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Warum Europa austrocknet - Dürre und permanente Klimakrise

Die Wasserkrise des Kontinents – und weshalb Ungarn zu ihren Brennpunkten gehört

Der niedrige Wasserstand des Velencei-tó hat die Diskussion über Wasserknappheit in Ungarn neu entfacht. Tatsächlich reicht die Entwicklung weit über einen einzelnen See oder einen außergewöhnlich heißen Sommer hinaus. Europas Wasserhaushalt verändert sich grundlegend. Steigende Temperaturen, veränderte Niederschlagsmuster und ein Landschaftsumbau, der bereits vor mehr als 150 Jahren begann, greifen heute ineinander. Besonders deutlich zeigen sich die Folgen im Karpatenbecken.

Budapest/Velence. Wenn der Velencei-tó in den Sommermonaten große Teile seines Wassers verliert, folgt meist dieselbe Debatte. War die Hitze außergewöhnlich? Hat es zu wenig geregnet? Hätte der See durch ein anderes Wassermanagement stabilisiert werden können? Solche Fragen greifen allerdings zu kurz. Der Velencei-See ist weder ein isolierter Einzelfall noch das Ergebnis eines einzigen trockenen Sommers. Er steht exemplarisch für eine Entwicklung, die sich seit Jahrzehnten in nahezu allen Teilen Europas beobachten lässt und inzwischen auch Regionen erfasst, die lange als wasserreich galten.

Die Bilder aus Velence erinnern an den Neusiedler See, dessen Schilfgürtel sich in den vergangenen Jahren weit zurückgezogen haben. Sie erinnern an den Po in Norditalien, der während der Dürre 2022 stellenweise auf historische Tiefstände fiel, an den Rhein, dessen Niedrigwasser den Güterverkehr regelmäßig beeinträchtigt, und an die Donau, die immer häufiger Pegel erreicht, bei denen Schifffahrt, Energiegewinnung und Ökosysteme gleichermaßen unter Druck geraten. Was auf den ersten Blick wie voneinander unabhängige Ereignisse erscheint, folgt in Wirklichkeit denselben physikalischen und hydrologischen Gesetzmäßigkeiten.

Der Begriff „Wasserknappheit“ führt dabei leicht in die Irre. Europa verfügt auch künftig über erhebliche Wasserressourcen, und selbst in Ungarn ist von einem generellen Mangel an Trinkwasser keine Rede. Das eigentliche Problem liegt woanders: Wasser steht immer seltener dort und dann zur Verfügung, wo es benötigt wird. Niederschläge fallen ungleichmäßiger als früher, Verdunstung nimmt zu, während natürliche Wasserspeicher nach und nach ihre Funktion verlieren. Dadurch geraten Landwirtschaft, Schifffahrt, Energieversorgung und Ökosysteme gleichzeitig unter Druck.

Dass sich diese Entwicklung beschleunigt, ist wissenschaftlich gut dokumentiert. Die Europäische Umweltagentur zählt Wasserstress inzwischen zu den größten Klimarisiken des Kontinents. Der Copernicus Climate Change Service weist seit Jahren auf den überdurchschnittlich schnellen Temperaturanstieg in Europa hin, und das European Drought Observatory registriert eine deutliche Zunahme langanhaltender Trockenperioden. Die Dürre des Jahres 2022 gilt nach Auswertungen des Joint Research Centre der Europäischen Kommission als die schwerste seit mindestens einem halben Jahrtausend. Sie war kein Ausreißer. Bereits wenige Jahre zuvor hatten außergewöhnlich trockene Sommer weite Teile Mitteleuropas erfasst, und auch danach folgten weitere Jahre mit regional erheblichen Niederschlagsdefiziten.

Der Umgang mit der Ressource Frischwasser ist global nicht nachhaltig.

Ungarn gehört zu den Ländern, in denen diese Veränderungen besonders deutlich sichtbar werden. Das hat mit dem Klimawandel zu tun, aber nicht ausschließlich. Ebenso wichtig sind die geografische Lage des Landes und tiefgreifende Eingriffe in die Landschaft, die lange vor der Industrialisierung begannen. Wer verstehen will, weshalb Seen wie der Velencei-tó oder der Fertő-tó heute so empfindlich auf Trockenperioden reagieren, muss deshalb weiter zurückblicken als bis zu den Hitzesommern der vergangenen Jahre.

