(c) Pester Lloyd / 11 – 2009 GESELLSCHAFT 11.03.2009
Klein das Land, groß der Kummer
20 Jahre nach der Wende ist die soziale Lage in Ungarn bedenklich
Armut und Perspektivlosigkeit. Wenig Hoffnung auf Änderung und eine sich immer tiefer spaltende Gesellschaft. 20 Jahre nach der politischen Wende ist Ungarn in einem tragischen Zustand. Viele Menschen hat der Transformationsprozess auf der Strecke gelassen. Kinder und junge Menschen trifft es dabei am härtesten – und dies in einem Land, das nicht gerade für seinen Optimismus bekannt ist, wie das Euro-Barometer Jahr für Jahr untermauert.
Dass die Dinge in die falsche Richtung laufen, dachten im Herbstbericht 2008 satte 74 Prozent. „Woran es vor allem mangelt, ist das Vertrauen in den Staat“, findet die Soziologin Zsuzsa Ferge (Foto), die sich bereits seit längerer Zeit mit dem Problem der Kinderarmut auseinandersetzt. Kinder und Jugendliche in Ungarn sind gegenwärtig am ehesten von Armut betroffen. Laut Statistiken aus dem Jahr 2007 sind es 19,1 Prozent der unter 15-jährigen und 17,9 Prozent der 16- bis24-jährigen. Schwierig gestaltet sich die Lage für Bewohner ländlicher Gegenden sowie für kinderreiche Familien – und damit natürlich für die Roma-Minderheit.
Im VIII. Budapester Bezirk, in der Józsefváros, arbeitet die Lehrerin Anita. 80 Prozent ihrer Schüler stammen aus Roma-Familien, viele davon aus einem sozial schwachen Umfeld. Die meisten Eltern sind arbeitslos oder arbeiten als Reinigungskraft oder Verkäufer. Es ist auch dieser Hintergrund, von dem die Kinder geprägt werden. „Besonders problematisch ist es, wenn auch die Eltern eher bildungsschwach sind“, findet Anita. „Dann ist es für die Kinder schwer aus diesem Kreis und Umfeld auszubrechen.“ Verpflegung, Bücher und auch Musikausbildung, dafür sorgt die Schule. Es liegt aber ebenso an den Pädagogen, begabte Kinder aus sozial schwachen Familien zu fördern. „In Gesprächen mit den Eltern weisen wir darauf hin, dass sie Grund haben stolz zu sein und auf die positive Entwicklung des Kindes aufpassen müssen, da es einfach die Chancen für eine bessere Zukunft hat“, so Anita. Und Hoffnung auf eine bessere Zukunft ist in Ungarn schon nicht mehr selbstverständlich.
Eine Frage des Vertrauens
Armut, Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit. In der vermeintlich lustigsten Baracke im Lager waren das keine Themen. Heute ist die soziale Situation mit einer Arbeitslosenquote von 8,4 Prozent eine tragische und die Unzufriedenheit mit dem Staat groß, wie die niedrige Steuermoral der Ungarn zeigt. „Je schlechter der Staat für seine Bürger sorgt, umso weniger sind jene geneigt, Steuern zu zahlen. Das ist kein spezifisch ungarisches Problem. Wir sind in dieser Hinsicht nichts besonderes, nur schlimmer“, sagt Professorin Ferge. „Dieser Teufelskreis ist schwer aufzuhalten, wobei ich schon häufig gesagt habe, dass es eine Aufgabe des Staates wäre, seine öffentlichen Verantwortungen ernst zu nehmen, sonst entfernen wir uns noch mehr von den weiter entwickelten Ländern in Europa.“
Einige Initiativen versuchen Abhilfe zu schaffen. Das staatliche Programm Legyen jobb a gyerekeknek (Möge es den Kindern besser gehen) soll in einem Zeitraum von 25 Jahren die Kinderarmut merklich verringern. „Wir haben die Grundsätze ausgearbeitet und Fallstudien erstellt – mit sehr guten Ergebnissen“, so Zsuzsa Ferge. Mit einem anderen Programm namens Út a munkához (Weg zur Arbeit) hat sie jedoch ein Problem. „Mir gefällt die populistische Ideologie nicht, die dahintersteht. Sie geht von der Frage aus, warum arme Menschen nicht arbeiten.“ Der Staat übergibt die Aufgabe Arbeit für jene zu finden an die Selbstverwaltungen. Mit der finanziellen Unterstützung des Staates können aber effektiv Arbeitsstellen für gerade ein Viertel oder ein Drittel der Arbeitssuchenden geschaffen werden.
