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Das Rennpferd Overdose soll Ungarn aus der Krise galoppieren

(c) Pester Lloyd / 11 – 2010 BOULEVARD 15.03.2010

Das Rennpferd Overdose soll Ungarn aus der Krise galoppieren
Das Rennpferd Overdose soll Ungarn aus der Krise galoppieren
Das Rennpferd Overdose soll Ungarn aus der Krise galoppieren
Das Rennpferd Overdose soll Ungarn aus der Krise galoppieren

Die Elite der ungarischen Wirtschaft gibt einem mondän-exzentrischen Hobby einen nationalen Anstrich: fünf Großunternehmen stecken Millionen in ein Rennpferd, das dem Land Ruhm und Ehre bescheren soll. Doch neben dem natürlichen Risiko der Investition, wirft auch die Geschichte des windigen Eigentümers einen komischen Schatten auf die strahlende Karriere des nationalen Wundergauls.

Wenn die Chefs der größten Bank des Landes, der OTP, des Öl- und Gaskonzerns MOL, des Versicherers CIG Pannonia, des Bauunternehmens Közgép und der Firma Euroinvest, die Dachgesellschaft eines regelrechten Oligarchen, zu einer gemeinsamen Pressekonferenz einladen, noch dazu unter der Leitung des früheren Nationalbankchefs Zsigmond Járai, der auch als kommender Finanzminister gehandelt wird, dann wird es sich – so möchte man meinen – um ein Projekt nationaler Tragweite handeln. Overdose in Aktion

Doch was da am Freitag im West End City Shoppingcenter präsentiert wurde, war weder ein neuer Rettungsplan für die ungarische Wirtschaft, noch etwa ein Fonds zur Entschädigung von Krisenopfern. Die honorigen Herren versammelten sich lediglich, um einem mondänen Hobby zu frönen und verkündeten eine Millioneninvestition in ein Rennpferd. Jedoch, das sei gleich gesagt, nicht in irgendein Rennpferd, sondern in „Overdose“, der wohl größten Hoffnung seit dem ungarischen Wunderpferd Kincsem, das in den 1870er Jahren einen bis dato nie wiederholten Rekord aufstellte und alle 54 Rennen an denen es teilnahm gewann.

Verfolger mit bis zu achtzehn Längen abgehängt

Overdose, der Anfang April seinen fünften Geburtstag feiern darf, ist so eine Geschichte, auf die die Ungarn, von Hause aus absolute Pferdenarren, regelrecht abfahren. Dózi, wie das Tier liebevoll genannt wird, brachte es in seiner noch jungen Karriere, die eigentlich nur aus einer richtigen Saison bestand, in zwölf Rennen auf zwölf Siege, aber was für welche: mit acht bis achtzehn Längen Vorsprung hängte er seine gegen ihn hüftsteif wirkenden Verfolger aus den berühmtesten Ställen ab. Ein Rennen in Budapest gewann er sogar noch um Längen, obwohl er mitten auf der Strecke ein Hufeisen verlor. Superdózi sprintete sich in die Herzen der Ungarn und brachte seinem Besitzer bereits an die 200.000 Euro Preisgelder ein.

Doch dann der Schock: im letzten Herbst zog sich das Pferd in England eine Beinverletzung zu und muss nun Schritt für Schritt rekonvaleszieren. Der Boulevard beobachtet den Knöchel der Nation seit dem mit hoher Aufmerksamkeit, eine Rückkehr ins Renngeschäft wird für Mai erhofft. Overdose soll, wenn Heilung und Training optimal verlaufen, im Juni in Royal Ascott seinen ultimativen Ritterschlag auf der Sprintstrecke erhalten. Zuvor soll es im Mai zwei kleinere Proberennen geben, in Newmarket und im Haydock Park. Eventuell gibt es auch noch einen kleinen Aufgalopp im April in Hoppegarten bei Berlin.

Hippotherapie für das magyarische Reitervolk So ein Rennpferd, das ist ein Unternehmen und wird vor allem teuer, wenn es nicht produzieren, sprich laufen und siegen kann. Um „Overdose“ aber „in ungarischen Nationalfarben“ zu halten, stieg das illustre Konsortium mit rund 200 Mio Forint (vergleichsweise bescheidenen 750.000 EUR) in das Unternehmen des Eigentümers Zoltán Mikoczy (Foto), eines slowako-ungarischen Geschäftsmannes ein. Dieser behält 50% und das Management über die Overdose Vagyonkezelö, die Firma, die er um sein Lieblingsspielzeug errichtet hat. Die patriotische Finanzinvestition soll „die finanziellen Probleme“ des Pferdes „auf dem Weg zur Straße des Ruhmes“ beseitigen, verkündeten allen Ernstes und mit würdigen Mienen die großen Geschäftsleute.

