Die G7 geben 100 Millionen Barrel Öl und Diesel aus Notreserven frei. Ein geplanter Zugriff auf Vorratstanks – mit Folgen bis nach Százhalombatta und an ostmitteleuropäische Zapfsäulen.
Budapest. Die Industriestaaten haben ihre eiserne Ölreserve angerührt. Laut Associated Press beschlossen die G7 am 2. Oktober in Évian, rund 100 Millionen Barrel aus strategischen Beständen freizugeben – ein Mix aus Rohöl und insbesondere Diesel. Die Internationale Energieagentur (IEA) begleitet den Schritt, der Teil des bereits im März 2026 von den G7 angekündigten Rahmens von bis zu 400 Millionen Barrel ist. Auslöser sind der Krieg im Nahen Osten und ein angespannter Dieselkraftstoffmarkt, auf dem die Preise deutlich gestiegen sind.
Rechnerisch bleibt der Eingriff begrenzt. Nach IEA-Angaben verfügen die Mitgliedsländer über etwa 1,2 Milliarden Barrel öffentliche Notreserven und zusätzlich rund 600 Millionen Barrel verpflichtende Vorräte der Industrie – zusammen 1,8 Milliarden Barrel. Bei einem kombinierten Verbrauch der IEA-Staaten von rund 50 Millionen Barrel pro Tag decken diese Bestände etwa 36 Tage. Die Freigabe von 100 Millionen Barrel entspricht damit rund zwei Tagen Verbrauch der IEA-Länder oder acht bis neun Prozent der öffentlichen Reserven. Im globalen Maßstab ist es ein knapper Tag Weltölkonsum – ein deutliches Signal, kein Befreiungsschlag.
Im historischen Vergleich liegt die Aktion zwischen früheren Einsätzen strategischer Reserven. 2011 stellte die IEA während der Libyen-Krise 60 Millionen Barrel bereit, 2022 nach dem russischen Angriff auf die Ukraine waren es 182,7 Millionen Barrel – der bislang größte kollektive Einsatz strategischer Bestände. Dass die G7 nun ein kleineres, auch auf Diesel zielendes Paket schnüren, knüpft an diese Erfahrungen an: Der Rohölmarkt ist angespannt, zugleich sind Mitteldestillate wie Dieselkraftstoff in Europa knapp.
An den Terminmärkten löste der Beschluss einen kurzfristigen Effekt aus. Ende September lag die Nordsee-Sorte Brent laut AP bei gut 96 Dollar je Barrel, die Ankündigung der G7 drückte den US-Referenzpreis WTI am 2. Oktober im Tagesverlauf um rund zwei Prozent. Agenturen berichten von einem gebremsten Preisanstieg. Die IEA geht in ihrem Ölmarktbericht für 2026 trotz gesenkter Nachfrageprognose von einer knappen Versorgungslage aus; die US-Energiebehörde EIA erwartet in ihrem Kurzfrist-Ausblick durchschnittlich etwa 90 Dollar Brent im zweiten Halbjahr 2026 und Dieselvorräte in den USA, die bis Ende 2026 und die meiste Zeit 2027 unter den jüngsten Fünfjahrestiefs bleiben – ein Umfeld hoher Preise.
Für Ungarn und seine Nachbarn ist entscheidend, ob die Versorgung trägt. Ungarn ist Mitglied von EU und IEA und muss nach EU- und IEA-Regeln Notölvorräte von mindestens 90 Tagen Nettoimporten beziehungsweise 61 Tagen Inlandsverbrauch vorhalten; laut IEA liegt das Land regelmäßig darüber und hält mindestens ein Drittel der Bestände als Ölprodukte. Bei einem ungarischen Verbrauch von rund 178.500 Barrel pro Tag entspricht das rechnerisch grob 16 bis 18 Millionen Barrel Notöl – ein beachtlicher Sicherheitsgurt. Zugleich bleibt die Abhängigkeit von wenigen Zulieferern: Laut Handelsdaten stammten 2023 noch rund drei Viertel der ungarischen Rohölimporte aus Russland, ergänzt durch Kasachstan und Zuflüsse über Kroatien.
Die MOL-Raffinerien in Százhalombatta und Bratislava sind traditionell stark auf das russische Urals-Profil ausgerichtet, Umrüstung und Diversifizierung kosten Zeit und hohe Investitionen. Entsprechend reagierten Regierung und MOL mit Maßnahmen zur Absicherung der Versorgung. Als nach Angriffen in der Ukraine die Druschba-Pipeline zeitweise unterbrochen wurde, kündigten Energieministerium, die staatliche Notölagentur und MOL an, strategische Rohölreserven von zunächst etwa 250.000 Tonnen – rund 1,8 Millionen Barrel – freigeben zu können, falls die Lieferungen nicht wieder anlaufen. Parallel kaufte der Konzern im April 2026 nach Angaben des Weißen Hauses gut 510.000 Tonnen US-Rohöl als Ergänzung. Die nun von den G7 beschlossene Diesel-Freigabe kann solche Einkaufsprogramme und Umschichtungen im Hintergrund unterstützen, ersetzt sie aber nicht.
Für die EU insgesamt stammen laut Eurostat 2023 rund 22 Prozent der Öl- und Ölproduktimporte aus G7-Staaten, vor allem aus den USA und dem Vereinigten Königreich. Seit dem weitgehenden Ausfall Russlands als Lieferant haben US-Raffinerien ihre Diesel-Lieferungen nach Europa deutlich ausgeweitet. Ostmitteleuropa bezieht diesen Treibstoff meist indirekt, über Produktströme aus österreichischen, slowakischen oder polnischen Raffinerien. Wenn G7-Tanks geöffnet werden, stabilisiert das daher auch jene Lieferketten, auf die sich Ungarns Straßengüterverkehr und Landwirtschaft stützen.
Die spätere Entwicklung der Preise an ostmitteleuropäischen Zapfsäulen hängt jedoch vor allem von der weiteren Kriegslage im Nahen Osten, von Förderentscheidungen der OPEC-Staaten und von möglichen Engpässen in der Logistik ab. Die G7-Aktion markiert, dass ausreichend physisches Öl verfügbar ist; entscheidend bleibt, wie zuverlässig es zu den Raffinerien und Verbrauchern gelangt. Für ein Land, dessen wichtigste Raffinerie noch immer an der Druschba-Pipeline hängt, wiegt diese Dimension mindestens so schwer wie ein kurzfristiger Abschlag an der Preistafel.
Quellen: AP, IEA, Eurostat
Photo: Eine MOL-Tankstelle an der Szabadság út im ungarischen Gárdony; der Konzern spielt eine zentrale Rolle im ungarischen Ölmarkt, Globetrotter19 / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)
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