„Schuldabwehr und Täter-Opfer-Umkehr gehörten zusammen mit dem Revisionismus zu den Grundlagen der Orbán-Regierungen“
Budapest. Das Terror Háza Múzeum („Haus des Terrors“) beschreibt seine kulturelle Bedeutung auf seiner Website mit den Worten der Museumsdirektorin Mária Schmidt: „Die Ungarn haben ein langes Gedächtnis – für das Gute wie für das Schlechte. Für das Gute sind sie dauerhaft dankbar, und das Schlechte prägen sie tief in ihr kollektives Gedächtnis ein, damit es sich niemals wiederholt.“
Schmidt gilt als enge Vertraute und Beraterin von Viktor Orbán. Ihre politische Haltung zeigt sich unter anderem in ihrer Stellungnahme zur Neubewertung von Miklós Horthy. Wie die Bundeszentrale für politische Bildung 2014 berichtete, sprach sich Schmidt dafür aus, Horthy „nicht nur aufgrund seiner Verantwortung für den Holocaust“ zu beurteilen; er solle „nicht nur ‚einseitig mit negativen Adjektiven abgestempelt‘ werden“. Die Verklärung der Horthy-Ära und der Bezug auf die Zeit des Dualismus (Österreich-Ungarn) sind Magdalena Marsovszky zufolge Bestandteil der Regierungsideologie unter Viktor Orbán. Auf kommunaler Ebene haben Fidesz-nahe Politiker wiederholt die Errichtung von Horthy-Denkmälern angestoßen oder unterstützt.
Die Kontroverse um das Haus des Terrors hat inzwischen auch Reiseführer erreicht. So beschreibt die Reiseplattform Ulysses Travel das Museum eher als düsteren Ort, den sensible Besucherinnen und Besucher besser meiden sollten. Die Reiseempfehlung erinnert damit eher an die Ankündigung einer Geisterbahn als an die Empfehlung eines nationalgeschichtlichen Museums. Vor dem Hintergrund der bestehenden Kritik untersucht dieser Artikel die politische Inszenierung der Vergangenheit im „Haus des Terrors“ in Budapest. Für die Hintergrundinformationen wurde auf Magdalena Marsovszkys Beitrag „Die Märtyrer sind die Magyaren“ zurückgegriffen. Ergänzende Einordnungen beruhen auf einem persönlichen Austausch mit der Autorin, in dem sie ihre Positionen vertieft und präzisiert hat.
„Die Märtyrer sind die Magyaren“ – Magdalena Marsovszkys Analyse
Magdalena Marsovszky, in Ungarn geboren, ist promovierte Sozial- und Kulturwissenschaftlerin, Kunsthistorikerin und freie Autorin. Sie forscht am Forschungskolleg „Rechtspopulismus“ der Universität zu Köln zu völkischer Esoterik, Antisemitismus und Antiziganismus. Für diesen Artikel stellte sie ihre wissenschaftliche Expertise zur Verfügung.
In ihrem Beitrag „Die Märtyrer sind die Magyaren“ analysiert Marsovszky die Rolle des Hauses des Terrors in der ungarischen Erinnerungskultur. Sie beschreibt, dass die Konzeption des Museums durch einen „nationalen Blick“ geprägt sei, der Geschichte ethnisch interpretiere und Ungarn als kollektives Opfer darstelle. Was Marsovszky als „ethnische Schließung der Gesellschaft“ bezeichnet, beschreibt den Prozess, in dem sich Ungarn in seiner Erinnerungskultur „ethnisiert“, also über die Bedrohung der nationalen Gemeinschaft – etwa durch Kommunismus, Liberalismus oder Modernisierung – definiert. Im Zentrum stehe ein „nationaler Opfermythos“, der historische Verantwortung abwehrt und Schuld auf andere projiziert. Diese Umkehr von Täter- und Opferrollen sei ein in der Antisemitismusforschung bekanntes Muster. Der Holocaust und die Mitverantwortung Ungarns würden dadurch relativiert.
Zu diesem Narrativ gehören auch antisemitische Deutungsmuster. Rechte und nationalistische Akteure inszenieren sich als Befreier von Kräften, die antisemitisch als „jüdisch“ codiert werden – etwa im „antikommunistischen Antisemitismus“ oder im „antiliberalen Antisemitismus“, der westliche Demokratie und Liberalismus als Ausdruck eines angeblich jüdischen Einflusses darstellt. Marsovszky sieht die Konzeption des Museums selbst als Beleg für diese Geschichtsdeutung. Die antisemitischen Elemente des Museums finden sich nach ihrer Einschätzung vor allem in den „Insinuierungen“, also in indirekten Andeutungen und Auslassungen.