Europa galt über Jahrhunderte als wasserreicher Kontinent. Die großen Flusssysteme, ausgedehnten Feuchtgebiete und vergleichsweise regelmäßigen Niederschläge bildeten die Grundlage für Landwirtschaft, Städtebau und wirtschaftliche Entwicklung. Wasser war selten Gegenstand politischer Debatten. Hochwasser galt als größeres Problem als Trockenheit. Entsprechend zielte die Wasserwirtschaft des 19. und 20. Jahrhunderts vor allem darauf ab, Flüsse zu regulieren, Überschwemmungen einzudämmen und Wasser möglichst schnell aus der Landschaft abzuleiten.

Aus damaliger Sicht war diese Strategie nachvollziehbar. Die Regulierung der Theiß schuf riesige neue Ackerflächen, verringerte Überschwemmungen und trug dazu bei, Krankheiten wie Malaria zurückzudrängen. Ähnliche Projekte entstanden entlang der Donau, des Rheins, der Rhône oder des Po. Moore wurden trockengelegt, Flüsse begradigt und Auen eingedeicht. Was als technischer Fortschritt gefeiert wurde, veränderte jedoch zugleich den natürlichen Wasserhaushalt Europas grundlegend. Die Landschaft verlor einen erheblichen Teil ihrer Fähigkeit, Niederschläge über längere Zeit zu speichern und langsam wieder abzugeben.

Diese historische Entwicklung trifft heute auf einen zweiten, deutlich jüngeren Prozess: den raschen Temperaturanstieg. Europa erwärmt sich schneller als jeder andere Kontinent. Wärmere Luft erhöht die Verdunstung von Böden, Wäldern und Seen. Gleichzeitig verändern sich großräumige Wetterlagen. Regen fällt häufiger in Form kurzer Starkniederschläge, während längere Trockenphasen zunehmen. Beides zusammen führt dazu, dass selbst dort, wo die jährliche Niederschlagsmenge kaum zurückgeht, weniger Wasser im Boden und letztlich auch im Grundwasser ankommt.

Die Wasserkrise Europas ist deshalb weder ausschließlich eine Folge des Klimawandels noch allein das Ergebnis jahrzehntelanger Eingriffe des Menschen in die Landschaft. Erst das Zusammenwirken beider Entwicklungen erklärt, weshalb die Pegel vieler Seen sinken, Flüsse häufiger Niedrigwasser führen und Dürreperioden inzwischen selbst in Mitteleuropa zum Normalbild gehören.

Der Velencei-tó ist damit weniger die Ursache der Debatte als ihr sichtbarstes Symbol. An seinem Ufer lässt sich beobachten, was Hydrologen und Klimaforscher seit Jahren beschreiben: Europa verliert nicht sein Wasser. Europa verliert zunehmend seine Fähigkeit, Wasser zu speichern.

Warum Ungarn besonders gefährdet ist

Kaum ein europäisches Land vereint so viele Risikofaktoren wie Ungarn. Das hat weniger mit seiner Größe als mit seiner Geografie zu tun. Das Land liegt im Zentrum des Karpatenbeckens, einer weiten Ebene, die von den Alpen, den Karpaten und den Dinarischen Gebirgen umschlossen wird. Diese Lage machte Ungarn über Jahrhunderte zu einem wasserreichen Land. Heute trägt sie paradoxerweise dazu bei, dass sich die Folgen des Klimawandels hier besonders deutlich bemerkbar machen.

Anders als Österreich oder die Schweiz besitzt Ungarn keine Hochgebirge, in denen sich während des Winters große Schneemengen ansammeln und im Frühjahr langsam abschmelzen. Rund 95 Prozent des Oberflächenwassers stammen aus dem Ausland. Donau, Theiß, Drau und ihre Nebenflüsse erreichen Ungarn erst, nachdem sie weite Teile ihrer Einzugsgebiete durchquert haben. Das macht das Land in besonderem Maße von klimatischen Veränderungen in den Nachbarstaaten abhängig. Fällt in den Alpen weniger Schnee oder verändern sich Niederschlagsmuster in den Karpaten, wirkt sich das unmittelbar auf den Wasserhaushalt Ungarns aus.

