(c) Pester Lloyd / 40 – 2010 NACHRICHTEN 06.10.2010

Schuldzuweisungen und Schönfärbereien
In Ungarn beginnt die Aufarbeitung der Umweltkatastrophe – MIT VIDEO UPDATE 06.10., 7:35 Uhr
In und rund um Kolontár und Devecser herrscht giftrotes Chaos. Die Bürger sehen dort keine Zukunft. Während der Staatspräsident Verletzte und Hinterbliebene tröstet, beschwichtigt der Premier und lobt die Hilfen. Politiker schießen sich auf die Aluminiumwerkeein und werfen dem Management Pflichtverletzungen und Zynismus vor.
Unser Bericht zur “Tödlichen Schlammlawine ”
Präsident besuchte Opfer
Der ungarische Staatspräsident Pál Schmitt besuchte am Dienstagnachmittag Angehörige der vier in den Fluten Verstorbenen. Dabei handelt es sich um einen 35jährigen Mann, der in seinem Auto ertrank, eine ältere Frau und zwei Schwestern, ein und drei Jahre alt. Sechs Personen werden noch vermisst, es ist aber nicht sicher, ob sich alle zum Zeit des Unglücks in den Orten aufhielten. Viele der Verletzten werden im Budapester Militärhospital behandelt, auch sie suchte der Präsident auf und bedankte sich gleichzeitig bei den Hilfskräften. Ministerpräsident gibt Entwarnung, Innenminister empfiehlt dem Firmenchef ein Bad
Ministerpräsident Viktor Orbán sprach am Abend im Fernsehen vorsichtig von “menschlichem Versagen” als Verursacher der Katastrophe, da man natürliche Umstände “nach jetzigem Wissensstand” ausschließen könne. Auch Orbán lobte die Kooridinierung und die Hilfseinsätze kritikfrei und schloss eine radioaktive Belastung aus. Etwas handfester drückte sich Innenminister Sándor Pintér aus. Er reagierte auf eine Äußerung des Vorstandes der Magyar Alumínium, wonach der Schlamm gar nicht giftig sei, indem er diesem empfahl: “er könne in der Brühe ja einmal baden, um zu sehen, ob sie giftig ist oder nicht.” Pintér wies auf den Umstand hin, dass das Unternehmen praktisch keine Versicherungsabdeckung hat, man aber dafür sorgen werde, “dass jeder ein Dach über dem Kopf hat”.
Bürgerversammlung: Totes Land
Sehr frustriert und resigniert verlief eine erste Bürgerversammlung in einem der betroffenen Ortschaften. Trotz der Reden von Regierungs- Komitatsvertretern über einen “Wiederaufbau” erklärten die meisten Bewohner, keine Zukunft in der alten Heimat zu sehen. Einige Bauern sprachen Klartext: “Unsere Orte sind totes Land, die Tiere tot, Landwirtschaft auch in der kommenden Generation nicht möglich. Die Häuser, selbst wenn nicht zerstört, sind nichts mehr wert. Jeder sollte versuchen, zu verschwinden.”
Notmaßnahmen ausgeweitet – zögerliche Debatte über Behördenversagen und Umweltstandards
Der Notstandsalarm wurde am Dienstagnachmittag von den drei nordwestungarischen Komitaten noch auf den Fluss Marcal, den Zufluss Torna sowie das Westtransdanubische Trinkwasserreservoir ausgeweitet, am Mittwoch erscheint auch die Belastung von Raab und Donau als unausweichlich.
Der Aktionismus der ungarischen Behörden hat sich am Dienstag zwar verstärkt, doch wird die Frage immer lauter gestellt, ob das Katastrophenwarnsystem versagt hat, da das Gros der zentralen Rettungsmaßnahmen erst Montagabend bzw. am Dienstag ergriffen worden ist, der Unfall sich aber bereits am Mittag ereignete. Über mutmaßlich zu laxe Kontrollen, nicht ausreichende Versicherung etc. wird bisher nur am Rande diskutiert, doch vielleicht ensteht in der Öffentlichkeit nun – auch aufgrund der tragischen Todesfälle – ein höheres Bewußtsein für Umweltthemen, das in Ungarn auf fast allen Gebieten noch deutlich unterentwickelt ist.
