Neue Roma-Kulturplattform soll politische Entscheidungen mitgestalten und ein nationales Kulturzentrum vorbereiten.
Budapest. Die ungarische Regierung will Vertreter der Roma-Gemeinschaft künftig systematisch in kulturpolitische Entscheidungen einbinden. Bildungs- und Kinderministerin Judit Lannert kündigte auf Facebook die Gründung des Roma-Kulturforums an. Die Initiative geht auf die Regierungsbeauftragte Kriszta Bódis zurück und soll sicherstellen, dass Erfahrungen von Roma-Fachleuten, Kulturschaffenden und Wissenschaftlern unmittelbar in politische Entscheidungsprozesse einfließen.
Lannert sprach sich für eine stärkere Beteiligung der Roma-Gemeinschaft, langfristige Zusammenarbeit und einen breiteren gesellschaftlichen Dialog aus. Nach ihren Angaben soll das Forum künftig als dauerhafte Plattform zwischen Regierung, Kulturinstitutionen und Roma-Organisationen dienen.
Ein nationales Roma-Kulturzentrum als nächster Schritt
Auch Sozial- und Kulturminister Zoltán Tarr bezeichnete die Arbeit des Forums nach dessen Sitzung am Dienstag als wichtigen Schritt. Roma-Kultur dürfe nicht als eigenständige Parallelwelt betrachtet werden, sondern sei ein organischer Bestandteil der ungarischen Nationalkultur, erklärte er auf Facebook.
„Über Roma-Kultur kann nicht ohne die Roma entschieden werden“
betonte Tarr. Vertreter des kulturellen Lebens hätten konkrete Vorschläge eingebracht, die nun in die weitere Regierungsarbeit einfließen sollen.
Zu den wichtigsten Vorhaben zählt die Prüfung eines nationalen Roma-Kulturzentrums. Die Einrichtung soll das kulturelle Erbe der Roma bewahren, öffentlich sichtbar machen und zugleich der Talentförderung junger Künstler dienen.
An der Sitzung nahmen neben Tarr auch Vertreter mehrerer Ministerien teil. Das Roma-Kulturforum war auf Initiative von Kriszta Bódis gegründet worden, die als Regierungsbeauftragte die nationale sozialpolitische Strategie sowie die ressortübergreifende Koordinierung der Bildungs-, Sozial- und Gesundheitspolitik verantwortet. Zu den Mitgliedern gehören außerdem Bildungsministerin Judit Lannert, die Regierungsbeauftragte für die ungarische Musikkultur Andrea Rost sowie Staatssekretäre und weitere Regierungsvertreter.
Kulturelle Anerkennung und gesellschaftlichen Herausforderungen
Die Roma stellen weiterhin die größte ethnische Minderheit Ungarns dar. Laut den offiziellen Daten der ungarischen Volkszählung 2022 bezeichneten sich 209.909 Personen als Roma, was einem Bevölkerungsanteil von rund 2,2 Prozent entspricht. Dieser Rückgang gegenüber den 3,18 Prozent von 2011 wird von Soziologen primär auf eine hohe Verweigerungsquote bei den freiwilligen Fragen zur ethnischen Zugehörigkeit sowie auf soziale Stigmatisierung zurückgeführt. Unabhängige akademische Studien, Evaluationen des Europarats sowie kommunale Erhebungen schätzen die tatsächliche Roma-Bevölkerung in Ungarn jedoch auf 600.000 bis 880.000 Personen, was einem realen Anteil von 7 bis 9 Prozent der Gesamtbevölkerung entspricht.
Die Initiative entsteht vor dem Hintergrund einer seit Jahren geführten Debatte über die gesellschaftliche Stellung der Roma in Ungarn. Internationale Organisationen wie das European Roma Rights Centre und die Gesellschaft für bedrohte Völker haben wiederholt auf Diskriminierung im Bildungswesen, im Umgang mit Behörden sowie bei der Strafverfolgung hingewiesen. Auch die politische Debatte war in den vergangenen Jahren mehrfach von kontroversen Äußerungen über die Roma-Minderheit geprägt.
Mit dem neuen Forum setzt die Regierung nun auf einen institutionellen Dialog, bei dem Vertreter der Roma-Kultur bereits in der Phase der politischen Vorbereitung eingebunden werden sollen. Ob daraus konkrete kulturpolitische Maßnahmen wie ein nationales Kulturzentrum oder weitere Förderprogramme hervorgehen, blieb zunächst offen.
Quellen: MTI, Wikipedia
Photo: Roma Minderheiten in Ungarn – Census von 2001, Wikipedia