Hinzu kommt, dass sich das Klima im Karpatenbecken überdurchschnittlich schnell erwärmt. Nach Daten von HungaroMet ist die Jahresmitteltemperatur in Ungarn seit Beginn des 20. Jahrhunderts um deutlich mehr als zwei Grad Celsius gestiegen – stärker als im globalen Durchschnitt. Besonders ausgeprägt ist der Anstieg in den Sommermonaten. Gleichzeitig nimmt die Zahl heißer Tage kontinuierlich zu, während längere Trockenphasen häufiger auftreten.

Für die Landwirtschaft ist diese Entwicklung bereits heute spürbar. Der Wasserbedarf vieler Kulturpflanzen steigt, während Böden schneller austrocknen und Niederschläge unregelmäßiger werden. Die Ernteausfälle der vergangenen Jahre sind daher nicht allein auf einzelne Hitzewellen zurückzuführen, sondern Ausdruck eines langfristigen Trends.

Nicht nur Ungarn: Die Klimakrise trocknet betroffene Gebiete Weltweit stark aus. Quelle: NASA GRACE Satellit.

Die Theiß – ein Jahrhundertprojekt mit langfristigen Folgen

Wer die heutige Wasserkrise verstehen will, kommt an einem historischen Kapitel der ungarischen Geschichte nicht vorbei: der Regulierung der Theiß.

Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts war die Große Ungarische Tiefebene von einem völlig anderen Landschaftsbild geprägt. Die Theiß mäanderte auf ihrem Weg zur Donau in zahllosen Schleifen durch ausgedehnte Überschwemmungsgebiete. Je nach Jahreszeit verwandelten Hochwasser weite Landstriche in Seen, Sümpfe und Feuchtwiesen. Für die Bevölkerung bedeutete das häufig Überschwemmungen, schlechte Verkehrswege und die Ausbreitung von Krankheiten. Für das Ökosystem hingegen war diese Dynamik über Jahrtausende die Grundlage eines außergewöhnlich stabilen Wasserhaushalts.

Mit der von István Széchenyi angestoßenen und unter der Leitung des Ingenieurs Pál Vásárhelyi geplanten Regulierung begann ab den 1840er Jahren eines der größten wasserbaulichen Projekte Europas. Mehr als hundert Flussschlingen wurden abgeschnitten, der Flusslauf um mehrere hundert Kilometer verkürzt und tausende Kilometer Dämme errichtet. Millionen Hektar Land konnten anschließend landwirtschaftlich genutzt werden.

Der Verlauf der Theiß (Tisza). Quelle: Wikicommons.

Aus damaliger Sicht war das Projekt ein Erfolg. Die Erträge stiegen, Überschwemmungen gingen zurück und große Teile der Tiefebene wurden wirtschaftlich erschlossen.

Heute beurteilen Hydrologen diese Entwicklung differenzierter.

Mit den Auen verschwand zugleich der natürliche Wasserspeicher der Landschaft. Hochwasser blieb nicht mehr wochenlang in den Ebenen zurück, sondern wurde möglichst schnell flussabwärts geleitet. Was früher langsam versickerte und das Grundwasser speiste, verlässt heute innerhalb weniger Tage das Land. Die Regulierung der Theiß hat den Wasserhaushalt Ungarns nicht verursacht, wohl aber dauerhaft verändert – mit Folgen, die unter den Bedingungen des Klimawandels immer deutlicher zutage treten.

Deshalb diskutieren Wasserwirtschaft und Naturschutz seit Jahren über eine teilweise Wiederherstellung ehemaliger Überflutungsflächen. Renaturierung bedeutet dabei nicht, die Regulierung des 19. Jahrhunderts rückgängig zu machen. Vielmehr geht es darum, Flüssen an ausgewählten Stellen wieder mehr Raum zu geben, Hochwasser kontrolliert in Auen abzuleiten und Wasser länger in der Landschaft zu halten.

Die unterschätzte Rolle der Böden

In der öffentlichen Diskussion wird Wasser meist als sichtbare Ressource wahrgenommen. Der Blick richtet sich auf Flüsse, Seen und Stauseen. Tatsächlich entscheidet jedoch der Zustand der Böden darüber, wie widerstandsfähig eine Landschaft gegenüber Dürre ist.

Ein gesunder Boden besteht nicht nur aus Mineralien. Humus, Wurzeln, Pilzgeflechte und Bodenorganismen bilden ein komplexes System, das enorme Wassermengen speichern kann. Je höher der Humusgehalt, desto größer ist die Speicherfähigkeit. Böden wirken damit wie natürliche Reservoirs, die Niederschläge aufnehmen und über Wochen oder Monate langsam wieder an Pflanzen und Grundwasser abgeben.