Derzeit konzentriert man sich auf die Neutralisierung der ätzenden Lauge, die aus Metall- und Schwermetalloxiden besteht und als krebserregend und leicht radioaktiv eingestuft wird. Damit soll vor allem eine weitere Katastrophe in den Flüssen Raab und Donau verhindert werden. In einem zweiten Schritt müsse das gesamte Erdreich der Region abgetragen werden, erst danach kann man wirklich mit der Renaturasierung beginnen. Kaum abbaubares Abfallprodukt der Aluminiumproduktion
Der Rotschlamm ist ein Abfallprodukt der Aluminiumerzeugung und kaum abbaubar, die Stoffe sind nicht wasserlöslich. Der Staatssekretär für Umweltschutz, Zoltán Illés, der die Notmaßnahmen der Umweltkatastrophe bei dem Aluminumwerk koordiniert, meint, dass praktisch die gesamte Flora und Fauna auf rund 40 Quadratkilometern vernichtet worden ist. Er hat einen sofortigen Produktionsstopp beim Verursacher, der Ungarischen Aluminium AG, MAL, angeordnet. Das Unternehmen solle alle Kapazitäten auf die Schadensbeseitigung konzentrieren. MAL habe nach der Havarie am Montag die Produktion fortgesetzt.
Erst 24 Stunden nach Beginn der Havarie meldete sich das Betreiber-Unternehmen Magyar Alumínium Rt. mit einer Mitteilung über ihre Webseite www.mal.hu zu Wort. Dabei drückt das Management zwar das „tiefste Bedauern und Beileid“ aus, spricht aber tatsächlich von einer „Naturkatastrophe“ und davon, dass laut Luftaufnahmen mehr als 95% des Rotschlamms (so nennt man die Abwässer der Aluminiumproduktion) im Becken verblieben seien. Die Schuldfrage werde gerade durch Experten geklärt. Außerdem, so das Unternehmen, wird Rotschlamm „laut EU-Norm nicht als gefährlicher Abfall“ eingestuft. Gewöhnlicherweise besteht die rote Brühe aus bis zu 45% Eisenoxid, sowie Aluminiumoxid, Siliziumoxid, Calciumoxid, Titanoxid und Soda.
Schwere Vorwürfe gegen das Management
Laut Illés besteht mittlerweile der Verdacht, dass es wegen Überfüllung des Rotschlammbeckens zum Dammbruch gekommen war. Auch die sonst übliche Einteilung in trennbare Becken war nicht vorschriftsgemäß. Das Unternehmen behauptete in einer ersten Aussendung das Gegenteil, nämlich, dass man sich an alle Vorschiften gehalten habe“. Einer ersten Schätzung nach, werden die Aufräumkosten mindestens 10 Milliarden Forint (ca. 35 Mio EUR) betragen, eine Summe, die von der MAL umgehend als „übertrieben“ zurückgewiesen wurde. Angeblich war das Unternehmen nur für Schäden von maximal 35.000 EUR versichert. Die Behörden haben strafrechtliche Ermittlungen aufgenommen, zudem sollen die wirtschaftlichen Hintergründe der von ungarischen Investoren betriebenen Aluminiumhütte durchleuchtet werden, weil der Verdacht besteht, das Management könnte sich durch Off-Shore-Konstruktionen notfalls aus dem Fall verabschieden.
Versicherungen wollen unbürokratisch helfen
Mehrere in den Fall involvierte Versicherungsunternehmen, darunter die Großkonzerne AEGON und Allianz haben unbürokratische Soforthilfen, vor allem für die betroffenen Einwohner der überschwemmten Ortschaften versprochen, auch wenn die Haftung und die Schadenshöhe noch ermittelt werden muss. So werden sofortige kostenlose Begutachtungen angeboten, damit die Bewohner mit den Aufräumarbeiten umstandslos beginnen könnten, ohne spätere Minderungen bei der Schadensregulierung zu riskieren. Eine Sofortauszahlung für Betroffene in Höhe von 100.000 Forint (ca. 350.- EUR) wurde auch angeboten. Einige Hundert Einwohner der Ortschaften werden noch einige Tage bei Verwandten oder in Hotels unterkommen müssen, bis die Straßen und Grundstücke wieder begehbar sind. Rund 280 Häuser gelten als schwer beschädigt.
Information der Magyar Alumínium Rt. (engl.)
http://deutsch.mal.hu/engine.aspx?page=showcontent&content=Vorosiszap_HIR_DE
Unser monatlicher Nachrichtenspiegel: die wichtigsten Meldungen aus Ungarn und Mitteleuropa, einmal im Monat per E-Mail. Kostenlos, kein Spam, jederzeit abbestellbar.
Nachrichtenspiegel kostenlos abonnieren





