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Aus einer Städtepartnerschaft wurde eine Familie

Seit 25 Jahren verbindet die fränkische Marktgemeinde Eggolsheim und das ungarische Jászszentlászló weit mehr als ein offizieller Partnerschaftsvertrag. Aus Begegnungen entstanden Freundschaften, Vereinskontakte und sogar eine deutsch-ungarische Ehe. Eine Geschichte darüber, weshalb kommunale Partnerschaften im Europa des Jahres 2026 ihren Wert haben.

Jászszentlászló/Eggolsheim. Als die junge Aliz Szatmári Anfang der 2000er Jahre erstmals nach Franken kam, wollte sie vor allem eines: ihr Deutsch verbessern. Wenige Jahre später heiratete sie einen Eggolsheimer. Heute unterrichtet sie selbst Deutsch, lebt mit ihrer Familie in Oberfranken und ist wohl das schönste Beispiel dafür, was aus einer Städtepartnerschaft entstehen kann, wenn sie nicht bloß bei offiziellen Empfängen endet.

In diesem Jahr feiern Eggolsheim und Jászszentlászló das 25-jährige Bestehen ihrer Gemeindepartnerschaft. Das Jubiläum wurde Anfang Juni in Ungarn und Ende Juli in Franken begangen. Offizielle Reden, Musik, gemeinsame Ausflüge und eine geschenkte „Sitzbank der Freundschaft“ gehörten zum Programm. Die eigentliche Geschichte beginnt lange vor den Festakten.

Die meisten Städtepartnerschaften, die nach dem Ende des Eisernen Vorhangs entstanden, verfolgten ein ähnliches Ziel: Aus Nachbarn sollten Bekannte werden, aus Bekannten Freunde. Gerade zwischen Deutschland und Ungarn entstanden nach 1989 zahlreiche kommunale Verbindungen. Manche bestehen heute nur noch auf dem Papier. Andere kämpfen mit fehlendem Nachwuchs oder beschränken sich auf gelegentliche Grußbotschaften der Rathäuser.

Die Verbindung zwischen Eggolsheim und Jászszentlászló gehört offensichtlich nicht dazu.

Lage von Jászszentlászló in Ungarn; Komitat Bács-Kiskun in der Region Südliche Große Tiefebene

Gastfreundschaft statt Hotelzimmer

Die beiden Gemeinden trennen rund 941 Kilometer. Eggolsheim zählt knapp 6.800 Einwohner, Jászszentlászló rund 2.300. Gemessen an ihrer Größe ist der Austausch erstaunlich lebendig geblieben: Über ein Vierteljahrhundert haben mehrere hundert Bürger beider Orte an gegenseitigen Besuchen teilgenommen.

Ein wesentlicher Grund dafür ist ebenso einfach wie wirkungsvoll: Gäste werden traditionell bei Familien untergebracht und nicht in Hotels.

„Man spricht nur mit dem Herzen gut“

Wer mehrere Tage gemeinsam frühstückt, Ausflüge unternimmt oder abends bei einem Glas Wein zusammensitzt, lernt ein Land anders kennen als auf einer organisierten Rundreise. Aus Gastgebern werden Freunde. Aus Freundschaften entstehen Gegenbesuche. Genau dieses Prinzip trägt die Partnerschaft seit einem Vierteljahrhundert.

Dabei spielte die Sprache oft eine untergeordnete Rolle. Vieles funktioniert ohnehin mit Gesten, Humor und Geduld.

Was die Konversation betrifft, lacht Robert Schmitt aus Neuses, einer der Gründerväter:
„Da hilft uns der Übersetzer im iPhone“.


Auch zu nennen ist der viel beschäftigte Übersetzer Lazlo Ihring. Schon bei der ersten Zimmerverteilung im Mai 2001, als die Partnerschaft beurkundet wurde, gab es mehr Bettenangebote als Gäste.

Eine Liebe über 941 Kilometer

Die bekannteste Geschichte dieser Partnerschaft beginnt mit einer Busfahrt.

Aliz Szatmári hatte bereits in Ungarn Deutsch gelernt und kam als Au-pair nach Eggolsheim, um ihre Sprachkenntnisse für das Germanistikstudium zu vertiefen. Während eines Jugendaustauschs lernte sie Jörg Wolf kennen, der eine kirchliche Gruppe nach Ungarn begleitet hatte.