Viele landwirtschaftlich intensiv genutzte Flächen haben diese Fähigkeit teilweise verloren. Schwere Maschinen verdichten den Boden, organische Substanz nimmt ab und Erosion trägt fruchtbare Schichten ab. Dadurch sinkt die Aufnahmefähigkeit erheblich.

Dieser Zusammenhang erklärt auch, weshalb Starkregen heute häufig gleichzeitig zu Überschwemmungen und Dürre führt. Das Wasser fließt oberflächlich ab, statt in tiefere Bodenschichten einzudringen. Für die Landwirtschaft bedeutet ein heftiges Gewitter daher oft weniger Nutzen als mehrere Tage gleichmäßigen Regens.

Bodenkundler sprechen inzwischen von einer doppelten Krise. Der Klimawandel erhöht den Wasserbedarf der Pflanzen, während degradierte Böden immer weniger Wasser speichern können. Beide Prozesse verstärken sich gegenseitig.

Warum Grundwasser zur strategischen Ressource wird

Während Seen und Flüsse den Zustand eines Sommers widerspiegeln, erzählt das Grundwasser die Geschichte mehrerer Jahrzehnte.

Grundwasser entsteht langsam. Niederschläge versickern zunächst durch verschiedene Bodenschichten, passieren Sand- und Kiesablagerungen und sammeln sich schließlich in unterirdischen Aquiferen. Dieser Prozess kann je nach geologischen Bedingungen Jahre oder sogar Jahrzehnte dauern.

Deshalb reagieren Grundwasserspiegel wesentlich träger auf Wetterextreme als Seen oder Flüsse. Sinken sie dennoch über längere Zeit, gilt das unter Hydrologen als besonders ernstes Warnsignal.

Europa beobachtet seit Jahren einen solchen Trend. Satellitenmissionen wie GRACE der NASA zeigen, dass zahlreiche Regionen kontinuierlich Wasserreserven verlieren. Besonders betroffen sind Spanien, Italien, Teile Frankreichs, Südosteuropa und das Karpatenbecken.

Ungarn verfügt zwar weiterhin über bedeutende Grundwasserreserven und gehört nicht zu den Ländern, denen kurzfristig Trinkwasserknappheit droht. Dennoch verändert sich die Situation schleichend. Sinkende Grundwasserstände wirken sich auf Feuchtgebiete, Wälder und kleinere Fließgewässer aus. Gleichzeitig steigt der Wasserbedarf von Landwirtschaft und Industrie.

Damit verändert sich auch die politische Dimension des Themas. Wasser wird zunehmend zu einer strategischen Ressource. Fragen der Wasserspeicherung, der Bewässerung und des grenzüberschreitenden Flussmanagements entwickeln sich zu zentralen Aufgaben der europäischen Umwelt- und Infrastrukturpolitik.

Warum Dürre nicht nur ein Umweltproblem ist

Die Folgen reichen weit über den Naturschutz hinaus. Niedrigwasser beeinträchtigt den Güterverkehr auf Rhein und Donau, reduziert die Leistung von Wasserkraftwerken und erschwert die Kühlung thermischer Kraftwerke. In der Landwirtschaft führen Ernteausfälle zu steigenden Lebensmittelpreisen, während Städte immer häufiger in den Ausbau ihrer Wasserversorgung investieren müssen.

Hinzu kommen ökologische Schäden, die oft erst Jahre später sichtbar werden. Austrocknende Moore setzen große Mengen Kohlendioxid frei, Wälder verlieren ihre Widerstandskraft gegenüber Schädlingen und sinkende Flusspegel verändern ganze Ökosysteme.

Die Wasserkrise ist deshalb kein isoliertes Umweltproblem. Sie betrifft nahezu alle Bereiche moderner Gesellschaften – von der Energieversorgung über die Wirtschaft bis zur öffentlichen Gesundheit.

Gerade darin unterscheidet sie sich von vielen anderen Folgen des Klimawandels. Wasser bildet die Grundlage nahezu aller natürlichen und wirtschaftlichen Prozesse. Gerät dieser Kreislauf aus dem Gleichgewicht, bleiben die Auswirkungen selten auf einen einzelnen Sektor beschränkt.


