Von Petrosians leiser Verteidigungskunst bis zu Sindarovs dreifachem Opfer gegen Nakamura: Diese Woche bieten unsere Aufgaben Lehrstücke über Angriff, Verteidigung und die Kunst des scheinbar nutzlosen Zuges.
Die Schachwoche. Die FIDE-Elo-Liste vom November 2026 steht fest: Javokhir Sindarov geht mit 2782 Punkten und als Nummer vier der Welt in seinen WM-Kampf gegen Titelverteidiger Gukesh Dommaraju, der mit 2710 Elo Rang 26 belegt; der Abstand von 22 Plätzen ist Rekord seit 2006. Im Europapokal der Vereine siegte Bayegan Pendik, Monte‑Carlo gewann die Frauenwertung. Nihal Sarin rückte mit starker Leistung in Budva auf Platz 19 der Welt vor, während das elfjährige Supertalent Roman Shogdzhiev nur noch eine Norm und knapp 20 Elo-Punkte bis zum Großmeistertitel benötigt. Ende Dezember richtet Istanbul die Schnell‑ und Blitz‑Weltmeisterschaften aus.
Vom Redaktionstisch in Budapest aus blickt man dieser Tage zugleich nach vorn und zurück: Javokhir Sindarov stürmt mit Elozahlen und Opferpartien in sein WM‑Duell gegen Gukesh Dommaraju, während wir zum Geburtstag Alexander Aljechins und mit einer klassischen Partie von Tigran Petrosian in die Lehrbücher zurückkehren. Dazwischen liegen frische Gefechte aus dem Europapokal der Vereine in Budva, ein heikles Läuferendspiel und eine kleine Studie über den Wert scheinbar „nutzloser“ Züge – alle entnommen den wöchentlichen Aufgaben auf vise.social.
Angriffslust im Europapokal
Der Europapokal der Vereine, heuer in Budva ausgetragen, ist so etwas wie die inoffizielle Klub‑Europameisterschaft: Nationalmannschaften treten als Vereinskollegen an, an fast jedem Brett sitzt ein Titelträger. In der letzten Runde wird oft mit offenem Visier gekämpft, denn ein Sieg der Mannschaft zählt mehr als vorsichtige Individualstatistik.
Im ersten Diagramm sehen wir eine Partie zwischen IM Mert Bicer und IM Read Samadov. Beide Seiten haben lang rochiert, beide Könige werden mit Bauernlawinen und Figurensturm traktiert. Auf den ersten Blick scheint Weiß auf g‑ und h‑Linie durchzubrechen, doch die Stellung ist bei genauem Hinsehen reif für einen kühlen Gegenschlag: Schwarz ist am Zug und kann sich nicht nur verteidigen, sondern Material einstreichen.
Das zweite Brett zeigt FM Radek Bujnoch gegen CM Benedikt Briem. Weiß hat seine Figuren mustergültig koordiniert: Läufer und Springer zielen Richtung schwarzer König, die Türme stehen bereit, auf den offenen Linien einzudringen. Es liegt förmlich in der Luft, dass hier eine kleine Kombination lauert, die den schwarzen König aus seiner Deckung zerrt.
Schließlich hat im dritten Diagramm CM Korab Saraci gegen FM Vladimir Pajković offenbar eine vielversprechende Angriffsstellung aufgebaut – Dame, Türme und Läufer dringen in die schwarze Stellung ein. Doch ein Rechenfehler genügt, und plötzlich ist der eigene König verwundbar. Nun ist Schwarz am Zug und hat die Chance, den Optimismus seines Gegners taktisch zu bestrafen.