Gleichsetzung der Diktaturen und Relativierung des Holocaust im Haus des Terrors
Auf die Frage, ob im Haus des Terrors Nationalsozialismus und Kommunismus bewusst gleichgesetzt werden, widerspricht Magdalena Marsovszky einer rein instrumentellen Deutung. Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive gehe es ihr weniger um gezielte Manipulation als um tief verankerte kulturelle und sozialpsychologische Muster.
Gleichwohl stelle das Museum beide Systeme – die Herrschaft der Pfeilkreuzler und den Kommunismus – parallel dar und inszeniere Ungarn als Opfer beider Regime. Bereits am Eingang würden die Symbole der beiden Diktaturen spiegelbildlich gegenübergestellt. Zugleich verschiebe die Ausstellung die historischen Proportionen: Die nationalsozialistische Phase beginne erst mit dem deutschen Einmarsch am 19. März 1944, wodurch die Horthy-Ära und ihre antisemitische Gesetzgebung weitgehend ausgeblendet würden.
„Nun wird aber in der Ausstellung selbst das ‚faschistische Unrechtssystem‘ erst ab dem Einmarsch der deutschen Truppen in Ungarn – 19. März 1944 – gerechnet, während die zwei Jahrzehnte zuvor unter Nikolaus von Horthy (1920-1944), in denen die völkisch-antisemitische und revisionistische Politik mit den ersten ‚Judengesetzen‘ in Europa überhaupt (1920) den Weg zum letzten und destruktivsten Kapitel des Holocaust, zur Ermordung beinahe einer halben Million ungarischer Jüdinnen und Juden und zur Terrorherrschaft der Pfeilkreuzler ebnete, nicht einmal erwähnt.“
Demgegenüber nimmt das „sozialistische Unrechtssystem“ einen deutlich größeren Raum ein. Die Jahre 1945 bis 1989 werden als durchgehende Diktatur dargestellt, obwohl die Repressionen im späten Staatssozialismus nach Marsovszky „wesentlich gelockert wurden“. Auch räumlich zeigt sich diese Verschiebung: Zwei Räume behandeln den Nationalsozialismus, 21 Räume die kommunistische Epoche.
„Somit mutiert das Terrorhaus im Grunde zum ‚Haus des kommunistischen Terrors‘.“
Neben dieser Relativierung des Holocaust verweist Magdalena Marsovszky auf frühere Aussagen der Museumsdirektorin Mária Schmidt. Bereits 1999 vertrat Schmidt eine relativierende Position. Marsovszky zitiert dazu aus einem von ihr übersetzten Vortrag Schmidts:
„Im Zweiten Weltkrieg ging es nicht um das Judentum, um den Völkermord. So leid es uns auch tut: Der Holocaust, die Ausrottung oder Rettung des Judentums war ein nebensächlicher, sozusagen marginaler Gesichtspunkt, der bei keinem der Gegner das Kriegsziel war. /…/ Es muss auch festgehalten werden, dass die Alliierten Nazi-Deutschland auf keinen Fall deshalb den Krieg erklärt hatten, um die geplante völkermörderische Politik gegen die Juden zu verhindern. Sie hatten weder vor, die Vertriebenen aufzunehmen, noch sie zu schützen. Daher ist für sie nichts Außergewöhnliches, mit anderen Worten Unikates, passiert. In unserem Jahrhundert /…/ ist ja eine ganze Reihe von Massenmorden und Genoziden passiert, wobei diese von der Außenwelt mit oder ohne Anteilnahme aber bewusst wahrgenommen wurden. Ebenso wusste die Welt – jedenfalls die Interessierten oder die Betroffenen -, was seit der bolschewistischen Revolution in dem die Neue Welt verheißenden sozialistischen Russland, Sowjet-Russland bzw. in der Sowjetunion passierte. Die kommunistischen Regime haben im Interesse der Festigung ihrer Herrschaft die Massenmorde zur wirklichen Regierungsmethode erhoben.“
Der Text stammt aus einem Vortrag an der Eckhardt-Akademie in Budapest vom 13. November 1999 und wurde später unter dem Titel „Holokausztok a huszadik században“ („Holocauste im 20. Jahrhundert“) in der Tageszeitung Magyar Hírlap veröffentlicht.
Das „Haus des Terrors“ im Kontext von Orbáns „illiberaler Demokratie“
Marsovszky ordnet das Haus des Terrors in den politischen Kontext von Viktor Orbáns „illiberaler Demokratie“ ein. Die politische Entwicklung, die bereits während Orbáns erster Amtszeit (1998–2002) erkennbar gewesen sei und nach seiner Rückkehr an die Macht im Jahr 2010 offen als „illiberale Demokratie“ bezeichnet wurde, spiegele sich auch in der Konzeption des Museums wider. Nach Marsovszky fungierte das Museum nicht nur als Ort historischer Darstellung, sondern auch als Treffpunkt und Plattform für Fidesz-nahe oppositionelle Aktivitäten. Nach der Wahlniederlage 2002 bauten Fidesz, KDNP und später auch die rechtsextreme Jobbik über Medien, Bürgernetzwerke und kulturelle Institutionen eine nationale und „völkische“ Hegemonie auf. Das Haus des Terrors spielte dabei eine wichtige Rolle, indem es oppositionellen Kräften Raum für Veranstaltungen und politische Kampagnen bot.
