Die Merz‑Union will die CSU‑Politikerin kommende Woche nominieren, die SPD schließt sich an.
Berlin. Die Christdemokraten von Bundeskanzler Friedrich Merz und die Sozialdemokraten wollen nach übereinstimmenden Berichten die bayerische CSU-Politikerin Ilse Aigner als nächste deutsche Bundespräsidentin nominieren. Damit hätte Deutschland erstmals in seiner Geschichte eine Frau an der Staatsspitze, die Aigner den bisherigen Amtsinhaber Frank-Walter Steinmeier ablösen ließe. Dessen zweite fünfjährige Amtszeit endet im März 2027; er ist nach zwei Amtsperioden nicht wieder wählbar.
Aigner ist derzeit Präsidentin des Bayerischen Landtags und gehört der CSU an, der bayerischen Schwesterpartei der CDU von Kanzler Merz. Die 61‑Jährige war von 2008 bis 2013 Bundeslandwirtschaftsministerin in der Regierung von Angela Merkel und verfügt damit über Erfahrung sowohl in Berlin als auch in München - ein Doppelprofil, das in der föderalen Statik Deutschlands Gewicht hat und die CSU nach Jahren bundespolitischer Randlagen sichtbar aufwerten würde. Die CSU dominiert seit Jahrzehnten die bayerische Landespolitik, hat aber bislang weder einen Bundeskanzler noch einen Bundespräsidenten gestellt.
Die formale Nominierung soll am Montag in den Führungsgremien der CDU erfolgen; Merz will nach Angaben aus Parteikreisen bereits am Sonntag die Spitzengruppe seiner Partei informieren. Da prominente SPD‑Vertreter Unterstützung signalisiert haben, gilt Aigners Wahl durch die Bundesversammlung am 30. Januar 2027 als nahezu sicher. In dem Gremium sitzen 1.260 Wahlleute, überwiegend Abgeordnete von Bundestag und Bundesrat sowie Vertreter der Zivilgesellschaft.
In Deutschland ist es politische Tradition, dass sich die Parteien der Regierungskoalition auf einen gemeinsamen Kandidaten für das überwiegend zeremonielle Amt verständigen. Die aktuelle Bundesregierung wird von der CDU/CSU und der SPD getragen. Der Bundespräsident repräsentiert den Staat nach außen und gilt im Innern als eine Art „moralisches Gewissen“ der Republik, auch wenn die Richtlinienkompetenz klar beim Kanzler liegt.
Innerhalb der SPD genießt Aigner bereits seit Wochen Rückhalt; Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke nannte sie „die perfekte Kandidatin“, die die deutsche Politik „in- und auswendig“ kenne. Auch prominente Grünen‑Vertreter signalisierten zuletzt Unterstützung, was den parteiübergreifenden Charakter dieser Personalentscheidung unterstreicht. CSU‑Chef und Bayerns Regierungschef Markus Söder hatte Aigner bereits im April als Kandidatin ins Spiel gebracht und damit früh Anspruch auf das höchste Staatsamt angemeldet.
Persönlich steht Aigner für einen klassischen Aufstiegsweg aus der bayerischen Provinz: Sie stammt aus einem Mittelstandsunternehmen ihrer Eltern in der Elektrotechnik, ließ sich zur Elektrotechnikerin ausbilden und arbeitete bei einem Hubschrauberhersteller, bevor sie in die Politik wechselte. Ihre Jugend wurde von einer Krebserkrankung überschattet, ein Tumor wurde ihr aus dem Rücken entfernt. Politische Beobachter verweisen zudem auf ihr hartes, zugleich sachliches Auftreten gegenüber der AfD‑Fraktion im Münchner Landtag, deren Zustimmungswerte in Umfragen bei rund 28 Prozent liegen.
In Ostmitteleuropa und damit auch in Ungarn dürfte Aigners Wahl aufmerksam verfolgt werden. Der Bundespräsident ist zwar vor allem Repräsentant, prägt aber mit Reden zu Demokratie, Minderheitenrechten und europäischer Integration den Ton der Berliner Politik. Wer dieses Amt innehat, spielt damit indirekt eine Rolle im Verhältnis Deutschlands zu Regierungen in Budapest, Warschau oder Bratislava, gerade in Zeiten verschärfter Debatten über Rechtsstaatlichkeit und EU‑Grundwerte.
Quellen: 444, Politico
Photo: Ilse Aigner, Wikicommons
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