Die Aufgabe: In Diagramm 0 findet Schwarz einen Zug, der ihm Materialgewinn bringt, in Diagramm 1 startet Weiß eine Kombination gegen den schwarzen König, und in Diagramm 2 nutzt Schwarz eine Fehlkalkulation aus – wie würden Sie in den drei Stellungen jeweils fortsetzen?
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Petrosians leise Brillanz
Zweimaliger Weltmeister, achtmal Kandidat, fast sprichwörtlich geworden als „Iron Tigran“: Tigran Petrosian gilt bis heute als Inbegriff des prophylaktischen, nahezu unerschütterlichen Verteidigers. Weniger bekannt ist, dass er schon als junger Meister in den 1940er‑Jahren genau diese Fähigkeiten entwickelte.
Die Diagrammstellung stammt aus einer Partie gegen Akaki Pirtskhalava von 1947. Weiß hat Druck im Zentrum aufgebaut und soeben den Bauern e5 geschlagen – der schwarze e‑Bauer ist gefallen, der weiße Entwicklungsvorsprung macht sich bemerkbar. Naheliegend wäre nun, einfach mit Dxe4 den nächsten Bauern einzusammeln und den materiellen Vorteil zu festigen.
Petrosian aber widerstand der Versuchung des unmittelbaren Gewinns und fand einen Zug, der die eigene Stellung langfristig verbessert, die schwarzen Figuren einschnürt und künftige Drohungen vorbereitet. Gerade diese Geduld im Moment des Vorteils macht seinen Stil so lehrreich.

Die Aufgabe: Weiß am Zug: Statt sofort Dxe4 zu spielen, welche Idee findet Petrosian – und warum verspricht sie auf lange Sicht mehr?
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Sindarov und das heikle Läuferendspiel
Der Kandidatenherausforderer des Jahres, Javokhir Sindarov, bestreitet vor seinem WM‑Match gegen Gukesh auch das Clutch Chess: Champions Showdown 2026 in Saint Louis. In der ersten Runde traf er mit Schwarz auf Praggnanandhaa Rameshbabu, eines der anderen Wunderkinder unserer Zeit.
Ausgerechnet ein Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern, normalerweise die Domäne sicherer Remisen, sorgt hier für Stirnrunzeln. Beide Könige sind weit entfernt, die Läufer wirken wie auf zwei verschiedenen Brettern, und doch stehen weit vorgerückte Bauern bereit, zur Entscheidung zu schreiten. Die weißen Bauern am Königsflügel scheinen gefährlich, Schwarz hält mit entfernten Freibauern auf der a‑ und c‑Linie dagegen.
Wer hier lieber welche Seite führen möchte, ist keineswegs klar – eine schöne Gelegenheit, die eigenen Endspielinstinkte zu prüfen.

Die Aufgabe: In dieser Partie Praggnanandhaa – Sindarov entstand ein Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern; welche Seite würden Sie hier lieber spielen, oder halten Sie die Stellung bei korrektem Spiel für remis?
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Dreifaches Opfer im Königsinder
Beim Clutch Chess: Champions Showdown 2026 gelang Javokhir Sindarov der ideale WM‑Probelauf. Am Schlusstag holte er drei Siege und drei Remis, gewann das Turnier und ließ seinen künftigen Gegner Gukesh Dommaraju zuschauen. Den Höhepunkt lieferte er gegen Hikaru Nakamura, der wie kaum ein anderer die Königsindische Verteidigung verinnerlicht hat.
In genau dieser Eröffnung spielte Sindarov mit Schwarz eine Partie, die bereits als Kandidat für die „Partie des Jahres“ gehandelt wird. Zuerst ein Läuferopfer auf g4, später zwei Qualitätsopfer – und jedes Mal erwies sich das scheinbar waghalsige Angebot als präzise berechnet. Aus einem brodelnden Königsangriff entstand ein technisch gewonnenes Endspiel.
Im gezeigten Diagramm hat Schwarz soeben seinen Turm auf g4 geopfert – erneut auf demselben Feld wie der frühere Läufer. Die Stellung wirkt chaotisch, doch steckt dahinter eine konkrete Berechnung: Hikaru Nakamura verfügt über einen Springer auf f2, der den Turm scheinbar einfach schlagen könnte. Ob das wirklich geht, überlassen wir Ihrer Rechenkunst.

Die Aufgabe: Nach dem Qualitätsopfer 29…Txg4+!! in der Partie Nakamura – Sindarov: Warum kann Schwarz’ Gegner den Turm mit seinem Springer auf f2 nicht einfach wegschlagen?
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Die Kunst des nutzlosen Zuges
Im Training – und oft auch in der Partie – sortiert unser Gehirn Züge zunächst nach dem Augenschein: Was droht sofort Matt, was gewinnt Material, was verliert doch nur Zeit? Viele der schönsten Ideen entstehen genau dort, wo diese heuristische Vorsortierung uns in die Irre führt.
Die kleine Endspielminiatur im Diagramm ist ein Beispiel: Ein einsamer weißer Läufer und ein König müssen sich gegen den schwarzen Monarchen, einen Springer und einen gefährlich nahen Bauern verteidigen. Der naheliegende Versuch, den Bauern sofort zu jagen oder Schachs zu geben, führt nicht zum Ziel. Stattdessen weist ein länger Läuferzug quer über das Brett, scheinbar „weg vom Geschehen“, den Weg zur Rettung oder sogar zum Sieg.
Solche Stellungen belohnen den Mut, auch Züge zu berechnen, die das Auge zunächst als völlig unlogisch aussortiert.

