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(c) Pester Lloyd / 25 - 2009
KULTUR 15.06.2009
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Zur Weltstadt demoliert
"Kulturhauptstadt Europas 2010" Pécs startet in heiße Phase
Pécs, in Ungarns Süden, will sich als multikulturelle Stadt mit mediterranem Flair darstellen, hat aber beste Aussichten neben den beiden anderen
Kulturhauptstädten 2010 (Essen und Istanbul) nur eine Nebenrolle zu spielen. Während sich Pécs zur Kulturhauptstadt mausert, tobt im Land ein erbitterter
Kulturkampf. Hier steht mittlerweile die Kultur selbst auf dem Spiel.
Bei einem Festakt wurde am Freitag das Programm für die Kulturhauptstadt Pécs
2010 besiegelt und vor allem auch dessen Finanzierung. Kulturminister István Hiller (MSZP) und der neue Bürgermeister der Stadt, Zsolt Páva, vereinbarten Programme
im Wert von 1,85 Milliarden Forint, nach heutigem Kurs sind das rund 6,7 Mio EUR. Hinzu kommen einzelne Projektförderungen, 2,6 Mio EUR der Stadt Pécs und rund
1,5 Mio EUR Förderung von der Europäischen Union.
Blick in die Fußgängerzone der Király utca (Königsgasse), Pécs
2010 sei für Pécs eine einmalige Chance auf sich aufmerksam zu machen, meinte
der Kulturminister. "Das wird eine Prüfung der Kreativität, Zusammenarbeit und der organisatorischen Fähigkeiten." In den Jahren der Vorbereitung hatte es zahlreiche
Skandale rund um das Vorbereitungskomittee, etliche Rücktritte und viele Intrigen gegeben. Zsolt Páva, der erst seit einem Monat Bürgermeister für den Fidesz ist und
mit Pécs eine MSZP-Hochburg gegen die Parlamentspräsidentin Katalin Szili erorbert hatte, wies darauf hin, dass rund 100 Mio Forint von Pécser Bürgern und
Unternehmen für diverse Aktivitäten gespendet wurden.
Schwerpunkte werden 2010 ein Romafestival sein, bei dem es interessant sein wird,
inwieweit es auf die hasserfüllten Debatten im Lande und die tatsächliche Problematik mit dieser größten ethnischen Minderheit des ungarischen Staatsvolkes
eingeht. Im Juni gibt es ein Internnationales Jugendtreffen, eine "Reise um den Halbmond" beleuchtet die türkische Zeit, die man übrigens in Istanbul live erleben
kann. Weiterhin gibt es einen Rockmarathon, das FolkandRoll Festival, Outdoor Games, Tage der Universität und das CinePécs, ein Filmfestival. Viele Ecken der
Stadt wurden aufgehübscht, das Zsolnay Zentrum z.B. soll zum kreativen Mittelpunkt der Künstler werden.
Kommentar
Kulturstadt im Kulturkampf
Tatsächlich hat Pécs, an der jahrhundertelangen Grenzen zwischen Orient und
Okzident gelegen, zumindest eine multikulturelle Vergangenheit. Die Osmanen waren hier am längsten, die Donauschwaben nennen die Stadt Fünfkirchen,
slawische Einflüsse sind sichtbar. Die Gegenwart sieht aber schon prosaischer aus. An der serbischen Grenze wurden zu Kriegszeiten Waffen und Benzin geschmuggelt,
deutsche Einflüsse beschränken sich auf Erinnerungen und Tanzgruppen. Die Reste einer Moschée, die zur Kirche rekonquistiert wurde und in deren Halbmond man das
Kruzifix stieß, war die katholische Antwort auf Multikulturalität. Ansonsten ist Pécs heute eine ganz normale ungarische Stadt, vielleicht die schönste.
Das Mediterrane zieht man aus der toskanisch anmutenden Hügelumgebung, den
Hängen und Ecken des Mecsek-Gebirges, dem Weinbau, Mandelbäumen und einer hier siedelnden Papageienart. Die örtliche Gastwirtschaft hatte bisher jedoch
enormes Talent, jedes mediterrane Gefühl schnellstens zu vertreiben. Ansonsten ist Pécs von 9 bis 22 Uhr ein angenehmes charmantes Städtchen, mit
Jugendstilambiente sowie antiken und barocken Einsprengseln, studentischem Flair, zurückhaltender Urbanität und vielen Ausflugsgründen, und ja, einem leichten Hauch Exotik.
Die ehemalige Moschée, in deren Halbmond ein Kreuz gerammt wurde. Mit besten Grüßen vom Vatikan.
2010 wird die Stadt unnötigerweise zur Weltstadt demoliert. Man tut ihr damit
eigentlich keinen Gefallen und Ungarn sich wieder einmal selber weh, da man gegen Essen/Ruhr und Istanbul schon quantitativ auf der Strecke bleibt (auch wenn "Essen
und die Ruhr Europas" nichts sehr appetitlich klingt). Istanbul ist Multikulti und tatsächlich mediterran und Essen samt Ruhrgebiet einfach 20 Mio Einwohner groß
und liegt bei Frankreich, Belgien, Holland. Wo liegt Pécs?
Die gerührten Werbetrommeln werden ein kulturell verwöhntes Eventpublikum locken
und zum Teil enttäuschen, weil die Ungarn die Schönheiten ihres Landes eigentlich für selbsterklärend halten, die sich ohne weitere Formung und Begleitung über den
Besucher ergießen müssten. Ihr Nationalstolz ist teilweise so absurd, dass man ihn einem patriotisch-dekonstruierten Fremden ohnehin nicht erklären oder erfühlen
kann. Der soll sich mit den Klischées abfinden, zahlen und keine weiteren Fragen stellen.
Wenn Pécs 2010 Kulturhauptstadt wird, tobt im Land die vorerst letzte Schlacht
eines erbitterten Kulturkampfes. Und die Auswirkungen der Wirtschaftskrise, die in Ungarn schon vor ihrem Ausbruch von einer allumfassenden Gesellschaftskrise
begleitet war, wird die größte Zahl der Opfer in Form von Arbeitslosen, Diffamierten und Deformierten hervorgebracht haben. Wie wichtig ist Kultur da als Tröster,
Kommunikator, Sinnstifter? Überlebenswichtig. Doch hier steht sie schon selbst auf dem Spiel.
Und die Events, die wir heute als Kultur bezeichnen, erreichen ohnehin nur jene als
gewinnbringenden Genuss, die sich um das Überleben nicht sorgen müssen, es sei denn Überleben ist ihre Kunstform. Die Frage, ob Ungarn als Repräsentant
europäischer Kultur derzeit überhaupt qualifizert ist, stellt sich zwar, muss aber positiv beantwortet werden. Europa ist mehr als die Summe seiner Teile. Um das
Ganze aber zu sehen, muss man eben auch die Teile kennen, gerade dann, wenn sie nicht so schön glänzen, wie sie das selbst gern hätten. Pécs könnte als Kulturstadt
mitten im Kulturkapmf die Hauptstadt des “anderen”, ja des eigentlichen Ungarn werden.
m.s.
www.pecs2010.hu www.ruhr2010.de www.istanbul2010.org
(c) Pester Lloyd
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