Velencei-tó, Balaton und Fertő-tó – Drei Seen, drei unterschiedliche Schicksale

Die öffentliche Diskussion konzentriert sich häufig auf spektakuläre Bilder trockener Seeufer. Tatsächlich reagieren Ungarns große Seen jedoch sehr unterschiedlich auf die Veränderungen des Klimas.

Der Velencei-tó gilt als besonders empfindlich. Mit einer durchschnittlichen Tiefe von nur etwa anderthalb Metern genügt bereits eine Kombination aus wenigen niederschlagsarmen Wintern und einem heißen Sommer, um den Wasserstand deutlich sinken zu lassen. Seine geringe Tiefe führt außerdem dazu, dass sich das Wasser wesentlich schneller erwärmt als in größeren Seen. Höhere Wassertemperaturen erhöhen wiederum die Verdunstung – ein Kreislauf, der sich mit jeder Hitzewelle weiter verstärkt.

Der Fertő-tó (Neusiedler See) weist ähnliche Eigenschaften auf. Auch er gehört zu den flachsten Steppenseen Europas und unterliegt seit Jahrhunderten erheblichen natürlichen Schwankungen. Historische Quellen berichten bereits im 18. und 19. Jahrhundert von Phasen, in denen der See nahezu vollständig verschwand. Dennoch unterscheiden Hydrologen klar zwischen diesen historischen Zyklen und den heutigen Entwicklungen. Während frühere Schwankungen Teil natürlicher Klimavariabilität waren, treffen sie heute auf dauerhaft steigende Temperaturen und eine erheblich höhere Verdunstung.

Der Balaton nimmt eine Sonderstellung ein. Als größter Binnensee Mitteleuropas verfügt er über ein wesentlich größeres Wasservolumen und reagiert daher träger auf einzelne Trockenjahre. Die Gefahr eines vollständigen Austrocknens sehen Wissenschaftler gegenwärtig nicht. Dennoch zeigen langfristige Messreihen Veränderungen. Niedrige Wasserstände treten häufiger auf als noch vor wenigen Jahrzehnten, während gleichzeitig die Oberflächentemperatur des Sees kontinuierlich steigt. Das verändert nicht nur den Wasserhaushalt, sondern auch die biologische Zusammensetzung des Ökosystems. Blaualgenblüten, Sauerstoffmangel und Veränderungen der Fischbestände gelten inzwischen als reale Risiken.

Gemeinsam ist allen drei Seen vor allem eines: Sie reagieren auf dieselben klimatischen Prozesse. Unterschiede bestehen lediglich in Geschwindigkeit und Intensität.

Die Donau – Europas Wasserstraße unter Druck

Während Seen vor allem regionale Bedeutung besitzen, betrifft der Zustand der Donau einen großen Teil Europas. Der Fluss verbindet zehn Staaten und ein Einzugsgebiet von rund 800.000 Quadratkilometern. Was in den Alpen oder den Karpaten geschieht, beeinflusst deshalb auch Budapest, Belgrad oder das Donaudelta.

Niedrigwasser stellt die Schifffahrt seit einigen Jahren regelmäßig vor erhebliche Probleme. Frachtschiffe können vielerorts nur noch teilweise beladen werden, was Transportkosten erhöht und Lieferketten beeinträchtigt. Gleichzeitig steigen die Wassertemperaturen, wodurch sich Sauerstoffgehalt und Artenzusammensetzung verändern. Manche Fischarten geraten zunehmend unter Druck, während wärmeliebende Arten neue Lebensräume erschließen.

Die Donau verdeutlicht damit exemplarisch, dass Wasserknappheit weit mehr bedeutet als sinkende Pegel. Sie betrifft Wirtschaft, Energieversorgung, Landwirtschaft und Naturschutz gleichermaßen.

Kann Europa die Entwicklung noch aufhalten?

Diese Frage gehört zu den häufigsten Missverständnissen der öffentlichen Debatte.

Der Wasserhaushalt Europas wird sich nicht vollständig in den Zustand des 20. Jahrhunderts zurückversetzen lassen. Dafür haben sich Klima und Landschaft bereits zu stark verändert.

Dennoch bedeutet das nicht, dass Europa der Entwicklung hilflos ausgeliefert wäre.