Die Aufgabe: In der reduzierten Endspielstellung mit weißem König und Läufer gegen schwarzen König, Springer und Freibauern ist ein weit zurückziehender Läuferzug der stärkste – weshalb erweist sich gerade dieser scheinbar nutzlose Zug als der beste?
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Aljechins Mattangriff gegen Lasker
Zum 134. Geburtstag von Alexander Aljechin lohnt ein Blick auf eine seiner berühmten Angriffspartien gegen den zweiten Weltmeister Emanuel Lasker. Der russisch‑französische Champion, der angeblich eine Siamkatze namens „Chess“ besaß, gilt als einer der größten Taktiker der Schachgeschichte – seine Partien sind bis heute ein Lehrbuch für dynamisches Angriffsspiel.
Die Begegnung Aljechin – Lasker aus dem Jahr 1934 zeigt zwei Stilwelten im Zusammenprall. Lasker verteidigt sich zäh, weicht lange den weißen Drohungen aus und versucht im richtigen Moment Gegenspiel zu organisieren. Doch schließlich lockert er seine eigene Königsstellung am Königsflügel zu sehr und muss zusehen, wie die weiße Dame in seine Stellung eindringt.
Im ersten Diagramm ist der weiße Angriff bereits angerollt, die Figuren stehen in idealer Harmonie. Das zweite Diagramm zeigt den kritischen Moment: Laskers letzter Versuch, die weiße Dame zu vertreiben, hat seine Königsstellung endgültig verwundbar gemacht. Nun genügt ein präziser Schlag, um einen Mattangriff einzuleiten, dem sich Schwarz in höchstens fünf Zügen nicht mehr entziehen kann.


Die Aufgabe: Im zweiten Diagramm der Partie Alexander Aljechin – Emanuel Lasker ist Weiß am Zug und kann den schwarzen König in fünf Zügen mattsetzen – wie beginnt der Angriff?
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Die Auflösungen
Alle diese Stellungen lohnen es, mit Muße und ohne Computer durchgerechnet zu werden – notieren Sie Ihre Varianten, bevor Sie zur Originalpartie greifen. Oft zeigt sich erst im Vergleich, an welcher Gabelung der Berechnung der eigene Weg vom Meisterplan abbiegt.
Lösung: Angriffslust im Europapokal
Zu dieser Stellung verraten wir die Lösung nicht – Lösungsvorschläge gern in die Kommentare oder direkt unter dem Beitrag auf vise.social.
Lösung: Petrosians leise Brillanz
Zu dieser Stellung verraten wir die Lösung nicht – Lösungsvorschläge gern in die Kommentare oder direkt unter dem Beitrag auf vise.social.
Lösung: Sindarov und das heikle Läuferendspiel
Zu dieser Stellung verraten wir die Lösung nicht – Lösungsvorschläge gern in die Kommentare oder direkt unter dem Beitrag auf vise.social.
Lösung: Dreifaches Opfer im Königsinder
Zu dieser Stellung verraten wir die Lösung nicht – Lösungsvorschläge gern in die Kommentare oder direkt unter dem Beitrag auf vise.social.
Lösung: Die Kunst des nutzlosen Zuges
Zu dieser Stellung verraten wir die Lösung nicht – Lösungsvorschläge gern in die Kommentare oder direkt unter dem Beitrag auf vise.social.
Lösung: Aljechins Mattangriff gegen Lasker
Zu dieser Stellung verraten wir die Lösung nicht – Lösungsvorschläge gern in die Kommentare oder direkt unter dem Beitrag auf vise.social.
Die Schachecke erscheint wöchentlich; neue Aufgaben gibt es fast täglich auf vise.social/@chesstactics.
Quellen: Chess.com, chess.hu, ChessBase
Diagramme: Thomas Wagner
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