bosch-Stiftung und mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für Esterházy ausgezeichnet wurde,
mittlerweile einen eigenständigen, qualitativ besonders hochwertigen Sektor im deutschen Buchmarkt. Deshalb begann sie mit der Ausarbeitung des im Gabriele Schäfer
Verlag erschienenen Lexikons. Den Schwerpunkt bildet die Belletristik ab dem frühen 20. Jahrhundert bis zu aktueller Literatur, der Großteil der Bücher ist nach dem 2.
Weltkrieg entstanden, es finden sich aber ebenso neuaufgelegte Werke aus dem 19. Jahrhundert.
Frauen im Literaturwunderland
Bei der Eröffnung der zugehörigen, Ausstellung am 22. November in Budapest übernahm
Gudrun Brzoskas nach der Einleitung durch Bibliotheksdirektor Dr. Péter Fodor selbst das Wort. Sie sprach vom „Literaturwunderland Ungarn, dessen Geschichten und
Einzelschicksale das emotionale Gespür der Deutschen für die ungarische Gesellschaft und Mentalität vertieft haben“ und von der einstweiligen Verkennung ungarischer
Autoren im eigenen Land, in dem die Menschen doch „immer erst auf ihre große Literatur aufmerksam werden, wenn sie im Ausland verlegt wurde“. Ferner weist sie
auf die intensive kulturpolitische Förderung ungarischer Literatur in der DDR und die Notwendigkeit hin, wieder an diese anzuknüpfen, vor allem im Bereich der Kinder- und
Jugendliteratur. „Junge Literaten müssen entdeckt und Klassiker neu aufgelegt werden.“
Proseccoliteratur und jüdische Geschichten
Die Ausstellung ist als Zusammenfassung der
bedeutendsten im Lexikon verzeichneten Autorinnen zwar recht klein und überschaubar, durch die von Brzoskas verfassten Informationstexte, wie sie auch im Buch zu
finden sind, aber nicht minder aufschlussreich. Präsentiert in mehreren an den Wänden der zwei Ausstellungsräume großzügig verteilten, nach Kategorien geordneten
Glasvitrinen geben die Exponate einen literaturhistorischen Abriss Ungarns vom 2. Weltkrieg über den Gulaschkommunismus bis zu zeitgenössischen Werken,
wie die bei Frauen äußerst beliebte, seichte Proseccoliteratur der zur Zeit meistverkauften deutschsprachigen Autorin Ildikó von Kürthy, deren im
Rowohlt Verlag erschienenes Buch „Mondscheintarif“ bereits verfilmt wurde.
Einen wichtigen Teil der Ausstellung bilden die Werke über Holocausterfahrungen
ungarisch-jüdischer Autorinnen, wie Ana Novac` „Die schönen Tage meiner Jugend“, ein während ihrer Inhaftierung in Auschwitz und anderen Konzentrationslagern verfasstes
Tagebuch, in dem die damals Vierzehnjährige den Alltag in der Gefangenschaft auf zynische und humorvolle Weise wiedergibt. Auch die wichtige Kategorie der
„Kinderbücher“ war in der Ausstellung vertreten. Hier waren vor allem Klassiker wie „Die Reise des kleinen Schmetterlings“ der ungarischen Märchenautorin Anna Lesznai
oder „Lala der Elfenprinz“ von Magda Szabó zu finden, aus deren Feder auch der Roman Katharinenstraße stammt, in dem das Schicksal dreier Budapester Familien zwischen
1934 und 1968 beschrieben wird. Im Bereich der Lyrik fanden sich Werke der 1913 verstorbenen Margit Kafka neben jungen modernen Poeten wie im vom DuMont Verlag
veröffentlichten Gedichtband „Budapester Szenen“.
Literatur als Sprachrohr gegen Krieg und Diskriminierung
Der Themenbereich „Ungarndeutsche“ wurde unter anderem durch Erika Áts
repräsentiert. Nach der Zwangsumsiedlung ihrer Familie nach Schwaben 1944 und die Rückkehr nach Ungarn vier Jahre später begann sie sich für die verbliebene
ungarndeutsche Minderheit einzusetzen, ihre Anthologie „Tiefe Wurzeln“ von 1974 gilt allgemein als die Geburtsstunde der neueren ungarndeutschen Literatur. Auch der
ungarische Volksaufstand von 1956 stellte eine eigene Kategorie, hier fand sich unter anderem die französischsprachige Schriftstellerin Agota Kristof, welche einst selbst vor
den Wirren der Revolution in die französische Schweiz flüchtete und in ihrer Trilogie aus „Das große Heft“, „Der Beweis“ und „Die Lüge“ die fatalen Auswirkungen des Krieges
auf die Zivilbevölkerung beleuchtet. Unter der Überschrift „Neuerscheinungen 2010“ wurde unter dem Titel „Monstrum“ außerdem eine im März im Piper-Verlag erschienene
Sammlung ihrer dramatischen Werke präsentiert. Hier wurde auch das im September erschienene Werk „Donauwürfel“ der Esterházy-Übersetzerin Zsuzsanna Gahse
vorgestellt, benannt nach dem von ihr entwickelten neuen Versmaß, in dem sie die 27 Episoden vom Leben am, im, auf, über und mit dem Wasser verfasst hat.
Neues literarisches Grundlagenwerk
Durch diese strukturierte Einteilung liefert die Ausstellung einen guten Überblick über die
in deutscher Sprache erhältliche ungarische Literatur und dient damit für Laien als äußerst hilfreiche Informationsbasis, um sich mit deren nuancenreichen Werken vertraut
zu machen. In diesem Bereich versiertere Besucher können sich aufgrund der speziellen Ausrichtung auf Schriftstellerinnen über die allgemein bekannten Autoren hinaus tiefer
mit der Materie auseinandersetzen. „Schriftstellerinnen mit ungarischen Wurzeln“ stellt an sich den Anspruch eines neuen Grundlagenwerkes für die ungarische Literatur, auch
wenn die Fragen nach Sinn und Nutzen solcher Ein- wie Ausgrenzungen sich gerade hier besonders deutlich zeigen.
Luisa Stock
22. November 2010 bis 22. Januar 2011, eintrittsfrei
Ervin Szabó Bibliothek Szabó Ervin tér 1. 1088 Budapest, VIII. Weitere Informationen: www.ungarische-literatur.eu
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