(c) Pester Lloyd / 40 – 2010 NACHRICHTEN 07.10.2010
Ungarn: Giftschlamm in der Donau – Premier vor Ort
Am Donnerstag besuchte der ungarische Ministerpräsident, angeblich unangekündigt, die Katastrophenregion rund um Kolontár und zeigte sich geschockt von dem sich bietenden Bild. Während er die Schultern der Helfer klopft, stirbt schon der nächste Fluss, die Giftbrühe ist kurz vor der Donau. Eine grundsätzliche Debatte über Ethos und Umweltstandards wird immer noch vermieden.
„Wäre das in der Nacht passiert, wäre jeder hier gestorben. Es ist so verantwortungslos, dass einem die Worte fehlen“, sagte Viktor Orbán in die Kameras der ihn begleitenden Medien und kam zu dem Schluss, dass ein Wiederaufbau des Ortes eigentlich keinen Sinn hat.
Nach seinem Rundgang resümierte er, „Hier kann man nicht leben. … Wir werden wohl ein neues Wohngebiet errichten müssen, der alte Ort wird für immer ein Mahnmal bleiben.“ Und für die, die nicht hier bleiben wollen, muss es HiIlfen geben, dass sie anderswo einen Neustart machen können. Medienshow á la Putin?
Gleichzeitig erklärte er, dass man die Verantwortlichen juristisch zur Verantwortung ziehen werde und die Betroffenen entschädigt werden müssten. Dazu sei man unter anderem auch mit dem früheren Gouverneur von New York, George Pataki im Gespräch, um eine Stiftung einzurichten, über die Spenden aus dem Ausland gesammelt werden könnten. Im gleichen Atemzug sagte Orbán, dass „Ungarn stark genug ist, um diese Krise selbst zu meistern“. „Wir brauchen keine ausländische Finanzhilfe“, da die EU aber nunmal einen Fonds für solche Fälle habe, „hat Ungarn auch das Recht davon Gebrauch zu machen.“
Was, außer einer Medienshow genau der Sinn des Besuches von Orbán vor Ort gewesen sein soll, erschloss sich niemandem. Der Auftritt in Gummistiefeln und Betroffenheitsmiene sowie die Absonderung einiger kerniger Sprüche im Stile Putins, hatte keinen Deut´ zur Aufklärung beigetragen, zumal das Problem sich mittlerweile in andere Reginen verlagert hat und die Bewohner ohnehin entschlossen sind, die Gegend zu verlassen.
Tieferliegende Ursachen will man noch nicht diskutieren
Neben der Kritik daran, dass das Katastrophenmanagement des Staates zu spät angesprungen ist, wird bisher vor allem eine Debatte über umweltsichernde Grundstandards in Ungarn vermieden. Selbst die Regierung musste zugeben, dass Werk und Becken gerade vor zwei Wochen beanstandungsfrei kontrolliert worden sein sollen. Die offiziellen Mitteilungen der Magyar Alumínium AG, dass man stets alles für den Umweltschutz getan habe, sich an die EU-Normen halte, wonach der Rotschlamm nicht als “giftiger Abfall” klassifiziert ist und eine Traueranzeige auf der Webseite, die den Angehörigen wegen der “Naturkatastrophe” kondoliert mit dem Angebot von 400.- EUR Soforthilfe, ist nicht der Einzelfall eines zynischen Managements, sondern ehrlicher Ausdruck der Grundeinstellung des Kapitals gegenüber Mensch und Natur. Allein der Gedanke, dass es in Ungarn noch rund 40 weitere ähnliche Anlagen gibt, stimmt ängstlich. Auf einer Bürgerversammlung machte sich die ganze Wut der Betroffenen Luft, das Fahrzeug eines Managers der MAL AG musste kräftig Gas geben, um dem Volkszorn zu entgehen.
Die Marcal hat man zum Tode verurteilt
Während der Premier seinen Rundgang machte, hat die todbringende Rotschlammflut auch den Fluss Marcal heimgesucht und auf ihrem Weg praktisch die komplette Flora und Fauna ausgerottet. Die Helfer vor Ort sprechen davon, dass die Fische binnen Minuten nach dem Kontakt mit der Brühe verenden. Alle Kräfte versuchen jetzt mit Gipspulver und Säure den Giftschlamm zu binden bzw. den ph Wert von 10-13 weiter zu drücken. Dass dabei auch kein sauberes Wasser entsteht, weiß jeder, der im Chemieunterricht anwesend war. Den Fluss Marcal hat man, so drückt es ein Helfer aus, „zum Tode verurteilt“, um Raab und Donau vielleicht zu retten. Mittlerweile ist das Gift bis in die Mosoni-Donau vorgedrungen, ein Seitenarm der Donau, zwar sinkt der alkalische Gehalt, doch Schäden auch in dem großen europäischen Strom kann niemand mehr ausschließen. Auch die Raab wurde Donnerstagmittag erreicht.
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06.10. Schuldzuweisungen und Schönfärbereien In Ungarn beginnt die Aufarbeitung der Umweltkatastrophe ZUM BEITRAG + UPDATE 2 / UPDATE 3
05.10. Todbringender Schlamm Tödlicher Chemieunfall in Ungarn wird zum ökologischen Super-GAU ZUM BEITRAG
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