(c) Pester Lloyd / 51 – 2009 GESELLSCHAFT 17.12.2009
Polizisten als Opfer und Täter
Statistik und Realität: die Kriminalitätsrate in Ungarn sinkt, doch schwere Straftaten nehmen zu – Mord an Geldwechsler, Übergriff auf Roma
Der ungarische Polizeikommandant, József Bencze, konnte sich über den Rückgang der registrierten Kriminalität in Ungarn um 6% bis Ende November, nicht wirklich freuen. Lebensgefährliche Anfgriffe auf Polizisten nehmen zu, aber auch die Kriminalität von Polizisten.
Autodiebstähle, „gewöhnlicher Diebstahl“ (ohne Staatsbetriebe etc.) und Einbrüche gingen um 10, 29 bzw. 23% zurück. Wer sich die gleichen Zahlen aus Österreich ansieht, könnte in Versuchung geraten, zu wissen, wohin sie gegangen sind. Eine gute Nachricht immerhin: die Zahl der Verkehrstoten sank um 34%, Ungarn ist EU-weit im vergangenen Jahr das Land mit der höchsten Rate an Verkehrstoten gewesen. Beunruhigend für Bencze ist jedoch der Umstand, dass die Gewalttaten und Angriffe auf Polizisten stark zugenommen haben, im Vergleichszeitraum haben sie sich sogar verdoppelt. Zur Zeit ermittelt die Polizei in 20 Fällen von Mordanschlägen mit Schusswaffen auf Kollegen. Hinsichtlich der Gewalt gegen Roma und der Spannungen zwischen Roma und Extremisten meint der oberste Polizist des Landes, dass er sieht, dass es auf beiden Seiten Menschen gibt, die weiter an solchen Auseinandersetzungen interessiert seien. Zugenommen hat auch die Drogenkriminalität und zwar in einer Weise, das Polizei und Ermittler langsam an Bearbeitungsgrenzen stoßen. Das auf dem Foto ist ein echter Polizist. Die ungarische Polizei stellte ihn auf die Webseite und erläutert auf Englisch und Deutsch, woran man ihn erkennt. Der Auftritt von falschen Polizisten ist nämlich keine Seltenheit. Weitere polizeiliche Tipps und Hilfestellungen für Ausländer .
Doch auch im eigenen Hause hat Bencze alle Hände voll zu tun, seine Leute an der Leine zu halten. Dabei geht es längst nicht nur um die übliche Korruption und die Kumpanei bei Aussagen gegen straffällig gewordene Kollegen. Polizisten sind knietief in die Kriminalität verstrickt und machen zum Teil was sie wollen. Die beiden Fälle stammen vom Wochenende und sind typisch, nicht einmal so selten, unrepräsentativ, aber bei weitem nicht das Übelste, was sich ungarische Polizisten leisten.
Polizist erschießt Geldwechsler bei Raubüberfall
Ein Polizist und drei Komplizen wurden am Wochenende in Budapest in Untersuchungshaft genommen. Sie werden des Mordes an einem Araber, einem stadtbekannten Geldwechsler, beschuldigt. Zwei von ihnen griffen den Mann am vergangenen Donnerstag im siebenten Stock eines Wohnhauses im 18. Bezirk an und nahmen ihm „eine große Menge Bargeld“ ab, hieß es vom Sprecher der Polizei. Einer der Männer feuerte dabei aus nächster Nähe einen Schuss auf den Mann ab, der noch an Ort und Stelle starb, danach flüchteten die Verdächtigen auf Motorrädern. Der verdächtige 25jährige Polizist arbeitete bis dato in der Dienststelle des 10. Bezirks, er wurde fristlos entlassen. Er hatte bei einer Befragung am Samstag noch versucht aus der eigenen Polizeiwoche zu fliehen, dabei sprang er aus dem zweiten Stock des Gebäudes und brach sich die Hüfte.
Polizeiübergriff auf Roma
Ein dreißigjähriger Mann aus Heves, Angehöriger der Roma, erstattete Anzeige wegen Körperverletzung, Folter, Freiheitsberaubung gegen zwei Polizisten in seiner Stadt. Der Mann wurde vor wenigen Tagen, offenbar angetrunken, von einem Polizeiauto gestoppt. Nach vorläufigen Ermittlungesergebnissen stiegen die Polizisten aus dem Auto aus, verprügelten den Mann nach Strich und Faden und hielten ihm die Dienstwaffe an den Kopf. Danach verschleppten sie ihn an einen See und „behandelten“ ihn so lange weiter, bis er wehr- und bewusstlos war. Die Polizisten erklärten freilich, der Mann habe sie angegriffen. Die Polizei gab zu, dass im Krankenhaus von Eger ein Mann mit „leichten Kopf- und Beinverletzungen“ liege, der „Kontakt“ mit zwei Kollegen hatte. Die Untersuchung ist im Gange. Der Fall – so er sich bewahrheitet – ist nur ein Symptom für eine gefährliche Entwicklung. Vor Monaten machte die Meldung Schlagzeilen, dass sich eine Polizeigewerkschaft mit 4.000 Mitgliedern mit der rechtsextremen Jobbik mit einem “Sicherheitspack” verbündet hatte ( unser Beitrag dazu ).
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