Aus der politischen Situation resultierte Marsovszky zufolge damals Folgendes:
„Dies führte, zumal die Demokratie defizitär war, die Täter-Opfer-Umkehr und die Warnsignale von zunehmenden autoritären Tendenzen nicht richtig wahrgenommen wurden, zu einer derartigen Infiltrierung der Gesellschaft, dass die Fidesz-KDNP-Koalition 2010 mit einer Zweidrittelmehrheit die Parlamentswahlen gewann.“
Auch nach Orbáns Wahlsieg 2010 blieb das Museum ihrer Einschätzung nach ein zentraler Bestandteil des politischen Umbaus. Die dem Museum verbundene Stiftung habe sich zu einem wichtigen Thinktank der Regierung entwickelt und internationale Vertreter der Neuen Rechten eingeladen, darunter Alain de Benoist (französischer Vordenker der Neuen Rechten) und Steve Bannon (ehemaliger Leiter der rechtsradikalen Website des „Breitbart News Network“ und ehemaliger Berater Donald Trumps).
„Das Terrorhaus-Museum betreibt von Anfang an eine Täter-Opfer-Umkehr, verdreht die Geschichte, seine Arbeit ist illiberal und antidemokratisch.“

Wie das Museum das Geschichtsbewusstsein in Ungarn prägt
„Schuldabwehr und Täter-Opfer-Umkehr gehörten, zusammen mit dem Revisionismus, zu den Grundlagen der Orbán-Regierungen“
Nach Marsovszky prägt diese Form der Geschichtsdarstellung maßgeblich das öffentliche Geschichtsbewusstsein in Ungarn. Sie ist eng mit der politischen Symbolik der Regierungen von Viktor Orbán verknüpft. Als Beispiel nennt sie die Aufwertung der sogenannten Heiligen Krone, die im Jahr 2000 feierlich aus dem Ungarisches Nationalmuseum in das ungarische Parlamentsgebäude überführt wurde, sowie die Betonung der „historischen Verfassung“ im ungarischen Grundgesetz, das 2012 in Kraft trat.
Dadurch werde eine sakralisierte Vorstellung der Nation gestärkt, in der nationale Identität und staatliche Souveränität auf historischen und mythischen Traditionen beruhen.
„Bezeichnet wird die ‚historische Verfassung‘ in den Regierungspublikationen als Grundlage der nationalen Identität und der nationalen Souveränität, so dass – mit wissenschaftlichem Abstand ausgedrückt – die Esoterik die Grundlage der Staatsideologie ist.“
Durch diesen kulturellen Ausdruck nationalistischer Ideologie werde das öffentliche Geschichtsbewusstsein in Richtung eines illiberalen, stark national ausgerichteten Selbstbildes geformt.
Hoffnung auf eine kritischere Erinnerungskultur unter Péter Magyar
„Der künftige Ministerpräsident, Péter Magyar, hielt anlässlich der zweihundertsten Generalversammlung der Ungarische Akademie der Wissenschaften am 04. Mai 2026 im Festsaal der Akademie eine exzellente Rede, in der er betonte, dass die neue Tisza-Regierung die Freiheit der Wissenschaft auf der Grundlage einer quellen- und faktenorientierten, empirischen und kritischen wissenschaftlichen Forschung unter allen Umständen achten, die wissenschaftlichen Institutionen fördern und deren Freiheit garantieren werde. Ein solches Versprechen ist deshalb großartig, weil sich nur dadurch die kritische Reflexion in der Geschichtsforschung weiterentwickeln kann. Im Zuge einer kritischen Reflexion müsste dann auch die Konzeption des Terrorhaus-Museums neu gedacht werden. Es bleibt zu hoffen, dass dies im Zuge eines gesellschaftlichen Diskurses erfolgt, in dem die Vergangenheit nicht als abgeschlossen gilt, sondern als kontinuierliche Arbeit im Demokratisierungsprozess aufgefasst wird.“
Quellen: Bundeszentrale für politische Bildung, Ulysses Travel, Wikipedia, Academia.edu, Haus des Terrors, Magdalena Marsovszkys Beitrag „Die Märtyrer sind die Magyaren“ in: „Die Dynamik der europäischen Rechten“, VS Verlag für Sozialwissenschaften (2011)
Photos: Anna Katharina Breitling – Pester Lloyd / Bei Verwendung bitte URL sowie Autorin angeben. Copyright Portrait bereitgestellt von Magdalena Marsovszky






