(c) Pester Lloyd / 44 – 2011 NACHRICHTEN 04.11.2011
Neonaziführer in Ungarn tot aufgefunden Der Chef der rechtsextremistischen Wehrsportgruppe Vederö (Schutzmacht) in nordostungarischen Gyöngyöspata, Tamás Eszes, dessen „Bürgerwehr“-Aktivitäten, zusammen mit anderen von der Partei Jobbik gesteuerte Gruppen, vor einigen Monaten zu gewalttätigen Ausschreitungen zwischen Rechtsextremen und Angehörigen der Romaminderheit führten, wurde am Donnerstagabend tot in seinem Haus in Gyöngyöspata aufgefunden. Die Polizei mochte sich offiziell noch nicht festlegen, doch sprechen lokale Quellen von Selbstmord, Eszes soll sich in einem Schuppen seines Anwesens erhängt haben.
Eszes organisierte, nachdem die „Bürgerwehren“ die Macht im Ort übernommen und das Romaviertel abgeriegelt hatten, für das Osterwochenende ein „Trainingscamp“. Die Staatsmacht sah dem Treiben in Gyöngyöspata zunächst zu und schritt erst später ein. Zwischenzeitlich waren, aus Angst vor Übergriffen, fast zweihundert Frauen und Roma von Hilfsorgansiationen evakuiert worden, die Regierung stellte dies später als „lange geplanten Osterausflug“ dar und setzte einen Untersuchungsausschuss ein, der klären sollte, „wer Ungarn diffamiert“ hatte. Ein amerikanischer Geschäftsmann und Stiftungsinhaber wurde als „Dratzieher“ ausgemacht, dieser hat mittlerweile das Land verlassen. Zudem beschloss man ein Gesetz, dass die eigenständige Aktivität von uniformierten Bürgerwehren verbietet, allerdings nicht, wenn sie auf Anforderung der lokalen Behörden geschieht. So versehen heute einige der „Bürgerwächter“ von damals Aufsichtsarbeiten über Roma, die zum staatlichen Arbeitsbeschaffungsprogramm abkommandiert wurden. Eszes kandidierte nach den Ereignissen im Frühjhar als Bürgermeister von Gyöngyöspata, unterlag aber dem Jobbik-Kandidaten. Später wurde er wegen des tätlichen Angriffs auf Polizisten zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Danach organisierte er weiterhin den Zuzug von Gesinnungsgenossen.
Zum besseren Verständnis der Hintergründe, hier unsere Chronologie der Ereignisse:
Rechtsextremer Aufmarsch in Ungarn – 8. März 2011 (Wieder Jobbik Aufmarsch in ungarischem Dorf)
Machtergreifung – 17. März 2011 Neonazis übernehmen Polizeigewalt in Ungarn (Neofaschisten übernehmen Polizeigewalt in Ungarn)
Ungarischer Innenminister soll staatliche Hoheit in Gyöngyöspata wiederherstellen – 21. März 2011
(Ungarischer Innenminister soll staatliche Hoheit in Gyöngyöspata wiederherstellen)
Nichts dazu gelernt – 29. März 2011
Prozessauftakt zur Mordserie an Roma in Ungarn im Angesicht neuer Pogromstimmung
Jobbikaufmarsch und Gegendemo in Nordostungarn – 5. April 2011 (Jobbikaufmarsch und Gegendemo in Nordostungarn)
Ungarn: „Bürgerwehr“ ignoriert Minister-Weisung, Richter: keine Rechtsbrüche – 17. April
(„Bürgerwehr“ in Ungarn ignoriert „Minister-Weisung“)
Staat kapituliert vor Neonazis – 23. April 2011
Am Rande eines Bürgerkrieges: Roma in Ungarn werden „evakuiert“
Eskalation der Gewalt – 27. April 2011
Offene Kämpfe zwischen Roma und Neonazis in Ungarn
Die Unbelehrbaren – 2. Mai 2011
Gyöngyöspata und die „Zigeunerfrage“ in Ungarn
Anlassgesetz – 4. Mai 2011
Ungenehmigte „Bürgerwehr“ wird in Ungarn strafbar
Neonazi-Führer in Ungarn zu Bewährung verurteilt
Roma-Frau muss ins Gefängnis – 16. Juni 2011 (Neonazi-Führer von Gyöngyöspata verurteilt)
Ernte eingefahren – 18. Juli 2011
Bürger von Gyöngyöspata machen Neofaschisten zum Bürgermeister
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