Umdenken auslösen
In einem kleinen Büro im IX. Budapester Bezirk Ferencváros leitet Izabella Márton mit ihrer Kollegin Ágnes Sztankovics das Magyar Szegénység Ellenes Hálózat (Ungarisches Netz gegen Armut). „Seit einigen Jahren ist die Tendenz zu beobachten, dass die Zahl der Armen immer weiter steigt“, so Izabella. „Momentan kann man von 12 bis 13 Prozent der ungarischen Bevölkerung reden.“ Seit der Gründung 2004 setzt sich das Netz die Verringerung der Armut in Ungarn zum Ziel. Gegenwärtig sind 94 Organisationen Mitglied, darunter auch das Rote Kreuz. Trotz regelmäßiger Konsultationen mit Regierungsvertretern bleibt der Einfluss auf politische Entscheidungsprozesse gering.
Von Entmutigung aber keine Spur: „Wir wollen etwas aufbauen, die Interessen der Armen vertreten, informieren und auch das Selbstbewusstsein der ärmeren Bevölkerungsschichten stärken.“ Die Organisation selbst ist Mitglied im Europäischen Netz gegen Armut, in dem 24 Länder vereinigt sind. Die Europäische Kommission hat das Jahr 2010 zum „Europäischen Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung“ ernannt. Eine Kampagne im Umfang von 17 Millionen Euro soll die Selbstverpflichtung der Europäischen Union (EU) unterstreichen, einen wesentlichen Beitrag zur Armutsbekämpfung bis 2010 zu leisten. Auch Izabella Márton hofft, durch viele Partnerschaften und gemeinsame Projekte, nicht zuletzt mit den Medien, ein Umdenken in den Köpfen der Leute herbeizuführen.
Ebenso sollen die Armen selbst mehr über ihre eigene Situation nachdenken. „Wir sind keine Organisation, in der einige „Große“ sagen, wie es laufen soll, sondern die Zusammenarbeit steht im Mittelpunkt.“ Dies käme vor allem den Kindern zugute. Chancengleichheit gab es nie, doch heutzutage ist die Kluft größer geworden. Von denen, die bereits zu Beginn der Schulzeit Probleme haben, erlangt ein nicht unbeträchtlicher Teil – etwa 20 Prozent pro Jahrgang – keinen marktfähigen Abschluss. Dadurch verschlechtern sich automatisch auch ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt und das offene Europa bleibt ihnen verschlossen.
Während die Talentierteren gefördert werden, bleiben die Lernschwachen auf der Strecke. „Das ungarische Ausbildungssystem fördert die Ungleichheit eher, anstatt sie zu verringern“, kritisiert Izabella. Segregation verschärft sich Für István György Tóth, Leiter eines Projekts des Tárki-Forschungsinstituts, das im Zeitraum von 1992 bis 2007 die Lebensläufe von vier Generationen untersuchte, sind in einem Punkt aber alle Gewinner der Wende, denn sie habe die Demokratie gebracht. „Schließlich kennt die Geschichte kein Beispiel, bei dem ein kommunistisches System ohne Diktatur und Gewalt aufrecht erhalten werden konnte.“
Der Demokratiegewinn war für viele jedoch nicht mit einer Verbesserung der persönlichen Situation verbunden. Von den untersuchten Generationen seien von den vor 1935 Geborenen nur jene Gewinner der Wende, die bereits vorher in guten Positionen waren. Bei den zur Wendezeit 40- bis 55-jährigen hing es davon ab, wie gut sie sich den neuen Umständen anpassen konnten. So finden sich unter ihnen beides, Gewinner und Verlierer. Der Generation, die zur Wendezeit zwischen 20 und 45 Jahre alt war, stand die Welt bereits offen.
Entscheidender Schlüssel zum Erfolg war die Bildung, der familiäre Hintergrund und auch persönliche Beziehungen. Bildung und vor allem Sprachkenntnisse bleiben auch für die jüngste Generation der entscheidende Faktor. Den Besseren winkt eine breitere Perspektive, auch materiell – und den Anderen? Die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise wird der Segregation der armen Bevölkerungsschichten weiter Vorschub leisten, befürchtet Zsuzsa Ferge. „Sie werden nicht nur noch ärmer, sondern ihnen wird auch noch die Hoffnung auf eine Verbesserung ihrer Lage genommen.“
Text und Foto: Sebastian Garthoff
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