Aus ersten Begegnungen wurden regelmäßige Fahrten zwischen Bayern und Ungarn. Was bedeuten schon 941 Kilometer, wenn man sich verliebt.

2008 heiratete das Paar zunächst standesamtlich im Stadtpark von Jászszentlászló, später kirchlich in Eggolsheim. Heute leben beide mit ihren Kindern David und Maja in Franken. Aliz arbeitet als Lehrerin in Förderklassen für Deutsch und unterrichtet zusätzlich Erwachsene an der Volkshochschule. Jörg Wolf ist bei Siemens Mobility im Bereich Schienenverkehr tätig.

Das Brautpaar Aliz und Jörg Wolf.

Ihre Geschichte ist außergewöhnlich – und gleichzeitig genau das, was Städtepartnerschaften ursprünglich erreichen sollten: Begegnungen schaffen, aus denen etwas Dauerhaftes entsteht.

Mehr als Bürgermeister und Urkunden

Partnerschaften werden häufig mit den Namen ihrer Bürgermeister verbunden. Tatsächlich leben sie aber nur, wenn Vereine, Schulen, Feuerwehren und Privatpersonen sie mit Leben füllen.

In Jászszentlászló gehörte der langjährige Bürgermeister József Papp zu den Wegbereitern der Verbindung. Heute engagiert sich der pensionierte Bürgermeister weiterhin im deutsch-ungarischen Freundeskreis. Die Partnerschaft hat mehrere Bürgermeisterwechsel auf beiden Seiten überstanden – ein Zeichen dafür, dass sie nicht von einzelnen Personen abhängig ist.

Auch politisch verlief die Entwicklung der ungarischen Gemeinde durchaus eigenständig. Recherchen des Pester Lloyd zeigen, dass sowohl der langjährige Bürgermeister Nagy András als auch der heutige Bürgermeister Sebestyén István als unabhängige Kandidaten gewählt wurden. Sebestyén setzte sich 2024 mit 54,6 Prozent der Stimmen gegen eine von Fidesz-KDNP unterstützte Bewerberin durch.

Europa im Kleinen

Wer über Europa spricht, denkt meist an Kommissionen, Gipfel oder Konflikte. Kommunale Partnerschaften wirken daneben beinahe altmodisch – deshalb lohnt sich ein zweiter Blick.

Sie entstanden in einer Zeit, als der Eiserne Vorhang noch frisch im Gedächnis war, Billigfluglinien kaum existierten und Reisen nach Osteuropa für viele Deutsche etwas Besonderes blieb. Die Idee war schlicht: Menschen sollten einander kennenlernen, bevor sie sich übereinander ein Urteil bilden.

Daran hat sich bis heute wenig geändert.

Politische Debatten verändern sich. Regierungen wechseln. Schwerpunkte europäischer Politik verschieben sich. Städtepartnerschaften folgen dagegen einem anderen Rhythmus. Sie funktionieren nur, wenn sich Menschen freiwillig engagieren – über viele Jahre hinweg und meist ohne öffentliche Aufmerksamkeit.

Dass dies auch nach 25 Jahren noch gelingt, ist keineswegs selbstverständlich.

Eine kleine Geschichte mit großer Aussage

Die Jubiläumsfeiern in diesem Sommer werden keine europäische Krise lösen. Sie wollen das auch gar nicht.

Sie erinnern vielmehr daran, dass Europa nicht nur in Parlamenten oder Ministerräten entsteht. Es wächst ebenso dort, wo Familien ihre Gästezimmer öffnen, Vereine gemeinsame Projekte organisieren oder aus einem Schüleraustausch eine Ehe wird.

Vielleicht erklärt gerade das die bemerkenswerte Beständigkeit dieser Partnerschaft. Sie beruht nicht auf Förderprogrammen oder politischen Mehrheiten, sondern auf etwas deutlich Einfacherem: Menschen, die sich immer wieder entscheiden, den Weg von 941 Kilometern auf sich zu nehmen.

Quellen: Roland Betz / Das Zeitfenster, Gemeinde Jászszentlászló, Markt Eggolsheim,
Photo: Mike Wuttke / Das Zeitfenster – Veröffentlichung mit Genehmigung des Herausgebers.

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