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Beobachtet, nicht Beobachter - Ungarns Spitzelregister stolpert über die eigenen Magnetbänder

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Einen Tag nach der Freischaltung stand im ungarischen Spitzelregister ein Mann, den die Staatssicherheit bespitzelt hat. Eine eigene Rubrik für die Führungsoffiziere gibt es dort nicht.

Budapest. Einen Tag lang war Sándor Lezsák ein Spitzel. Wer auf nyitottaktak.hu den Namen des Mitbegründers des Ungarischen Demokratischen Forums (MDF) und früheren Vizepräsidenten des Parlaments eingab, erhielt laut dem Portal Index einen Eintrag mit Geburtsort und dem Namen der Mutter. Am Donnerstagmorgen korrigierte das Historische Archiv der Staatssicherheitsdienste (ÁBTL) auf Facebook: Lezsák stehe zwar auf den alten Magnetbändern, „aber nicht als Netzwerkperson, sondern als Beobachteter“. Schuld sei ein Informatikfehler. Das Archiv bat um Entschuldigung.

Lezsák selbst hatte schon am Mittwoch über die staatliche Nachrichtenagentur MTI ausrichten lassen, er sei kein Agent gewesen, man habe ihn überwacht. „Jeder, der diese niederträchtige Lüge verbreitet, wird sich dafür vor Gericht verantworten“, schrieb er. Er habe nicht gedacht, so kurz vor dem 40. Jahrestag des MDF-Gründungstreffens in Lakitelek erneut „Opfer des Neokommunismus“ zu werden. Ministerpräsident Péter Magyar entschuldigte sich öffentlich. Telefonisch habe er Lezsák nicht erreicht, sagte er.

„Dass jemand eine Sechserkarte hat, heißt noch nicht, dass er irgendetwas getan hat und schuldig ist.“ - Andrea Szabó

Freigeschaltet worden waren am 4. November die Daten von rund 60.000 Personen, die die Staatssicherheit vor der Wende angeworben hatte, kostenlos und für jedermann. Zugänglich sind drei Bestände: die „Sechserkarte“, das Registerblatt eines Zuträgers, die B-Journale mit den Namen aus den Anwerbungsdossiers und das seit den 1970er-Jahren auf Magnetband geführte H-Datenarchiv.

Was die Bänder wissen und was nicht

Die Panne betrifft allein die Bänder. ÁBTL-Generaldirektor Gergő Bendegúz Cseh erklärte im Sender ATV, auf den Karteikarten mancher Spitzel hätten auch die Namen der von ihnen Beobachteten gestanden. Diese seien mitgespeichert worden und teils in die Datenbank der Netzwerkpersonen gerutscht. Auf den Bändern könnten nach Csehs Worten mehrere Tausend Beobachtete stehen, die keine Mitarbeiter waren. Wie viele davon tatsächlich in der Datenbank gelandet sind, werde untersucht. Cseh übernahm die Verantwortung. Einen Termin für die Bereinigung nannte er nicht, er äußerte nur die Zuversicht, den Fehler „in kurzer Zeit vollständig“ zu beheben. Wer kein Zuträger war, werde gelöscht.

Wie Telex berichtet, enthalten die Bänder ungeordnete Personalien und Aktennummern, aber keine Dokumente. Wer Spitzel war und wer Zielperson, geht aus ihnen nicht eindeutig hervor. Fidesz-Fraktionschef János Bóka verlangt laut HVG nun, die Seite abzuschalten, und fordert den Rücktritt von Zoltán Tarr, dem Minister für gesellschaftliche Beziehungen und Kultur. Der Politologe Gábor Török warnte im Wochenblatt HVG, Hast, Halbarbeit und vor allem Fehler könnten „das Vertrauen töten“.

Die andere Seite des Schreibtischs

Andrea Szabó, Soziologin und Mitglied des Expertengremiums für die gesellschaftlichen Folgen der Aktenöffnung, lenkte im Kossuth Rádió den Blick auf die Täter. Nicht nur die Opfer, auch Führungsoffiziere und Ausführende müssten mit Namen und Tätigkeit öffentlich werden. Das verlange erhebliche historische Arbeit. Diese Auseinandersetzung hätte eigentlich die Regierung Antall führen müssen, die erste frei gewählte. Am Mittwoch, so Szabó, habe das schlimmste Szenario begonnen: Menschen würden auf den Tisch gelegt und zu Sündenböcken gemacht. In Tschechien habe diese Phase einige Wochen gedauert. Hängen bleibe trotzdem die Erzählung der ersten Zeit.

Eine eigene Rubrik für die Offiziere enthält das Register bislang nicht. Bis zum 25. Februar 2027 muss das Archiv die rund 10.000 B-Dossiers veröffentlichen, die den Werdegang eines Agenten aus Sicht seines Führungsoffiziers schildern. Vollständig wird das Bild aber auch dann nicht. Cseh schätzt die Zahl der Agenten unter Rákosi und Kádár auf 150.000. Von etwa einem Drittel ist der Name bekannt, nur zu rund zehn Prozent existiert ein Dossier. Vieles wurde 1956 und 1988/89 vernichtet.

Das Register weiß jetzt, wen die Staatssicherheit anwerben wollte, und gelegentlich auch, wen sie überwacht hat. Die Offiziere, die die Karteikarten damals führten, sind darin nicht eigens erfasst.

Quellen: MTI, telex.hu, Index
Photo: Das Aktenmagazin des Historischen Archivs der Staatssicherheitsdienste in der Budapester Eötvös utca. Das Archiv verwahrt die Unterlagen der früheren ungarischen Staatssicherheit, Elekes Andor / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)

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