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Ungarns Babyboom ist vorbei – KSH-Zahlen zeigen neuen Tiefstand bei Geburten

Die September-Zahlen des Statistikamtes KSH markieren einen weiteren Schritt im demografischen Rückzug. Nach einem politisch gefeierten Zwischenhoch nähert sich Ungarn wieder dem Niveau der frühen 2010er Jahre an – trotz teurer Familienpolitik und dazu passender Propaganda der vergangenen Regierung.

Budapest. Nach den am Freitag veröffentlichten vorläufigen Daten des Statistischen Zentralamts (KSH) kamen im September 2026 in Ungarn 5.893 Kinder zur Welt. Das sind 4,8 Prozent oder 298 Neugeborene weniger als im September des Vorjahres. Im selben Monat starben 8.788 Menschen, 1,9 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Der natürliche Bevölkerungsverlust – Geburten minus Sterbefälle – lag damit bei 2.895 Personen.

Umgerechnet auf die Einwohnerzahl waren das 7,6 Lebendgeburten und 11,3 Todesfälle je 1.000 Einwohner. Beide Raten liegen leicht unter dem Niveau von 2025, der natürliche Rückgang stieg dennoch auf 3,7 Personen pro 1.000 Einwohner. Parallel dazu wurden im September 5.148 Ehen geschlossen – ein Minus von 18 Prozent gegenüber dem Vorjahr, also 1.165 Hochzeiten weniger.

Ein Jahrzehnt rauf, jetzt wieder runter

Aussagekräftiger als ein einzelner Monat ist die Bilanz der ersten drei Quartale 2026. Zwischen Januar und September wurden nach KSH-Angaben 52.429 Kinder geboren, 3,5 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. In fünf der neun Monate lag die Zahl der Neugeburten klar unter dem Wert des Vorjahres, lediglich im April gab es ein kleineres Plus. Bezogen auf 1.000 Frauen im Alter von 15 bis 49 Jahren wurden 34,9 Lebendgeburten registriert – ein weiterer Rückgang um 0,5 Promillepunkte.

Deutlich ist der Rückschritt bei der zusammengefassten Geburtenziffer, der durchschnittlichen Kinderzahl je Frau. Für die ersten drei Quartale 2026 schätzt das KSH den Wert auf 1,29; im gleichen Zeitraum 2025 lag er noch bei 1,32. Damit nähert sich Ungarn wieder dem Niveau an, das vor den großen familienpolitischen Programmen der Mitte der 2010er Jahre galt – nach einem Zwischenhoch um 1,6 in den Jahren 2019 bis 2021, das die damalige Familienministerin Katalin Novák 2019/2020 wiederholt als Beleg für die Wirkung der Familienpolitik bezeichnete.

In der Langfristperspektive ist der Verlauf klar erkennbar. Laut KSH- und Eurostat-Reihen stieg die ungarische Geburtenziffer zwischen 2010 (rund 1,25 Kinder je Frau) und 2023 (1,55) an. Im gleichen Zeitraum sank die durchschnittliche Geburtenziffer in der EU und lag 2023 bei 1,38. Seit 2024 fällt die Kurve wieder. Eurostat weist für Ungarn 1,41 Kinder je Frau im Jahr 2024 aus, die KSH-Reihe liegt mit 1,39 kaum darunter.

Regionen und Nachbarn: vom Vorzeige- zum Mittelfeldland

Im innerungarischen Vergleich bestätigt sich ein bekanntes Muster. Nach Angaben des KSH sank die Geburtenzahl in vier Regionen und in Budapest gegenüber dem Vorjahr, drei Regionen verzeichneten Zuwächse. Den stärksten Rückgang meldet die Hauptstadt, das größte Plus die Region Észak-Alföld im Osten des Landes.

Im europäischen Umfeld hat Ungarn seine Sonderstellung verloren. 2023 zählte das Land mit einer Geburtenziffer von 1,55 noch zu den geburtenstärkeren EU-Staaten, zusammen mit Bulgarien und Frankreich. Inzwischen liegt es nur noch knapp über dem EU-Durchschnitt von 1,34 (2024-Schätzung). Nach den aktuellsten Eurostat-Angaben steht Ungarn mit etwa 1,4 Kindern je Frau hinter Rumänien (um 1,7), Tschechien und der Slowakei (beide um 1,5), knapp vor Österreich (rund 1,3) und deutlich vor Polen, das bei etwa 1,3 liegt.

