Péter Magyar setzt auf die weltweit bekannteste ungarische Sportlerin – doch politische Erfahrung oder erkennbare Haltungen bringt sie kaum mit.
Budapest. Die Personalie kam überraschend, auch wenn seit Tagen darüber spekuliert wurde. Ministerpräsident Péter Magyar will die Schachgroßmeisterin Judit Polgár als Staatspräsidentin nominieren. Zuvor hatten 16 Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kultur und Sport ihre Wahl angeregt – nach Informationen aus Budapest soll die Initiative zudem von einflussreichen Unternehmerkreisen unterstützt worden sein. Da die TISZA-Partei über die erforderliche Mehrheit verfügt, hätte Polgár gute Chancen auf die Wahl.
Mit Judit Polgár würde eine der international renommiertesten Ungarinnen überhaupt in den Sándor-Palast einziehen. Die 49-Jährige gilt als stärkste Schachspielerin der Geschichte. Sie führte die Frauenweltrangliste 26 Jahre ohne Unterbrechung an, durchbrach als bislang einzige Frau die Marke von 2700 Elo-Punkten (höchststand: 2735) und schaffte den Sprung unter die zehn besten Schachspieler der Welt. Seit ihrem Rückzug vom Profisport widmet sie sich vor allem Bildungsprojekten, ihrer Schachstiftung sowie internationalen Vorträgen.
Gerade diese politische Unverbrauchtheit macht sie für Magyar attraktiv. Er bezeichnete Polgár als Persönlichkeit, deren Ansehen „nicht auf politischen Beziehungen, sondern auf Leistung, Integrität und Ausdauer“ beruhe. Das entspricht auch dem Wunsch der TISZA-Partei nach einem parteilosen Staatsoberhaupt.
Doch genau darin liegt auch die offene Frage. Anders als frühere Präsidenten hat sich Polgár in politischen oder gesellschaftspolitischen Debatten nahezu nie öffentlich positioniert. Ihre öffentlichen Äußerungen beschränken sich fast ausschließlich auf Bildung, Talentförderung, Chancengleichheit im Schach und die Bedeutung strategischen Denkens. Zu Rechtsstaatlichkeit, Verfassungsfragen, Europa, Außenpolitik oder gesellschaftlichen Konflikten existieren praktisch keine belastbaren öffentlichen Aussagen.
Das kann als Stärke gelten – oder als Schwäche. Das ungarische Staatsoberhaupt besitzt zwar nur begrenzte politische Macht, übernimmt aber in Krisen eine wichtige moralische und verfassungsrechtliche Rolle. Gerade in einem tief polarisierten Land reicht persönliche Integrität allein kaum aus. Ein Präsident muss Gesetze prüfen, Konflikte moderieren und notfalls Haltung zeigen. Politische Neutralität ist dabei etwas anderes als politische Sprachlosigkeit.
Fidesz wies die Diskussion erwartungsgemäß zurück. Kommunikationsdirektor Bertalan Havasi erklärte, unter den gegenwärtigen Umständen sei die Frage, wer Präsident werde, „irrelevant“, weil bereits die Ablösung von Tamás Sulyok verfassungswidrig gewesen sei. Die Personaldebatte sei lediglich „Theater“.
Ob Judit Polgár das Amt überhaupt annehmen will, war bis Montagvormittag noch offen. Sollte sie zustimmen, bekäme Ungarn eine Präsidentin mit außerordentlicher internationaler Reputation – und zugleich eine politische Unbekannte.
Quellen: Reuters, MTI.hu
Photo: Judit Polgar in 2013, Ruperto Miller, Wikicommons, CCBYSA 1.0






