Erstmals tagen die Regierungen Tschechiens und Ungarns gemeinsam. Hinter Protokoll und Familienfoto steht der Versuch, gemeinsame Positionen in zentralen EU-Fragen zu finden – gestützt auf handfeste Interessen in Energie, Wirtschaft und Migration.
Prag. Die Szene wirkt vertraut und ist doch neu: Péter Magyar und Andrej Babiš treten im barocken Dekor des Regierungsamts vor die Kameras, dahinter die Ministerriegen beider Seiten in Reih und Glied. Was äußerlich an einen weiteren Termin im wandernden Kalender der Visegrád-Gruppe erinnert, ist formal ein Einschnitt: die ersten ungarisch-tschechischen zwischenstaatlichen Konsultationen, ein ganzer Tag gemeinsamer Kabinettssitzungen in Prag – mit acht ungarischen Ministern, wie Magyar vorab in einem Video sagte, und anschließender Audienz beim tschechischen Staatspräsidenten.
Auf der Agenda aus dem Prager Regierungsamt steht so gut wie alles, was in Brüssel schwer wiegt: EU-Wettbewerbsfähigkeit, Energiesicherheit, Migration, der künftige EU-Haushalt und die Erweiterung, dazu Rüstungsindustrie, Verkehr, Digitalisierung, Forschung und Gesundheit. Ein gemeinsames Kommuniqué lag bis Redaktionsschluss nicht vor, doch die Vorabinformationen markieren bereits den Rahmen einer engeren Abstimmung zwischen Prag und Budapest.
Energie: Atomstrom im Zentrum
In der Energiepolitik greifen die Interessen beider Seiten direkt ineinander. Beide Regierungen setzen zu Hause auf Kernkraft als Grundlast. Tschechien bezieht nach offiziellen Angaben rund 36 bis 40 Prozent seines Stroms aus den Meilern Temelín und Dukovany, Ungarn deckt rund die Hälfte seiner Stromproduktion mit dem Kernkraftwerk Paks und treibt den Ausbau von Paks II voran. Die tschechische Regierung nennt „Energiesicherheit, insbesondere im Bereich der Kernenergie und grenzüberschreitenden Strom- und Gasleitungen“, ausdrücklich als einen der Schwerpunkte der Konsultationen.
Details zu möglichen neuen Projekten oder Vereinbarungen lagen am Vormittag vor dem Treffen noch nicht vor. Klar ist aber, dass beide Seiten bereits beim V4-Gipfel in Gödöllő im Juni 2026 über eine verstärkte Kooperation in Energiefragen gesprochen hatten, insbesondere über Versorgungssicherheit und Koordinierung ihrer Positionen in Brüssel.
Verkehr und Wirtschaft – der industrielle Alltag hinter der Symbolik
Hinter der großen Inszenierung stehen dichte Wirtschaftsbeziehungen. Eine Auswertung frei zugänglicher Handelsdatenbanken auf Basis offizieller Statistiken beziffert das bilaterale Warenhandelsvolumen Ungarn–Tschechien für 2023 auf rund 14,7 Milliarden US‑Dollar, nach rund 13,2 Milliarden im Jahr 2022 – ein Zuwachs von etwa zehn Prozent binnen eines Jahres. Laut tschechischen Analysen hat sich der gegenseitige Warenhandel im vergangenen Jahrzehnt nahezu verdoppelt. Tschechien zählt im ungarischen Außenhandel zu den wichtigen Partnern und liegt größenmäßig im Bereich von Ländern wie Italien oder den Niederlanden. Die Nähe entsteht vor allem in denselben Branchen: Automobil- und Zulieferindustrie, Elektronik, Maschinenbau.
Auf Unternehmensebene ist das Netz längst gespannt. Tschechische Konzerne wie die PPF‑Gruppe (Telekommunikation, Infrastruktur), Colt CZ (Rüstung), Agrofert (Agrar, Chemie) oder Hersteller von Škoda‑Schienenfahrzeugen investieren in Ungarn; der tschechische Direktinvestitionsbestand dort belief sich Ende 2024 laut offiziellen Angaben auf gut 700 Millionen Euro und ist damit seit 2023 stark angestiegen. Umgekehrt zählen der ungarische Energiekonzern Mol, der Energieversorger MVM und der Pharmakonzern Gedeon Richter zu den wichtigen ungarischen Investoren in Tschechien.
Zwischen Budapest und Prag ist von Hochgeschwindigkeit bislang wenig zu spüren: EuroCity- und Railjet-Züge rollen im europäischen Vergleich mit 80 bis 100 Stundenkilometern, sechs bis sieben Stunden dauert die Fahrt. Magyar warb beim V4-Gipfel im Juni 2026 für eine Schnellbahnlinie Budapest–Prag–Warschau–Bratislava; für das Prager Treffen ist laut tschechischer Regierung vorgesehen, gemeinsame Verkehrsprojekte zu prüfen. Konkrete Kilometer- oder Investitionsangaben wurden vor Veröffentlichung des Abschlussdokuments nicht bekannt.
