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(c) Pester Lloyd / 29 - 2010  OSTEUROPA 19.07.2010

 

Kulturkampf um Terra Madre

Probleme der Kleinbauern in Bulgarien und Rumänien

Die postmodernen, Gegenerscheinungen des übersättigten und durchindustrialisierten Westens, "Bio" und "Slow Food", kommen in Ländern wie Rumänien und Bulgarien sozusagen noch originär vor. Noch. Denn die alten Erzeugungsmethoden und der ursprüngliche Direktvertrieb werden durch komplizierte EU-Gesetze und die Geldgier lokaler Platzhirsche des Groß- und Zwischenhandels gefährdet. Kleinbauern und internationale Unterstützer trafen sich jetzt in Sofia, zur Messe "Terra Madre Balkans" um über die Diskrepanzen zwischen naturnahem, minimalinvasivem Wirtschaften, Erfüllung von EU-Auflagen, Förderungen und Existenzsicherung zu sprechen.

In Sofia fand am letzten Wochenende eine Messe speziell für Kleinbauern und Kleinerzeuger von Lebensmitteln statt, die "Terra Madre Balkans", die von der weltweit agierenden Initiative "Slow Food" und der Umweltschutzorganisation WWF (World Wildlife Fund) unterstützt wurde. An drei Tagen stellten im Botanischen Garten der bulgarischen Hauptstadt die Kleinbauern ihre Produkte und Erzeugungsmethoden vor, - eine gute Gelegenheit, auf ihre Probleme aufmerksam zu machen. Dazu waren Delegierte aus zehn Balkanländern angereist.

Minimalinvasive Landwirtschaft ist Naturschutz und Landschaftspflege - und bedroht

Viele kleinbäuerliche Erzeuger der Region kämpfen verzweifelt um ihre Existenz, an zwei Hauptfronten: die Anpassung an EU-Standards überfordert viele traditionell und einfach wirtschaftende Betriebe finanziell und organisatorisch, denn die Prioritäten der Gemeinschaft widersprechen ihrer ganzen Art zu wirtschaften und zudem ist der Zugang zum Direktvertrieb vielen noch bzw. wieder verwehrt.

Es geht um die Höfe und damit um Traditionen,
Landschaften, Natur - eine ganze Kultur

“In den Balkanländern finden sich in der Landwirtschaft viele sozio-ökonomische Gemeinsamkeiten und gleiche Problemlagen”, sagt eine der Organisatoren. Es gilt, das Erbe dieser Regio zu erhalten: eine ursprüngliche Biolandschaft, in denen halbwilde Obstplantagen, Schafweiden in den Bergen die Landschaft prägen und gleichzeitig erhalten. Möglichst wenig Eingriffe in die Natur, eine Art minimalinvasiver Landwirtschaft - aus marktwirtschaftlicher Sicht ineffizient, aus biologischer das Optimum, prägen den Anbau und die Nutzung der Flächen, doch der industrielle und administrative Druck auf diese jahrhundertealten Überlieferungen nehmen zu und gefährden eine ganze Kulturregion.

Yulia Grigorova, Koordinatorin des WWF Donau-Karpaten-Programmes, betont, dass die Bauern in Rumänien und Bulgarien oft viel mehr sind als Erzeuger landwirtschaftlicher Produkte: "Durch ihre Arbeit schützen sie die Landschaften, eine Natur, die den dort Lebenden Werte schafft, einschließlich des Wassermanagements, der Errosionskontrolle, der Kohlendioxidabsorbtion und vor allem auch der Artenvielfalt." Die Frage, die sich nun stellt, ist, wie man diese wertvollen Traditionen mit den Erfordernissen der EU an eine kontrollierbare Qualität und Quantität, an die Förder- bzw. Subventionsstrukturen sowie an die Marktbedingungen anpassen kann, ohne sie zu vernichten und gleichzuschalten. Der WWF versucht sich darin, in Zusammenarbeit mit den lokalen Autoritäten und den Farmern Wege zu finden, die eine sanfte Entwicklung der Region ermöglichen, ein anständiges Einkommen für die Erzeuger ermöglichen und gleichzeitig die Natur und Landschaften schüten.

Bilder, die in westlichen Breiten fast ausgestorben sind, gehören auf dem Balkan noch zum Alltag

Beispiel Büffelzucht

Yulia Grigorova trifft sich mit Sabina and Boyan, zwei Büffelzüchtern aus Tsar Kaloyan im Norden Bulgariens. Sie versuchen seit einer Weile eigenes Land von der Gemeinde abzukaufen, was nicht gelingt. Zur Zeit grasen ihre rund 60 Tiere zusammen mit 2000 anderen Tieren auf 300.000 Hektar Gemeindeland. "Das führt zur Übergrasung und stellt uns vor große Probleme, denn für unsere Produkte müssen wir einen hohen ökologischen Standard garantieren können, u.a. auch um an entsprechende EU-hilfen zu kommen.", sagt Boyan. "Früher, da achteten die Leute von selbst auf ihr Land, weil sie wussten, das von ihm alles kommt. Heute schauen sie nur noch danach, so schnell wie möglich, so viel wie möglich Geld zu machen."

