(c) Pester Lloyd / 43 – 2014 NACHRICHTEN 20.10.2014
Mehrere Hundert ungarische Roma, Bürgerrechtler und Gäste aus Europa nahmen am Sonntag am „Roma Pride“ Marsch durch Budapest teil. Die Veranstaltung von ungarischen Roma-Organisationen, Bürgerrechtsgruppen und internationalen Partnergruppen ist als selbstbewußter Kontrapunkt gegen die weitverbreiteten Vorurteile und die reale und systematische Diskriminierung ihrer Volksgruppe gedacht, die zwar seit rund 700 Jahren auf dem Gebiet des heutigen Ungarns lebt und heute rund 6-7% der Bevölkerung ausmacht, aber weiterhin als nicht zur Nation gehörig behandelt wird. Plakate mit bekannten Figuren mit Roma-Herkunft wie Schauspiellegende Charlie Chaplin oder der Fußballer Jesus Navas wurden gezeigt, Lieder gesungen, die Roma-Flagge geschwenkt.
Die Veranstalter beklagen, dass über die Roma generell und speziell in Ungarn „fast nie etwas Positives zu hören oder zu lesen ist“, auch diese mediale Ausgrenzung bzw. Einseitigkeit verstärkt die Trennung von Mehrheit und Minderheit. Über den Stolz (Pride) jedoch bekomme man auch Selbstbewußtsein, das es braucht, um sein Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen – auch wenn das von den Regierenden nicht gewollt ist.
In einer Petition wurde u.a. gefordert, die Existenz eines Holocaust an Roma – und auch deren Verfolgung im nazistischen Ungarn – zum Gegenstand im Schulunterricht zu machen. Hintergrund: der für die Integration der Roma zuständige Minister Balog nannte die ungarischen Roma kürzlich ein „Volk ohne Geschichte“, die in einer imaginären Opferrolle gefangen seien. Zudem gab es „von ungarischem Boden aus keine Deportationen von Roma in Konzentrationslager“, was historisch schlicht falsch ist. Weitere Kritik richtete sich an die Betreiber der oft demütigenden und gezielt auf Roma zugeschnittenen Kommunalen Beschäftigungsprogramme, gegen die gängige Praxis der Segregation von Schulkindern, schlechten Zugang zu Gesundheitsversorgung und warnten vor dem Erstarken der neonazistischen Jobbik, die in immer mehr Gemeinden und mittlerweile auch Städten die Bürgermeister stellt , was die Friktionen zwischen den Volksgruppen verschärft und die Roma weiter ausgrenzt und kriminalisiert.
„Die Roma Pride ist unsere Antwort auf erstarkenden Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus in diesen Tagen in Europa und besonders in Ungarn“, sagte Benjamin Abtan, Aktivist einer französischen Anti-Rassismus-Initiative. Die Veranstaltung in Budapest bildet den Abschluss von mehr als einem Dutzend solcher Märsche im Oktober in ganz Europa. Die geringe Beteiligung in Budapest spiegelt die tief sitzende Frustration und den mangelnden Grad an Eigenantrieb der ungarischen Roma. Premier Orbán wie Minister Balog hatten zuletzt mehrfach, auch auf internationaler Ebene, dafür geworben, die „Roma als Ressource“ zu erkennen. Europa sollte die „Einwanderung vollständig stoppen“ und die „einfachen Arbeiten, die heute von Immigranten verrichtet werden, die europäischen Roma erledigen lassen“, so Orbán wörtlich . Balog nannte solche Gedankengänge mit unverhohlenem Stolz “nich politisch korrekt.” Es sei aber an der Zeit, “dass man sie trotzdem ausspreche”.
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