Die Regierung erklärt ihr Aufforstungs- und Ortsbegrünungsprogramm zur Sache aller Gemeinden. Das Versprechen: Schatten gegen Hitze, Bäume statt Beton - in vier Jahren und mit knapp 58 Milliarden Forint.
Budapest. Péter Magyar steht vor der Kamera und spricht über Beton. Den wolle man „aufbrechen, wo es geht, und Grünflächen schaffen, damit es überall genug Schatten gibt“, erklärt der Ministerpräsident in einem am Sonntag veröffentlichten Video. Dahinter steht ein Programm, das als „Országfásítási és Települészöldítési Program“ firmiert und nach Regierungsangaben für jede ungarische Gemeinde offen sein soll.
Nach Regierungsangaben fließen rund 57,8 Milliarden Forint in den kommenden vier Jahren in Bäume, Parks und Kühlung: 18,2 Milliarden Forint für das eigentliche Aufforstungsprogramm, 39,6 Milliarden für Orts- und Stadtbegrünung. Der für die „lebende Umwelt“ zuständige Minister Gajdos László sprach von einem „annähernd 60 Milliarden Forint“ schweren Rahmen, Magyar nannte nun die kommunalen Schienen - vier Fördertöpfe, auf die sämtliche Gemeinden zugreifen können.
Die Architektur ist überschaubar. 14,9 Milliarden Forint stehen bereit, um neue öffentliche Parks anzulegen und bestehende Grünflächen zu Grünzügen zu verbinden. Weitere 10 Milliarden sind reserviert, um Hitzeinseln in Städten zurückzudrängen: entsiegelte Plätze, Baumpflanzungen, Verschattung. Noch einmal 10 Milliarden über vier Jahre fließen in die Erneuerung bestehender Parks und Grünflächen, die Pflanzung neuer Bäume und den Ersatz abgestorbener Bestände. Für die Begrünung der Höfe von Schulen, Kindergärten und Arztpraxen - „grüne Gemeinschaftsräume“, wie die Regierung sagt - sind 4,4 Milliarden vorgesehen.
Hinzu kommt der klassische Aufforstungsstrang: mindestens 12 Millionen Jungbäume, über 1.300 Hektar neue Wälder und 20.000 Kilometer bewachsene Gräben und Kanäle, dazu Maßnahmen zur Verhütung von Waldbränden. Die Regierung knüpft damit an frühere Aufforstungs- und Ortsbegrünungsprogramme an, für die nach Regierungsangaben in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten landesweit zusätzliche Waldflächen geschaffen wurden und in zahlreichen Gemeinden Straßenbäume gepflanzt wurden. Neu ist der Anspruch, diese Schiene enger mit der kommunalen Planung zu verknüpfen.
Für Städte und Dörfer öffnet sich damit ein weiterer Förderkanal. Das Wirtschaftsportal Pénzcentrum spricht von einem „umfassenden vierjährigen Programm“, die offizielle Ausschreibung sieht vier Einreichungswellen ab Januar vor. Eine feinere Verteilungslogik fehlt bislang: In den vorliegenden Unterlagen ist weder von Quoten nach Gemeindegröße noch von einem gesonderten Topf für Budapest die Rede. Förderberechtigt sind laut Regierung „sämtliche ungarischen Gemeinden“; wie die Mittel am Ende zwischen Kleinstädten, Landgemeinden und Hauptstadtbezirken verteilt werden, dürfte sich im Auswahlverfahren entscheiden.
Parallel stellt die Regierung weitere Mittel für Investitionen bereit. Wirtschafts- und Energieminister Kapitány István kündigte an, dass der Wekerle-Plusz-Rahmen die energetische Sanierung von Wohnhäusern mit bis zu fünf Millionen Forint pro Wohnung stützt, teils als Zuschuss, teils als zinslosen Kredit. Der für Verkehr und Investitionen zuständige Minister Vitézy Dávid kündigte an, dass die staatliche Straßenbaugesellschaft Magyar Közút aus einem von der Regierung bereitgestellten zusätzlichen Rahmen von rund 5 Milliarden Forint 4,8 Milliarden Forint für die diesjährige Erneuerung ihres Geräteparks erhält, inklusive neuer Messfahrzeuge und leistungsfähiger Häcksler. In den Regierungsverlautbarungen stehen Dämmung, Infrastruktur und Begrünung jeweils unter dem Ziel, Kommunen widerstandsfähiger gegen Hitze und Umweltbelastungen zu machen.