In den vergangenen Jahren hat sich innerhalb der Wasserwirtschaft ein grundlegender Paradigmenwechsel vollzogen. Jahrzehntelang bestand das Ziel darin, Wasser möglichst schnell abzuleiten. Heute lautet die zentrale Frage, wie möglichst viel Wasser in der Landschaft gehalten werden kann.

Unter dem Schlagwort „Schwammlandschaft“ entstehen inzwischen zahlreiche Projekte in ganz Europa. Flüsse erhalten wieder mehr Raum, ehemalige Auen werden renaturiert, Moore wiedervernässt und Städte so umgebaut, dass Regenwasser nicht unmittelbar in die Kanalisation gelangt, sondern versickern kann.

Auch die Landwirtschaft beginnt sich anzupassen. Konservierende Bodenbearbeitung, Humusaufbau, Agroforstsysteme und trockenheitsresistentere Kulturpflanzen gewinnen zunehmend an Bedeutung. Ziel ist nicht allein, Wasser effizienter zu nutzen, sondern den Landschaften ihre natürliche Speicherfähigkeit zurückzugeben.

Gerade für Ungarn könnte dieser Ansatz entscheidend werden. Zahlreiche Experten plädieren dafür, Teile ehemaliger Überschwemmungsgebiete der Theiß wieder als kontrollierte Retentionsräume zu nutzen. Wasser würde dadurch länger im Land verbleiben, Grundwasser könnte sich besser regenerieren und gleichzeitig ließe sich der Hochwasserschutz verbessern. Solche Maßnahmen erfordern allerdings langfristige politische Entscheidungen und eine enge Zusammenarbeit mit Landwirtschaft, Kommunen und Naturschutz.

Was sagen die Wissenschaftler?

Obwohl einzelne Klimamodelle unterschiedliche Entwicklungen prognostizieren, besteht über die grundlegenden Trends bemerkenswerte Einigkeit.

Europa wird sich weiter erwärmen. Hitzewellen werden häufiger auftreten und länger andauern. Die Verdunstung nimmt zu, während sich Niederschläge zeitlich immer ungleichmäßiger verteilen. Besonders Sommer dürften in weiten Teilen Süd- und Mitteleuropas trockener werden, während Starkregenereignisse gleichzeitig zunehmen.

Annual surface air temperature anomalies over European (as defined by the WMO Regional Association VI)
land, from a range of datasets, for 1900–2024 (start year varies by dataset), relative to the average for the 1991–2020
reference period. Data: HadCRUT5, NOAAGlobalTemp, GISTEMP, Berkeley Earth, JRA‑3Q, ERA5. Credit: C3S/ECMWF/WMO.
Data can be downloaded and information on the methodology can be found on the WMO Regional Dashboard for Europe.

Für Ungarn gehen nahezu alle Modelle von einer weiteren Erwärmung aus. Die Zahl der heißen Tage dürfte bis zur Mitte des Jahrhunderts deutlich steigen. Gleichzeitig rechnen Klimaforscher mit häufigeren Dürrejahren und einer zunehmenden Belastung der Landwirtschaft.

Dabei warnen Wissenschaftler ausdrücklich vor einem Missverständnis. Die Zukunft besteht nicht aus einer linearen Entwicklung hin zu immer geringeren Niederschlägen. Vielmehr werden Extreme wahrscheinlicher. Auf außergewöhnlich nasse Jahre können unmittelbar außergewöhnlich trockene folgen. Genau diese Schwankungen erschweren den Umgang mit Wasser erheblich.

Chronologie der europäischen Wasserkrise

1846-1884
Regulierung der Theiß. Mehr als hundert Flussschlingen werden beseitigt, Überschwemmungsflächen trockengelegt und der Fluss erheblich verkürzt.

19. und 20. Jahrhundert
Großflächige Flussbegradigungen, Entwässerung von Mooren und Ausbau landwirtschaftlicher Nutzflächen in weiten Teilen Europas.

1976
Eine außergewöhnliche Dürre macht erstmals deutlich, wie verwundbar Mitteleuropa gegenüber langanhaltender Trockenheit ist.

2003
Die erste große Hitzedürre des 21. Jahrhunderts verursacht Milliardenverluste in Landwirtschaft und Forstwirtschaft.

