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(c) Pester Lloyd / 10 - 2010  GESELLSCHAFT 10.03.2010

 

Standardmodell Sonderschule

Ausgrenzung als Bildungsstrategie: in der Slowakei sollen gesonderte Internate für Roma den Bildungsnotstand der Minderheit bekämpfen

Was auf ihn zukommen könnte, weiß der zu deftigen Worten neigende Regierungschef Robert Fico ziemlich genau. Wenn die Slowakei ihr Projekt von gesonderten Romainternaten in die Tat umsetzt, "dann werden sich alle die aus dem Menschrechtsbereich über uns hermachen...". - Doch das gleichermaßen absurde wie einleuchtende Projekt, entsprungen der wahlkampfgesteuerten Hilflosigkeit eines gutmeinenden Populisten, enthält eine traurige Wahrheit, die gefährlichen Charme entwickeln wird.

Die Idee ist so einleuchtend wie absurd. Für die Einführung von Internatsschulen für Roma spricht, dass die Kinder hier von speziell augebildetem Personal, womöglich nach speziellen Lehrplänen, unbelästigt von sozialen Spannungen mit Mitschülern und auch entnommen den armseligen Verhältnissen zu Hause, lernen - sowie, durch das Internatsleben, allerlei weitere soziale Kompetenzen erwerben könnten. Pilotprojekte sollen bald starten, die Teilnahme ist - vorerst - freiwillig.

Kindliche Romakunst. Von diesen Motiven dürfen sich die neuen
Internatsschüler im slowakischen Modellprojekt bald verabschieden.
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Der Premier sieht die Sache so: "Die Slowakei hat zwei Alternativen. Entweder kann sie die Roma-Gemeinschaft ihrem heutigen Zustand überlassen, wodurch eine weitere, mehrere Tausend Mitglieder zählende Schicht entstehen wird, die nicht fähig sein wird, sich in die Gesellschaft einzubringen" oder sie könne jetzt mit der Erziehung junger Menschen in diesen Internatsschulen beginnen. Fico räumt dabei ein, dass "die Romaproblematik" ein "äußerst komplexes Thema" sei, mit dem sich die künftige Regierung in den kommenden vier Jahren wird auseinandersetzen müssen. Warum neben den Internaten als Alternative nur das "Sichselbstüberlassen" zur Verfügung stehen sollte, sagte Fico leider nicht.

Der Premier erwartet auch von der EU "negative Reaktionen" und mahnt: "Es wird großen Mutes bedürfen und zweifellos werden sich alle aus dem Menschenrechtsbereich über uns hermachen". "Jede atypische Vorgehensweise bei der Lösung der Roma-Problematik wird bestimmt angegriffen", sagte Fico mit dem Nachsatz, dass die Slowakei noch vor der Umsetzung dieses Projekts einen intensiven Dialog mit den zuständigen EU-Organen führen müsse. "Es scheint jedoch, dass es ein anderes System nicht gibt. Es wurde schon vielerlei ausprobiert", betonte er.

Den Biertisch freuts, die Hausfrau lacht - bald sind Wahlen

Offenbar hat Segregation am besten funktioniert, daher macht man sie nun zum zentralen Element der Bildungsoffensive für die Roma in der Slowakei? Das Modellprojekt hat einen nicht zu unterschätzenden Charme für alle jene, denen Integration zu umständlich und die eigene Bevölkerung zu intolerant und zu wenig belastbar für soziale Problematiken erscheint. Man steckt die Bagage ein paar Jahre ins Lager, am Ende kommen gekämmte Slowaken wieder heraus. Internat ist die freundliche Umschreibung für eine Sonderschule als Standardmodell. Den Biertisch freuts, die Hausfrau lacht, - in der Slowakei wird bald gewählt.

Einige Fragen, die Fico nur anschnitt, müssen aber schon noch etwas genauer gestellt werden: Werden die Kinder in die insulanische Glückseligkeit zwangseingewiesen, so wie sie zuvor mitunter pauschal für geistesgestört und in Sonderschulen gesteckt wurden? Angeblich ist das Projekt freiwillig, aber was sind dann die Alternativen? Wieder die Sonderschulen? Betrifft das Internat nur die Grundschulzeit oder geht der parallelle Bildungsweg bis ins Gymansium, wird es bald eigene Romahochschulen geben? Wann stoßen die "Sonderschüler" wieder auf das richtige Leben? Welche psycho-sozialen Auswirkungen hat ein Internatsleben auf sechs- bis zehnjährige Roma, die bekanntermaßen traditionell besonders im Familienverband verankert sind? Denken wir nur an die Internate für die "First Nations" im Kanada der 60er bis 80er Jahre des 20. Jh. als man aus "dreckigen Rothäuten" brave Christenmenschen machen wollte. Es muss in der Slowakei nicht einmal so krass zugehen, um zu erkennen, dass in solchen Internaten zwar einige kluge Abgänger großgezüchtet werden können, daraus aber keine freie und selbstverantwortliche Minderheit entsteht.

Der diskrete Charme der Internierung

Vizepremier Dušan Čaplovič, zuständig für Europa-, Minderheits- und Menschenrechtsfragen, bei dem Fico Anfang der Woche zu einem seiner berühmt-berüchtigten "Kontrollbesuche" auftauchte, sagte, dass er bei den Gesprächen mit Vertretern der EU-Kommission sowie des Europarates "bei manchen auf offene Türen" gestoßen sei. "Ihnen wird bewusst, dass dieses Problem gelöst werden muss", sagte er. Er hielt gleichzeitig fest, dass er den Vorschlag, Internatsschulen einzurichten, auch mit einigen Roma-Organisationen konsultiert habe, die ihn unterstützen.

Die Roma-Kinder, so Čaplovič, würden dort mit Einverständnis ihrer Eltern und Großeltern erzogen werden. "Wir wollen niemandem etwas aufzwingen. Gehen wir den Weg der Pilotprojekte. Lasst uns aber endlich anfangen, denn nur Geld in die Roma-Siedlungen zu pumpen bringt uns nicht weiter", unterstrich er. Die einzige Möglichkeit für eine Systemänderung sehe er in der Erziehung. "Es bedarf auch des Verantwortungsgefühls der Eltern und ich glaube, dann werden die Dinge in der Slowakei anfangen sich zu ändern", sagte er.

Genau in dieser traurigen Wahrheit, der Realität einer Prallelgesellschaft, liegt der gefährliche Charme dieses Projektes, in dem das eher feindliche Nebeneinander staatlich legitimisiert wird. Weil das Problem drängend ist und es tatsächlich bisher keines der integrativen Modellprojekte zur Flächentauglichkeit geschafft hat, wird die Idee, von der Mehrheitsgesellschaft getrennte Romainternate zu errichten, auf breiten, zustimmenden Widerhall treffen.

Weil es keine schnell realisierbaren Alternativen gibt, wird Internierung und Ausgrenzung zu einer sauberen Lösung erklärt und als solche akzeptiert werden. Das ist eine gesellschaftliche Kapitulationserklärung. Fico macht sein Dilemma immerhin sichtbar, viele andere verstecken sich immer noch hinter politisch korrekt klingender Heuchelei und glauben, es wäre schon ein Fortschritt nicht mehr Zigeuner zu sagen. "Die alle aus dem Menschenrechtsbereich" sind jetzt an der Reihe. Wir bitten, im Interesse der Roma, neben Entrüstung auch gangbare Alternativen vorzubringen.

-red / M.S. / TASR

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