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(c) Pester Lloyd / 46 - 2012   GESELLSCHAFT 12.11.2012

 

Lieber Gift als Panik

Arsen im Trinkwasser: der Weihnachtsmann bringt Ungarn sauberes Nass

Für Ungarn ist das Problem so alt wie ungelöst: mindestens eine Million Menschen, mithin 10% der Bevölkerung, haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, es enthält zehnfach überhöhte Mengen an Arsen, auch Bor, Blei und Fluroide. Seit Jahren fordert die EU, das Grundrecht auf sauberes Naß endlich umzusetzen. Doch klamme Kommunen, eine abwesende Zentralregierung, vor allem aber arglose Betroffene und gleichgültige Bürgermeister verhindern eine Lösung. Nun soll das Militär ausrücken, aber auch Zitronensaft und Knoblauch könnten helfen...

Liste aller Orte in Ungarn mit amtlich festgestellter Übetretung der WHO/EU-Grenzwerte für Arsen, Bor und andere Giftstoffe, ohne Angabe von Messdaten, nur mit Erwähnung, welche Grenzwerte überschritten wurden. doc DOWNLOAD

Nach einem Ultimatum der EU schaffte es diese Nachricht auch einmal in den Westen. Das ZDF brachte kürzlich einen Beitrag zu einem Thema, das in Ungarn allgemein bekannt ist, aber kaum jemanden aufzuregen scheint. Arsen im Trinkwasser. Die ungarischen Behörden müssen bis 25. Dezember sicherstellen, dass die am stärksten betroffenen rund 300 Gemeinden mit zusammen 800.000 Einwohnern ihr Trinkwasser zunächst aus Tanklastzügen beziehen, weil das, was aus ihren Wasserhähnen kommt, mit Arsen, Bor, Fluoriden, Blei und anderen Giftstoffen und Schwermetallen belastet ist. Das ist das Wasser von rund 1,5 Mio. weiteren Menschen auch, doch die erscheinen nicht auf der Dringlichkeitsliste.

Vor allem die Arsenkonzentration (Arsenit bzw. Arsenat) macht Sorgen, stellenweise liegt sie um das Zehnfache über dem von EU und WHO als gesundheitlich unbedenklich festgestzten Wert von 10 Mikrogramm pro Liter, ein Problem das übrigens auch viele Bürger in Rumänien und weltweit bis zu 100 Menschen haben. Ungarn hat sämtliche Zusagen an die EU zur Besserung der Lage nicht eingehalten, daher nun das Ulitmatum, ansonsten drohen wieder einmal Strafzahlungen.

Im Süden ist das Problem flächendeckend

Der Grund für die Giftigkeit des Wassers liegt - zumindest hinsichtlich des Arsens - nicht in alten Leitungen oder Schlampereien bei den Versorgern, sondern bei der unzureichenden Erschließung von tiefer gelegenen Grundwasserschichten, was vor allem die unterentwickelten Landstriche im Süden und Osten des Landes betrifft. Dort wird meist nur oberflächennahes Grundwasser angezapft, was billiger ist, dieses ist aber durch Auswaschungen arsenhaltiger Erze untrinkbar. Es wird dennoch getrunken, seit Jahrhunderten. Ein direkter Zusammenhang zwischen den hiesigen Arsenwerten und der
vergleichsweise niedrigen Lebenserwartung sowie vielen atypischen Krankheitsbildern der Ungarn wurde bisher noch nicht hergestellt, doch bekommt der Terminus: sich zu Tode, saufen plötzlich eine alkoholfreie, aber erweitertete Bedeutung.

Verschiedene Problemlösungen vorhanden

Zu lösen wäre das Problem in den meisten Fällen durch die Grabung tieferer, teilweise deutlich tieferer Brunnen. Wo das wegen felsigen Grundes oder mangelnden Trinkwasservorkommen nicht geht, müssten neue Leitungen aus anderen Regionen gelegt werden. Eine Alternative bieten auch biologische Abreicherungsmethoden, wie der Anbau von Pflanzenarten, die in ihren Wurzeln die Arsenverbindungen binden können oder die Einbringung von gentechnisch veränderten Pflanzen und Pflanzeteilen, die das für den Menschen giftige Gemisch aus dem Boden absorbieren. Eine sehr "unorthodoxe" Methode wird von Schweizer Forschern gerade in Bangladesh angewandt, dort wird das Arsen mit Hilfe von transparenten PET-Flaschen und Zitronensaft abgereichert, was den Gehalt des Giftes um 75 bis 90 Prozent senkt. Provisorische Hilfe würden auch spezielle Filter bieten, wie sie das Militär hat.

Es ist nicht nur die Arsenverseuchung, die Ungarn zu schaffen macht (rot Färbung über den Grenzwerten), es sind auch Nitrate und Metalle und es sind wieder die ärmsten Regionen, die am meisten betroffen sind... Quelle: ATV

Welche Maßnahme auch immer die jeweils geeignete ist, sie kosten zwar alle Geld, sind aber bei weitem keine übermäßige technologische Herausfoderung. Die ungarischen Regierungen aller Coleur haben das Problem seit Jahren - trotz Wissens darum und Druck aus der EU - verschlampt und die jetzige hat versprochen, das Problem bis 2015 weitgehend zu lösen, bis Ende 2013 soll es auf Medienanfragen bereits "signifkante Fortschritte geben".

