629 Gemeinden unter Wasserrestriktionen – Regierung warnt vor entscheidenden 48 Stunden für Versorgungssicherheit und Stromnetz.
Budapest/Paks. Die anhaltende Hitzewelle und die extreme Dürre verschärfen die Versorgungslage in Ungarn. Inzwischen gelten in 629 Gemeinden Wasserbeschränkungen. Nach Angaben der Regierung wurden in 465 Ortschaften Einschränkungen der ersten Stufe verhängt, 151 Gemeinden unterliegen der zweiten Stufe und 13 Städte und Gemeinden den strengsten Maßnahmen der dritten Stufe.
Die Einschränkungen folgen auf einen historisch trockenen Sommer. Nach Daten des staatlichen Wetterdienstes HungaroMet war der Juli 2026 der sechst-trockenste und zehntwärmste Juli seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1901. Die landesweite Durchschnittstemperatur lag bei 22,8 Grad Celsius und damit 1,3 Grad über dem Mittelwert der Jahre 1991 bis 2020.
| Stufe | Maßnahmen | Auswirkungen für die Bevölkerung |
|---|---|---|
| Stufe I | Verbot nicht notwendiger Trinkwassernutzung wie Rasenbewässerung, Befüllen privater Pools, Schlauchbewässerung, Autowäsche oder Reinigung von Gehwegen mit Leitungswasser. | Die Trinkwasserversorgung bleibt uneingeschränkt. Ziel ist es, den stark steigenden Verbrauch während der Hitzewelle zu senken. |
| Stufe II | Zusätzlich können größere gewerbliche und industrielle Wasserverbraucher verpflichtet werden, ihren Verbrauch zu reduzieren. Ausgenommen sind in der Regel kritische Bereiche wie die Lebensmittelproduktion. | Für Privathaushalte gelten weiterhin die Regeln der ersten Stufe, während Unternehmen ihren Wasserverbrauch einschränken müssen. |
| Stufe III | Bei kritischer Versorgungslage darf Leitungswasser nur noch für lebensnotwendige Zwecke wie Trinken, Kochen und Körperpflege genutzt werden. Nicht zwingend notwendige gewerbliche Wasserverwendung kann ganz oder teilweise untersagt werden. | Dies ist die höchste Alarmstufe und kommt nur bei akuter Gefährdung der Trinkwasserversorgung zum Einsatz. |
Noch gravierender fiel das Niederschlagsdefizit aus. Landesweit wurden im Juli lediglich 19,8 Millimeter Regen gemessen -73 Prozent weniger als im langjährigen Durchschnitt von 71,9 Millimetern. Besonders betroffen ist die Große Ungarische Tiefebene, wo vielerorts weniger als zehn Millimeter Niederschlag fielen. In einzelnen Orten wie Zsádány wurde im gesamten Monat überhaupt kein Regen registriert.
Budapest ist bislang von Versorgungsproblemen verschont geblieben. Oberbürgermeister Gergely Karácsony erklärte am Mittwoch auf Facebook, dass die Trinkwasserversorgung der Hauptstadt trotz des kritisch niedrigen Pegels der Donau weiterhin „stabil und sicher“ sei. Gleichzeitig appellierte er an die Bevölkerung, Wasser weiterhin sparsam zu verwenden.
Auch Umweltminister László Gajdos sprach von ersten Erfolgen der Sparmaßnahmen. Der Wasserverbrauch sei in den vergangenen Tagen um neun Prozent gesunken, wodurch sich die Belastung des Versorgungsnetzes deutlich verringert habe. Angesichts der bis Freitag geltenden Hitzewarnung der höchsten Stufe seien jedoch die schwierigsten Tage noch nicht überstanden.
Wie kritisch ist die Lage für das Stromnetz?