2015
Außergewöhnlich niedrige Wasserstände an Rhein, Elbe und Donau.

2018
Große Teile Mitteleuropas erleben eine der schwersten Dürren seit Beginn moderner Messungen.

2022
Nach Einschätzung des European Drought Observatory erlebt Europa die schwerste Dürre seit mindestens 500 Jahren.

2023 bis heute
Wiederholte Niedrigwasser an Rhein, Donau und Po sowie außergewöhnlich niedrige Pegel an Velencei-tó und Fertő-tó verdeutlichen, dass Dürre nicht mehr als Ausnahme betrachtet werden kann.

Häufig gestellte Fragen

Warum trocknet der Velencei-tó aus?

Der See reagiert aufgrund seiner geringen Tiefe besonders empfindlich auf steigende Temperaturen, erhöhte Verdunstung und ausbleibende Niederschläge. Gleichzeitig beeinflussen Veränderungen im regionalen Wasserhaushalt seine Zuflüsse.

Wird der Balaton austrocknen?

Nach dem heutigen Stand der Forschung gilt das als äußerst unwahrscheinlich. Der Balaton besitzt ein wesentlich größeres Wasservolumen als der Velencei-tó. Langfristig rechnen Wissenschaftler jedoch mit häufigeren Niedrigwasserphasen und steigenden Wassertemperaturen.

Warum regnet es trotz Klimawandel manchmal stärker?

Eine wärmere Atmosphäre kann mehr Wasserdampf aufnehmen. Dadurch entstehen häufiger intensive Starkregen. Diese ersetzen jedoch zunehmend gleichmäßige Landregen und tragen deshalb weniger zur Neubildung von Grundwasser bei.

Warum ist Ungarn stärker betroffen als viele andere Länder?

Ungarn liegt im Karpatenbecken, besitzt keine eigenen Hochgebirge als Wasserspeicher und erhält den überwiegenden Teil seines Oberflächenwassers aus den Nachbarstaaten. Gleichzeitig erwärmt sich die Region überdurchschnittlich stark.

Geht Europa das Wasser aus?

Nein. Das Problem ist nicht die absolute Wassermenge, sondern ihre zeitliche und räumliche Verfügbarkeit. Wasser fällt häufiger zur falschen Zeit, am falschen Ort oder fließt zu schnell wieder aus der Landschaft ab.

Geht Ungarn das Trinkwasser aus?

Nach heutigem Kenntnisstand nicht. Ungarn verfügt weiterhin über bedeutende Grundwasserreserven. Regional können jedoch Engpässe und Nutzungskonflikte zunehmen.

Kann man die Wasserkrise noch verhindern?

Eine vollständige Rückkehr zu den klimatischen Bedingungen des 20. Jahrhunderts ist unrealistisch. Die Folgen lassen sich jedoch durch konsequenten Klimaschutz, Renaturierung, besseren Bodenschutz und ein modernes Wassermanagement erheblich begrenzen.

Eine Herausforderung, die weit über Ungarn hinausreicht

Der austrocknende Velencei-tó ist kein Einzelfall und auch keine vorübergehende Anomalie. Er ist Teil einer Entwicklung, die sich von der Iberischen Halbinsel bis zum Schwarzen Meer beobachten lässt. Europas Wasserhaushalt verändert sich grundlegend. Nicht einzelne Dürresommer markieren den Wendepunkt, sondern die Häufung extremer Jahre und die schleichende Veränderung der Landschaft selbst.

Gerade Ungarn steht dabei exemplarisch für die Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte. Das Land ist aufgrund seiner geografischen Lage besonders verwundbar, verfügt zugleich aber über umfangreiche wasserwirtschaftliche Erfahrung und ein dichtes Netz wissenschaftlicher Einrichtungen. Ob diese Voraussetzungen ausreichen, um den Wandel erfolgreich zu bewältigen, wird nicht allein vom Wetter abhängen. Entscheidend wird sein, ob Politik und Gesellschaft bereit sind, Wasser künftig nicht länger als unbegrenzt verfügbare Ressource zu behandeln, sondern als Grundlage nahezu aller ökologischen und wirtschaftlichen Prozesse.

Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob Europa trockener wird. Diese Entwicklung ist längst messbar. Entscheidend ist vielmehr, wie gut es gelingt, den Kontinent an einen Wasserhaushalt anzupassen, der sich bereits heute grundlegend von jenem unterscheidet, auf dem Europas Landwirtschaft, Städte und Infrastruktur über Generationen aufgebaut wurden.

Quellen: IPCC, Copernicus Climate Change Service, European Environment Agency (EEA), European Drought Observatory, HungaroMet, OVF.

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