Teure Instrumente, begrenzte Wirkung

Seit 2010 hat die Regierung ein dichtes Geflecht aus steuerlichen Vergünstigungen, Zuschüssen und Krediten für Familien aufgebaut. Der familienbezogene Steuerfreibetrag wurde mehrfach ausgeweitet, Mütter mit mindestens vier Kindern sind seit 2019 dauerhaft von der Einkommensteuer befreit. Mit der Wohnbauförderung CSOK – einem Zuschuss zum Immobilienkauf oder -bau – und dem „Babaváró“-Kredit wurden vor allem für verheiratete Paare starke finanzielle Anreize gesetzt, früh Kinder zu bekommen.

Empirische Analysen zeigen begrenzte Effekte. Eine von der OECD referierte Mikrostudie ungarischer Ökonomen kommt zu dem Ergebnis, dass eine Erhöhung des Familiensteuerkredits um zehn Prozent die Wahrscheinlichkeit einer Geburt um etwa 2,5 Prozent steigen lässt. Eine jüngere Auswertung zu CSOK und Babaváró beschreibt vor allem einen kräftigen „Jetzt-oder-nie“-Effekt: Paare nutzen Kredite und Zuschüsse, um ohnehin geplante Kinder vorzuziehen; die Gesamtzahl der Kinder verändert sich nur wenig und meist vorübergehend.

Die OECD rechnet in ihrem Ungarn-Bericht von 2026 vor, dass selbst eine Verdopplung der familienbezogenen Geldleistungen die Geburtenziffer in Modellrechnungen nur um rund 0,25 Punkte anheben würde – etwa von 1,4 auf 1,65. Die regierungsnahe Kopp-Mária-Stiftung verweist zwar auf den relativen Anstieg seit 2010, bleibt aber bei deskriptiven Vergleichen und liefert keinen Nachweis für eine ursächliche Wirkung der Familienpolitik.

Sterben auf hohem Niveau

Während die Geburten sinken, pendeln sich die Sterbefälle nach den Ausschlägen der Pandemie auf einem hohen Plateau ein. Von Januar bis September 2026 starben laut KSH 90.614 Menschen, zwei Prozent weniger als im gleichen Zeitraum 2025. Pro 1.000 Einwohner entspricht das 12,8 Todesfällen; auch diese Rate liegt geringfügig unter dem Vorjahreswert. Die natürliche Bevölkerungsabnahme in den ersten neun Monaten lag mit 38.185 Personen fast genau auf dem Niveau des Vorjahres.

In der Jahresperspektive rechnen KSH, Eurostat und internationale Organisationen mit einem kontinuierlichen Schrumpfen der Bevölkerung. Eurostat prognostiziert in seiner jüngsten EUROPOP-Reihe für Ungarn bis 2050 einen Rückgang auf etwa 8,6 Millionen Einwohner, das KSH kommt in einer aktuellen nationalen Projektion zu ähnlichen Werten. Der Anteil der über 65-Jährigen dürfte von heute gut 21 auf rund 30 Prozent steigen; die Zahl der Kinder stagniert oder sinkt leicht.

Der Internationale Währungsfonds kommt in langfristigen Simulationen zu dem Ergebnis, dass zur Sicherung der staatlichen Rentenkasse ein dauerhafter Anpassungsbedarf von mehreren Prozentpunkten des Bruttoinlandsprodukts pro Jahr über mehrere Jahrzehnte besteht, wenn die heutigen Leistungsversprechen gehalten werden sollen – Österreich hat eine ähnlichen bis drastischeren Ausblick.

Anspruch und Wirklichkeit

Regierungsvertreter haben die gestiegene Geburtenziffer der Jahre 2019 bis 2021 mehrfach als Erfolg der Familienpolitik interpretiert. Die neuen KSH-Zahlen zeigen nun, dass der demografische Trend trotz umfassender Programme wieder nach unten weist, während Ungarn weiter dem europäischen Muster schrumpfender und alternder Gesellschaften folgt.

In aktuellen Analysen von OECD und IWF heißt es übereinstimmend, dass selbst bei einer gewissen Stabilisierung der Geburtenziffer die Bevölkerung Ungarns in den kommenden Jahrzehnten deutlich zurückgehen und gleichzeitig rasch altern wird – mit entsprechenden Folgen für Arbeitsmarkt, Rentensystem und regionale Entwicklung.

Quellen: MTI, KSH, OECD Economic Survey Hungary 2026
Photo: Blick vom Gellértberg auf Budapest und die Donau. Visions of Domino / Wikimedia Commons (CC BY 2.0)

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