Im europäischen Vergleich liegt Ungarn zurück. Mit gut 22 Prozent Waldanteil an der Landesfläche gehört das Land zu den waldärmeren Staaten der Region; der EU-Durchschnitt liegt bei knapp 39 Prozent, Nachbarn wie Slowenien, Österreich oder die Slowakei kommen auf deutlich höhere Werte. In der EU-Agrarpolitik programmiert Budapest laut Kommissionsdokumenten 17,6 Prozent seines Agrarbudgets und 6,4 Prozent der Kohäsionsmittel für biodiversitätsbezogene Maßnahmen, und die OECD stellte 2023 fest, dass grüne Infrastruktur in Kommunen bisher oft projektbezogen und stark von Förderzyklen abhängig war. Ein landesweit zugänglicher, mehrjähriger Topf für naturbasierte Lösungen in Siedlungen im jetzigen Umfang war neu zu schaffen - hierzu soll das Programm beitragen.
Auf dem Papier orientiert es sich an gängigen europäischen Leitlinien. Die Regierung verspricht „fachgerechte Planung, bewusste Artenwahl, gesicherte Nachpflege“. Nationale Empfehlungslisten setzen seit 2025 auf heimische, hitzeresistente Laubbäume, Städte wie Budapest schreiben in Verordnungen eine Vielfalt klimaangepasster Arten vor. Das steht im Einklang mit der Brüsseler „Urban Greening Guidance“, die Diversität statt Monokulturen und naturnahe Gestaltung empfiehlt. In Berichten zu naturbasierten Lösungen in ungarischen Kommunen verweisen Fachleute darauf, dass diese Linie fachlich tragfähig sei, heben aber zugleich hervor, dass verbindliche Mindeststandards für Pflege und Monitoring auf nationaler Ebene noch fehlen.
Zu den Erfolgsraten früherer Pflanzaktionen sind die Daten lückenhaft. Weder das Agrarministerium noch die Statistikbehörde veröffentlichen bisher, wie viele der in früheren Programmen in Kommunen gepflanzten Straßenbäume nach drei bis fünf Jahren tatsächlich vital sind. Viele Projekte sind finanziell nur für die Laufzeit der Förderung abgesichert, meist drei bis fünf Jahre, danach hängt die Pflege am jeweiligen Betriebsetat der Kommunen. Einige Bezirke, etwa in Budapest, erproben Bürgerpatenschaften für Baumscheiben und Mikroparks, andere legen lokale Fonds für Grünpflege auf. Ein dauerhaftes nationales Budget speziell für den Unterhalt der neuen Grünflächen ist im nun vorgestellten Aufforstungs- und Ortsbegrünungsprogramm bislang nicht ausgewiesen.
Im politischen Umfeld des Programms spielt auch das Verhältnis zwischen Zentralstaat und Gemeinden eine Rolle. Die Fidesz-Fraktion hat einen Entschließungsantrag zur „Stärkung der Werte der kommunalen Selbstverwaltung“ ausgearbeitet, über dessen Annahme die Partei auf einem kommunalpolitischen Forum bereits entschieden hat; darin betont sie ihre Bindung an die Europäische Charta der kommunalen Selbstverwaltung sowie vor Eingriffen in Mandatszeiten oder Wahlrechte gewarnt. Die Regierungsseite verbindet das neue Programm mit dem Hinweis, dass alle Gemeinden zusätzliche Möglichkeiten erhalten, in Baumkronen, Schatten und kühlere Plätze zu investieren, wenn sie entsprechende Projekte vorbereiten und die laufende Unterhaltung der Flächen organisieren können.
Für die Bewohnerinnen und Bewohner wird am Ende ein Bild zählen: Steht in einigen Jahren vor der Schule ein gewachsener Baum mit Schatten oder eine vertrocknete Stange mit Gießsack. Das neue Programm gibt den Kommunen einen gemeinsamen, auf vier Jahre angelegten Rahmen, daran zu arbeiten. Ob daraus vor allem eine Statistik zu gepflanzten Bäumen wird oder langfristig nutzbare Grünräume entstehen, entscheidet sich vor Ort - in den Rathäusern, bei den Projektanträgen und in den Haushaltszeilen für Pflege und Personal.
Quellen: MTI, kormany.hu, Pénzcentrum
Photo: Der bekannte Lícium-Baum in Debrecen, wie ihn ein Fotografin aus Ungarn festgehalten hat - ein Beispiel für städtisches Grün in ungarischen Kommunen, Gyula Péter / Wikimedia Commons (CC BY 3.0)
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