Solcherart Ankündigungen haben die Ungarn jedoch bereits säckeweise in ihren Kellern stehen und der EU ist das viel zu spät. Sie erwartet jetzt sofortiges Handeln, denn nur 92 der rund 3200 Kommunen des Landes, so eine aktuelle Studie, erfüllen bis Jahresende die EU-Kriterien zur Gänze. Derzeit gelten die oben genannten 300 Kommunen mit 800.000 Einwohnern, darunter auch größere Städte, als die größten Sorgenkinder, 2007 waren es noch über 900 mit 2,5 Millionen Bürgern.

Kommunen erst pleite, jetzt entmündigt

Welches sind die Haupthürden? Zunächst wäre die klamme Haushaltslage der Kommunen, die bei den meisten Wasserwerken mit-entscheidender Anteilseigner sind. Die Kassenlage verbessert sich auch nicht dadurch, dass die Zentralregierung ihnen jetzt per Gesetz rund die Hälfte ihrer Schulden abnehmen wird, denn damit ist auch ein weitgehendes Verbot neuer Kreditaufnahmen verknüpft und die Zentralregierung verlangsamt als zusätzliche Verwaltungsebene die Entscheidungsprozesse eher noch. Die EU finanziert Infrastruktur-Projekte jedoch nur bei einer entsprechenden Kofinanzierung durch die Projektnehmer, die ist im Falle Ungarns zwar gering, muss aber erstmal aufgebracht werden. Die privaten Anteilseigner werden in Ungarn kaum noch einen Forint investieren, hat der Staat sie doch per Gesetz zur Non-Profit-Bewirtschaftung verpflichtet, wenn sie nicht gleich ganz vor die Tür gesetzt worden sind.

Indische Forscher haben im Tierversuch herausgefunden, dass die Einnahme von Knoblauch zur Senkung der Arsengehalte im Blut und der Erhöhung der Arsengehalte im Urin führen kann. Das Arsen reagiert mit schwefelhaltigen Substanzen wie etwa Allicin. Zur Prophylaxe wird daher empfohlen, zwei bis drei Knoblauchzehen täglich zu sich zu nehmen. Knoblauch ist ein Nationalgewürz in Ungarn, an dem wahrlich kein Mangel herrscht. So könnte man das Nützliche mit dem Patriotischen verbinden, hat ja bei der Melone auch funktioniert, Kommissar Budai, übernehmen Sie!

10 Mio. EUR für die Notversorgung

Die Regierung in Budapest muss nun erstmal rund 10 Mio. EUR locker machen, um die von der EU geforderte Notversorgung bis Weihnachten sicher zu stellen, auch das Militär wird eingebunden. Gelder, die man bei schnellerem Handeln für die eigentliche Problemlösung gut hätte gebrauchen können. Dass der auf Kante kalkulierte Haushalt umfangreiche Mittel für ein nationales Trinkwasserprogramm hergibt, darf bezweifelt werden, auch wenn für Anti-IWF-Anzeigenkampagnen und Turul-Statuen Geld vorhanden ist. Die kann man immerhin sehen, das Gift im Brunnen aber nicht... Der Finanzbedarf für eine nachhaltige Lösung des Arsen-Problems wird auf rund 1 Mrd. EUR geschätzt, rund ein Drittel müsste Ungarn selbst aufbringen. Kaum zu viel für die Gesundheit der Bürger, pocht doch die Regierung mit ihrer Chipssteuer so sehr auf die Volksgesundheit - oder ging es dabei doch nur um die zusätzlichen Steuereinnahmen?

Bürgermeister sehen kein Problem: trinken das Wasser seit 100 Jahren...

Doch das größte Problem auf dem Weg zu sauberem Wasser für Millionen Ungarn ist nicht das Geld, sondern das fehlende Problembewustsein, bei Betroffenen wie bei Verantwortlichen gleichermaßen. Der Fernsehsender ATV hat mehrere Bürgermeister der Orte mit dem am stärksten kontaminierten Trinkwasser befragt und erntete nur verbreitetes Kopfschütteln: Die Anwürfe seien doch lächerlich, man trinke das Wasser hier nun seit einhundert Jahren "ohne jedes Problem" und nun kommt die EU daher und macht ein Problem daraus. Ein anderer Dorfvorsteher meint, er wird Oma M. kaum begreiflich machen können, dass sie ab Weihnachten ihr Wasser von einem Tankwagen nach Hause schleppen soll, wo es doch seit 80 Jahren aus der Wand kommt.

 

Ein weiterer Bürgermeister vermerkte: Orbán soll ruhig das Militär mit seinen Wasserautos schicken, wir werden ja sehen, was passiert, kein Mensch wird zu denen gehen. Wieder ein anderer Bürgermeister war sich zwar der Problemlage bewußt, dass er als Bürgermeister für eine "gesunde Trinkwasserversorgung verantwortlich" ist, "aber wir haben kein Geld". Er meint, seine Leute seien bisher durch das Wasser nicht krank geworden, nur die äußeren Vorgaben seien jetzt andere. Die Versorgung durch Wassertankfahrzeuge lehnt er ab: so entsteht doch erst Panik bei den Leuten...

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Schmutzige Geheimnisse II: “Agnes” und das Atomkraftwerk Paks: auf wackeligen Füßen

red.

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