Ukraine, Sicherheit, Rüstung – gemeinsame Linien und Grenzen
Deutlich kantiger verläuft der sicherheitspolitische Teil der neuen Nachbarschaft. Die tschechische Regierung kündigt an, „die weitere Entwicklung des Krieges in der Ukraine und dessen Folgen für Mitteleuropa“ ausführlich zu behandeln. Babiš erklärte im Januar 2026 vor dem Abgeordnetenhaus, seine Regierung werde „keine zusätzlichen finanziellen Hilfen für die Ukraine und keine Garantien für neue EU‑Kredite“ unterstützen und distanzierte sich damit von einer weitergehenden Unterstützung für Kyiv. Babiŝ ist als Rechtspopulist bekannt und bricht hier gewissermaßen mit der historisch bedingten russlandskeptischen Politik Tschechiens – zum Argwohn vieler Tschechen.
Magyar wiederum beendete nach seinem Amtsantritt einen Teil der ungarischen Vetopolitik gegenüber Kyivs EU‑Kurs, schloss ein bilaterales Minderheitenabkommen und hob damit verbundene Blockaden auf – betonte aber, Ungarn lehne „jede Form von dauerhaften EU‑Schuldenmechanismen für Ukraine‑Hilfen“ ab. Medienberichte im Vorfeld des Prager Treffens verweisen darauf, dass beide Seiten bei künftigen EU-Gipfeln gemeinsam gegen weitere makrofinanzielle Hilfsprogramme für die Ukraine auftreten wollen; konkrete Formulierungen aus dem heutigen Kommuniqué liegen noch nicht vor.
In der Verteidigungspolitik selbst bleibt der Ton nüchterner. Prag spricht von geplanter engerer Kooperation in der Rüstungsindustrie und bei Übungen, von Standardisierung und Koordination in NATO und EU. Ungarn modernisiert seine Streitkräfte seit Jahren, Tschechien erhöht seine Verteidigungsausgaben und beschafft neue Großsysteme wie F‑35‑Jets und Schützenpanzer. In der Region baut Polen mit dem geplanten Wartungszentrum für Patriot‑PAC‑3‑Raketen seine Rolle an der NATO-Ostflanke aus – auch das ist Teil des sicherheitspolitischen Umfelds, in das sich Prag und Budapest mit ihren Gesprächen einordnen.
EU‑Reformen, Migration, V4 – Blockbildung nach innen
Auf der institutionellen Ebene verbindet beide Regierungen der feste Wille, weitere Machtverschiebungen nach Brüssel zu begrenzen. Babiš wirbt dafür, Schuldenvergemeinschaftung in der EU zu verhindern, nationale Vetorechte zu sichern und Zuständigkeiten von Brüssel zurückzuholen. Magyar forderte beim V4‑Treffen im Juni 2026, künftige EU‑Vertragsreformen müssten „die Souveränität der Mitgliedstaaten respektieren“ und warnte vor einer Abschaffung des Einstimmigkeitsprinzips in der Außen- und Steuerpolitik. Für das Prager Treffen ist laut tschechischer Regierung vorgesehen, Positionen zu EU‑Vertragsänderungen, Erweiterung und der künftigen Finanzierung der Union abzugleichen.
In der Migrationspolitik liegen die Linien ähnlich dicht beieinander. Nach Angaben von Radio Prague International gehört die Migrationspolitik seit dem Amtsantritt des neuen tschechischen Außenministers Petr Macinka im Frühjahr 2026 zu den engsten Kooperationsfeldern mit Budapest. Beide Seiten betonen strikte Kontrolle der Außengrenzen und lehnen verpflichtende Umverteilungsquoten innerhalb der EU ab. Die Asylzahlen Tschechiens lagen 2025 laut Eurostat deutlich unter dem EU‑Durchschnitt, Ungarn verzeichnete offiziell sehr geringe Antragszahlen. Im Rahmen des Salzburger Forums, einem Verbund mehrerer Innenministerien in Mittel- und Südosteuropa, koordinieren Minister und Polizeichefs ihre Linie; für Herbst 2026 sind in Prag Treffen der Polizeichefs und Grenzschützer vorgesehen.
Zwischen V4‑Tradition und eigener Agenda
Die neue Gesprächsdichte knüpft an Formate der Visegrád‑Gruppe an, findet aber in einem veränderten Umfeld statt. In Warschau regiert mit Donald Tusk ein Premier, der sich klar von Viktor Orbáns Russland‑Kurs abgesetzt hat; in Bratislava verfolgt Robert Fico eine Linie, die Skepsis gegenüber umfangreichen EU‑Hilfen mit innenpolitischer Prioritätensetzung verbindet. Vor diesem Hintergrund nutzen Babiš und Magyar ihr erstes gemeinsames Regierungstreffen auch dazu, vorhandene Schnittmengen in Budget‑, Erweiterungs- und Institutionenfragen auszuloten.
Für Ungarn ist die Prager Bühne eine Gelegenheit, nach den Regierungswechseln in Budapest und Prag die Zusammenarbeit mit einem wichtigen mitteleuropäischen Nachbarn sichtbar zu vertiefen. Für Babiš bietet das Format die Möglichkeit, seine EU‑Politik gemeinsam mit einem regionalen Partner zu justieren. Ob aus dieser Annäherung eine dauerhaft engere Linie wird, entscheiden die kommenden Haushalts‑ und Ukraine‑Abstimmungen in Brüssel – nicht die Protokollfotos aus Prag.
Quellen: MTI, tschechische Regierung (vlada.gov.cz), AP News
Photo: Die Straka-Akademie am Ufer der Moldau in Prag, Sitz der tschechischen Regierung und Ort enger Zusammenarbeit mit Ungarn, Slyronit / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)
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