Auch Bulgarien und Rumänien musste sich mit dem EU-Beitritt der Gemeinschaftlichen Agrarpolitik unterwerfen, die zwar Biobauern etc. ausdrücklich fördert, ihren Schwerpunkt aber auf die Unterstützung intensiver, großflächiger Landwirtschaft setzt, genau das Gegenteil also von dem, was die Balkanstaaten brauchten. Yulia Grigorova verlangt, dass man den Schutz der Ressourcen und der Umwelt in den Mittelpunkt der EU-Politik stellen soll. Man sollte Bauern nach dem ökologischen Entwicklungsgrad ihrer Betriebe beurteilen und fördern und dabei die Arten- bzw. Sortenvielfalt, den Artenerhalt, das Wassermanagement, die Landschaftspflege, de Kohlendioxideffekt und andere Aspekte einbeziehen und nicht nur den Ertrag pro Hektar bzw. gar die Stilllegung honorieren. Entsprechende Pilotprojekte laufen derzeit, die im Ergebnis zu einem Politikwechsel in Brüssel führen sollen.

Slow Food ist nicht nur eine Laune von übersättigten Westlern, im besten Falle soll die Bewegung eine “Revolution am Kochtopf” auslösen, die auch - und vor allem - den Erzeugern hilft. www.slowfood.com

Beispiel Schafsmilch

Was die Biobewegung in Westeuropa nur sehr mühsam wieder versucht, die Rückbesinnung auf das lokale bzw. regionale Moment der Landwirtschaft, auf dem Balkan ist es noch vorhanden. Es besteht aber die Gefahr, dass es erst zertört wird, bevor es wieder aufgebaut werden kann. Fleisch war hier oft immer Bio, eben von Natur aus, ebenso traditionelle Käse oder Honig. All das zeigen die kleinen Bauern auf der Terra Madre Balkans. "Die Qualität der Milch ist einfach unschlagbar, wenn die Schafe auf freien Weiden ihr Futter suchen können", sagt Nikolay, dessen Familie 50 Schafe durch einen nordbulgarischen Nationalpark treibt. 2008 schloss die Milchsammelstelle des regionalen Großverarbeiters als der auf den Trichter kam, dass die Einfuhr von Milchpulver billiger und einfacher ist als die Naturprodukte der lokalen Erzeuger zu verarbeiten und zu vermarkten. Doch die Milch selbst vermarkten? Gar nicht so einfach, bei den vielen neuen EU-Normen. Schlimmer noch ergeht es Tierzüchtern, die selber schlachten wollen, Käseproduzenten mit jahrhundertelangen Erfahrungen, die sich nur 500seitigen Regelwerken anpassen sollen, etc., etc. Unbestritten, gesundheitliche Sicherheit, Herkunftskennung, Transparenz bei Inhaltsstoffen und Herstellungsverfahren sind hohe und marktgeforderte Güter. Allein man muss den Bauern Geld, Zeit und Kno how geben, dieses auch umzusetzen. Das tat man nicht, bzw. sehr ungenügend. Der Verdrängungswettbewerb der Großagrarmafia tut ihr übriges.

Beispiel Bauernmärkte

“Die kleinteilige Landwirtschaft ist deutlich weniger profitabel geworden, viele Bauern mussten bereits ganz aufgeben", fasst WWF-Koordinator Raluca Dan die Probleme mit der EU-Anpassung zusammen, "mit tragischen Konsequenzen". Neben der Existenz des Bauern geht immer auch ein Stück Natur und Tradition kaputt, das ungenutzte Land wird umgewidmet und ist meist verloren. Dagegen versucht man sich wiederum mit Pilotprojekten, die beispielgebend für andere Regionen sein sollen. Im rumänischen Maramures, dem zweitgrößten Landschaftsschutzgebiet der Donauregion etabliert der WWF gerade etwas, was es früher von ganz allein gegeben hat: "einen lokalen Bauernmarkt", der sich auf hochwertige Naturprodukte konzentriert. Zusätzlich entwickelt man ein Liefersystem um solche Produkte an Kindergärten in der Provinzhauptstadt Baia Mare liefern zu können.

Das klingt nett und viel einfacher als es in der Praxis ist, berichtet Raluca Dan. In Bulgarien z.B. erlaubt die derzeitige Gesetzgebung den Kleinbauern gar keinen Direktvertrieb also auch gar keinen direkten Kontakt mit dem Verbraucher. Erst im Herbst soll das - wieder - möglich werden, so dass Zwischenhändler und dubiose Mittelsmänner nicht mehr ins Geschäft pfuschen können und das Originäre der Produkte auch vom Verbraucher wieder gewürdigt und erkannt werden kann. Ohne diesen Weg, so sind die Kleinbauern und ihre Unterstützer überzeugt, haben sie keine Chance.

Noch viel tiefergehend sind die Sorgen in den nicht EU-Ländern, den Regionen Ex-Jugoslawiens, die durch die Kriege der letzten Jahrezehnte gebrannt und oft verlassen sind. Verwilderte Olivenhaine und Weinberge, Brachland, kontaminierte Wasserleitungen, eine nichtexistente Lager- und Lieferinfrastruktur. Viel zu tun für die EU, doch eine Aufgabe, die dem ganzen Kontinent zu Gute kommt: sauberes Essen, eine gesunde Natur und menschenwürdige Existenz für die Bewohner.

Olga Apostolova / -red.

Die "Terra Madre"-Bewegung im Internet (deutsch)
http://www.terramadre.info/pagine/welcome.lasso?n=de

Überblick und Beschreibungen der Aussteller auf der Terra Madre Balkans Messe in Sofia (eng.) http://www.terramadre.info/pagine/press/leggi.lasso?id=C2744B881136e201CCRPO173F8E2&ln=en

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