Die Wasserkrise wirkt sich naturgemäß auch auf die Energieversorgung aus. Wegen des außergewöhnlich niedrigen Wasserstands der Donau musste das Kernkraftwerk Paks, das einen wesentlichen Teil der ungarischen Stromproduktion liefert – rund 30 % – seine Leistung schrittweise reduzieren, auch ein gänzliches Ausschalten steht nachwievor im Raum sollte der Pegel wieder sinken. Es geht um Zentimeter.
Das Wirtschafts- und Energieministerium teilte mit, dass die Spitzenlast im Stromnetz am Dienstag 6.800 Megawatt erreichte und damit nur knapp unter der geplanten Gesamtkapazität von 7.100 Megawatt lag. Für Mittwoch wird eine Spitzenlast von 6.900 Megawatt erwartet.
Die Stromerzeugung des Kernkraftwerks Paks ist inzwischen auf 230 Megawatt gesunken – regulär produziert die Anlage rund 2.000 Megawatt.
Ministerpräsident Péter Magyar bezeichnete die kommenden 48 Stunden nach einer Sitzung des Verteidigungsrats als die entscheidende Phase der aktuellen Krise. Meteorologen erwarten für Mittwoch und Donnerstag Temperaturen von über 40 Grad, in Teilen Zentralungarns könnten sogar mehr als 42 Grad erreicht werden.
Die Regierung verlängerte deshalb die Homeoffice-Regelung für die öffentliche Verwaltung und staatliche Unternehmen bis Freitag, soweit dies organisatorisch möglich ist. Private Arbeitgeber wurden aufgefordert, diesem Beispiel zu folgen. Zudem bleibt der Güterverkehr auf der Schiene am Mittwoch und Donnerstag jeweils zwischen 17 und 22 Uhr ausgesetzt. Dadurch soll die Netzbelastung während der Abendspitze um 60 bis 90 Megawatt reduziert werden.
Nach Angaben des Ministerpräsidenten haben sich bereits 837 mittlere und große Unternehmen freiwillig verpflichtet, ihren Stromverbrauch um insgesamt mehr als 600 Megawatt zu reduzieren oder zeitlich zu verlagern. Weitere Unternehmen könnten sich dem Programm anschließen. Sollten die Maßnahmen nicht ausreichen, schloss Magyar verpflichtende Verbrauchsbeschränkungen oder vorübergehende Abschaltungen nicht aus. Verbraucher wurden erneut gebeten, nicht dringend notwendige Stromnutzung möglichst außerhalb der Spitzenzeiten zwischen 17 und 22 Uhr zu verlegen.
Hoffnung setzt die Regierung auf einen für Freitag erwarteten Kaltfrontdurchgang. Zwar werden in Ungarn lediglich fünf bis sechs Millimeter Niederschlag prognostiziert, deutlich stärkere Regenfälle im österreichischen Einzugsgebiet der Donau könnten den Flusspegel jedoch anheben und damit die Voraussetzungen für eine schrittweise Wiederaufnahme der Stromproduktion in Paks verbessern.
Wenn es in Wien am Freitag regnet, wird der Pegel der Donau ansteigen
EU-Kommission sieht keine Gefahr für die Versorgungssicherheit
Die Europäische Kommission beobachtet die Entwicklung nach eigenen Angaben aufmerksam, sieht derzeit jedoch keinen Anlass, die Electricity Coordination Group einzuberufen.
Kommissionssprecherin Anna-Kaisa Itkonen erklärte, die Auswirkungen der niedrigen Donaupegel auf die Stromproduktion seien bekannt und würden „sehr, sehr genau“ verfolgt. Gegenwärtig gebe es jedoch keine Hinweise auf Risiken für die Versorgungssicherheit. Die Kraftwerke verfügten über Notfallmechanismen, zudem könne der grenzüberschreitende Stromhandel innerhalb der Europäischen Union mögliche Engpässe ausgleichen.
Quellen: MTI, Facebook
Photo: Blick auf das Kernkraftwerk Paks von Dunaszentbenedek aus (29. Juli 2026). MTI