Dabei gibt es durchaus kleine Schatten auf diesem nationalen Wundergaul, auch genannt „Budapest Bullet“, vor allem aber auf seinem Eigentümer. Das Pferd ist nämlich gar kein Ungar, ist also kein Kind der Puszta, was es als selbstverständlich erscheinen ließe, dass die Magyaren es in ihren Reihen halten wollten, deren Pferdevernarrtheit geradezu berüchtigt und auf freien Hirtenstolz und Landnahmesaga zurückzuführen ist. Overdose stammt aus einer Zucht im britischen Nottinghamshire. Der mehr als illustre Geschäftsmann Mikoczy ersteigerte es 2006 im Auktionshaus Tattersalls eher per Zufall. Ihm gefiel der Eineinhalbjährige einfach, sagt er. Dann hob er bei gerade 2.000 Pfund die Hand und war der neue Eigentümer. Mikoczy, der bereits seit zwei Jahrzehnten Pferdebesitzer ist, leistete sich einen der besten Trainer und siehe da, es gewann ein Rennen nach dem anderen in überlegener Manier.

In einer Nacht- und Nebelaktion fürs Vaterland gerettet

Richtig Fahrt kam in die Geschichte allerdings dann im vergangenen Herbst. Während Overdose in England seine Beinverletzung kurierte, wurde sein Besitzer in Rumänien auf offener Straße verhaftet. Ihm wurde vorgeworfen, aus einer seiner fleischverarbeitenden Unternehmungen Vermögenswerte von über 150.000 EUR entfernt zu haben, obwohl die Firma unter Insolvenzaufsicht stand. Dafür verpasste ein Gericht ihm 19 Monate – erstinstanzlich. In einer Nacht- und Nebelaktion verfrachtete man den lahmenden Wunderhengst dann von Britannien zurück nach Ungarn in die Stallung in Dunakeszi, weil man fürchtete, die rumänischen Insolvenzverwalter könnten das Tier als Pfand beschlagnahmen lassen. Spätestens seit dieser Aktion gilt Mikoczy in Ungarn als kleiner Held, der den Rumänen eins auswischen konnte. Dass sich die honorigsten Vorstandschefs der ungarischen Industrie und Großfinanz mit einem solchen Windhund zusammentun, sagt schon einiges über den Wert des geschäftlichen Ethos` in Ungarn aus.

Der Wert des Pferdes kann sich schnell nach dem Kilopreis für Leberkäse des nächsten Metzgers richten

Wir wissen zwar nicht so genau, von was die Wirtschaftseliten zuvor eine Überdosis hatten, aber es muss ziemlich starker Stoff gewesen sein, denn die Investition wurde von den Herren sogleich zur nationalen Hippotherapie für das magyarische Reitervolk hochstilisiert: Sándor Demján, Bautycoon und Oligarch, sprach von einem „nationalen Schatz“ und davon, dass „unabhängig davon, ob wir uns in einer Krise befinden oder nicht, Unterhaltung ein großes Geschäft sein wird.“ Der Vorstandschef der Baufirma Közgép, Miklós Németh, meinte, dass man mit Overdose den nationalen Ruhm mehren könnte, Overdose verdiene es, „alle möglichen Opfer zu erbringen“. Seine Erfolge werden „das nationale Selbstbewusstsein stärken“, und das ungarische Volk kann sich auf „Anerkennung im Ausland“ freuen.

So wie dieses Rennen 2008 in Rom, verliefen alle 12 Starts von Overdose. Das Pferd nimmt die anderen Tiere scheinbar gar nicht wahr, wird am Anfang sogar noch gezügelt und hat ein unwiderstehliches Finish.

Zsolt Hernádi, Vorstandschef der MOL, fühlt sich ebenfalls von der „internationalen Reputation inspiriert“. Die Amerikaner hatte in den 30er Jahren, als dort die Krise herrschte, „Seabiscuit“, jenes Pferd, das ihnen großartige Erfolge einlief und Overdose, das sagt sogar die Fachpresse, sei mindestens ein „ungarisches Seabsicuit“. Hernádi erwartet also nicht weniger, als dass das Pferd die Ungarn aus ihrem seelischen Tief galoppiert. Der Eigentümer, der fast dreißig Rennpferde in der Slowakei und Ungarn sein eigen nennt, setzte all dem patriotischen Gesülze noch eines oben auf und brachte die Investition tatsächlich mit dem Nationalfeiertag des 15. März zur nationalen Unabhängigkeit in Verbindung.

Der Wert des Tieres wird heute auf deutlich über fünf Millionen EUR geschätzt. Wie wackelig eine solche Investition ist, wird klar, wenn man bedenkt, dass eine ernsthaftere Verletzung, ja einfach ein Beinbruch wie er bei jedem Training oder Rennen, sogar beim Verladen vorkommen kann, Overdose auf einen Schlag zum Rohmaterial für die fleischverarbeitenden Unternehmungen seines Eigentümers machen könnte und sich dann sein Wert nur noch nach dem Kilopreis des nächsten Metzgers berechnet. Doch Rationalität ist nicht die Sache von Pferdenarren und Exzentrikern, zumal, wenn es um Ruhm und Ehre des Vaterlandes geht.

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