(c) Pester Lloyd / 06 – 2009 WIRTSCHAFT 07.02.2009
„Der Westen versteht die Energielage im Osten nicht“
Nabucco-Projekt – ein Schlag ins Wasser?
„Die 15 alten Mitglieder der EU sind nicht wirklich vom russischen Gas abhängig. Die entsprechenden Lieferungen machen nur weniger als ein Drittel ihres Bedarfes aus. Daher versteht Westeuropa die kritischen Energiesorgen der Neuen nicht wirklich.“ Das meint Péter Kaderják, Leiter des Regionalen Energieforschungszentrums der Corvinus Universität. Laut dem Fachmann, der führende Funktionen in der Fidesz-Regierung innehatte, behindert auch das besondere deutsch-russische Verhältnis den Bau der Nabucco-Gasleitung.
Dabei bezeichnete er die Diskreditierung der Ukrainer, bzw. die weitere Destabilisierung dieser einstigen Sowjetrepublik als russisches Ziel der jüngsten Gaskrise. Moskau habe damit auch die Reaktionen der EU testen wollen, um die weitere Strategie anzupassen. Nun, „die westliche Reaktion war, gelinde gesagt, nicht ausreichend“, befand Kaderják. Die EU habe weder mit der Einfrierung von russischen Bankkonten gedroht, noch mit der Verhinderung der russischen Aufnahme in die Welthandelsorganisation WTO. Die bloße Entsendung von Beobachtern sei gravierend bedeutungslos gewesen. Auch habe niemand erklärt, dass unverzüglich mit dem Bau der Nabucco-Pipeline begonnen werde. Zu dieser Passivität sei auch Deutschlands stille Assistenz notwendig, sagte der Ökonom. Die wirtschaftlichen Kontakte seien sehr eng – Gasprom und Ruhrgas kaufen beispielsweise die baltischen Gasleitungen gemeinsam auf. Deutschland hätte viel mehr zu verlieren als die Franzosen oder die Italiener.
Der Ökonom bezeichnete es als richtig, dass die ungarische Regierung unlängst die internationale Konferenz über Nabucco einberufen hatte, auch wenn dort nur wenig geschehen sei. Das Angebot der Europäischen Investitionsbank, 25 Prozent der Baukosten zur Verfügung zu stellen, sei mit unzähligen Bedingungen verbunden, während die 250 Mio. Euro-Offerte der EU für das Milliardenprojekt eher symbolisch ausfalle. Der französische Präsident Nicolas Sarkozy hatte noch im Dezember als EU-Ratspräsident das 200 Mrd. Euro Projekt zur Belebung der Wirtschaft lanciert. Nabucco hätte das Flaggschiff dieses Projekts werden können. Doch werde es weiterhin als ein Plan des Privatkapitals angesehen, obwohl es eine strategische Bedeutung habe. Praktisch sei in Budapest nichts Wesentliches geschehen, so der Experte.
Péter Kaderják ist auch der Meinung, dass Ungarn sich viel mehr um eigene Diversifizierungsmaßnahmen bemühen sollte. Vierzig Prozent des importierten Erdgases würden für die Heizung von Wohnungen benutzt. Durch bessere Isolierung, den Gebrauch von Holz, Biomasse oder sogar Kohle könnte viel Gas gespart werden.
In dieselbe Kerbe schlug die Zivilorganisation Védegylet. Die Grünen wiesen darauf hin, dass der Bau von Nabucco nicht die einzige und auch nicht die beste Möglichkeit sei, die Abhängigkeit vom russischen Gas zu verringern. Viel zielführender wäre eine Umsetzung von EU-Richtlinien, denen zufolge bis 2020 eine Energieersparung von 20 Prozent zu erreichen und der Anteil der erneuerbaren Energien im Verbrauch auf 20 Prozent zu seigern sei. Die Kapazität von Nabucco werde die Abhängigkeit nicht entscheidend ändern. Der Schwerpunkt sollte in einem Land, in dem ein durchschnittlicher Haushalt doppelt so viel Energie verbraucht wie ein österreichischer, vor allem auf dem Energiesparen liegen.
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