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Die Deutschen Bühne Ungarn in Szekszárd

(c) Pester Lloyd / 04 – 2011 KULTUR 27.01.2011

Die Deutschen Bühne Ungarn in Szekszárd
Die Deutschen Bühne Ungarn in Szekszárd
Die Deutschen Bühne Ungarn in Szekszárd

Zwischen Welten und Zeiten

Die Deutschen Bühne Ungarn in Szekszárd

Im Gegensatz zu den meisten wichtigen Kulturinstitutionen Ungarns befindet sich das Zentrum für ungarndeutsches Theater, die Deutsche Bühne Ungarn, nicht in Budapest, sondern im Süden des Landes, im Städtchen Szekszárd. Eingebettet in eines der größten und kontinuierlichsten Siedlungsgebiete der Deutschen in Ungarn, ist das Theater eine der zentralen Institutionen zur Pflege der deutschsprachigen Kultur im Land. Zukunftsträchtiger Kulturvermittler und Sprachlehrer sowie Sachwalter einer untergehenden Kultur in einem.

Die Deutsche Bühne im ca. 150 km von Budapest entfernten Szekszárd, das bekannt ist für seine exzellenten Weine, ist mittlerweile seit 25 Jahren das einzige feste Theater Ungarns in deutscher Sprache. Zum Zeitpunkt der Gründung war die deutsche Sprache nach dem schweren Bruch durch den Zweiten Weltkrieg und den daraus folgenden Vertreibungen auf dem Weg, sich wieder in allen wichtigen Lebensbereichen wie Kindergärten, Schulen und öffentlichen Bibliotheken als Minderheitensprache zu etablieren, mit dem „Deutschen Kalender“ und der „Neuen Zeitung“ sowie einem Radioproramm, später auch einem Fernsehkanal, hatten sich deutschsprachige Medien entwickelt. Auch wenn die Assimilisation der jüngeren Generation insgesamt in Ungarn nicht aufzuhalten war und ungarndeutsche Kinder und Jugendliche heute Deutsch zum großen Teil als Fremdsprache erlernen, blieben die Gegenden in und um Szekszárd und Pécs, also der Tolnau (Tolna) und der Branau (Barany) in geringerem Maße auch Solymár hinter Buda, die Zentren des originären „Deutschtums“ in Ungarn, einfach weil dort die Vertreibungen aufgrund wirtschaftlicher Überlegungen nicht so konsequent umgesetzt wurden wie anderswo. Heute bekennen sich in der Region Szekszárd rund 18.000 Menschen als Ungarndeutsche und stellen so rund 7 % der gesamten Minderheit im Lande. Dass es viel viel mehr Ungarn mit deutschen Wurzeln gibt, sieht man an den vielen deutschen Nachnamen von Schmitt über Hoffmann bis Bayer, ganz zu schweigen von den vielen Némeths.

Das Deutsche Theater in Szekszárd begann als es in Budapest verschwand Die ungarische Theatertradition fußt ohnehin auf deutschen Fundamenten, immerhin betrieben die Deutschen in Buda und Pest schon seit dem 18. Jahrhunder mehrere deutsche Theater, in Pest im 19. Jahrhundert sogar zeitweise das größte im ganzen deutschsprachigen Raum mit rund 3.500 Plätzen. Doch die Entwicklungen in Szekszárd verliefen in gewisser Weise anachronistisch. Während Ende des 19. Jahrhunderts, vor allem nach dem Ausgleich und dem Aufschwung Budapests um die Jahrhundertwende das Deutsche immer mehr aus der Hauptstadt verschwand, ja durch eine politisch gewollte und ökonomisch unterstützte Magyarisierungswelle regelrecht verdrängt wurde, hielten sich die deutschen Orte in der Provinz länger und autarker. Und so lässt sich die Entstehtung eines universitär getragenen Reisetheaters in der Tolnauer Gegend just in der Zeit des Niederganges des deutschen Theaters in Budapest beobachten und wurde im ausgehenden 19. Jahrhunderts zu einer Art Flucht- und Schauburg des Deutschen in Ungarn.

Mühen des Anfangs

In der sozialistischen Zeit ein deutsches Theater in Ungarn aufzubauen, war nicht so einfach. Zwar lag die grundsätzliche Genehmigung des Kultusministerium vor und die offizielle Demokratische Vereinigung der Ungarndeutschen sagte ihre Unterstützung zu, doch die zunächst angekündigten ohnehin knappen Mittel wurden nochmals gekürzt, ein Umstand, der zum Lebenslied dieses Theaters gehört. Alle wollen es im Prinzip, doch um die Mittel musste und muss immer gerungen werden. Schließlich fand im Kulturhaus von Szekszárd zum 150. Todestag Goethes am 11.11.1982 eine Art Premiere statt. Im nächsten Jahr bot man bereits Stücke in zwei Sprachen von Heine und Petöfi an.

Den Namen Deutsche Bühne bekam das Theater erst 1989, damit sollte die Bezeichnung „Schaubühne” durch eine zeitgemäßere ersetzt werden. Ihr Ruf und Bekanntheitsgrad als wichtige Institution zur Bewahrung und Förderung konnte gefestigt werden, auch wenn die Qualität der Aufführungen und des Managements mit dem Personal regelmäßig wechselte. Der ungarische Staat unterstützte das Theater über die Minderheitenselbstverwaltung, zuweilen auch direkt, Deutschland schoss für Inszenierungen Mittel zu. 1994 konnte man in das schöne Jugenstilkino umziehen und nicht nur einmal stand das Theater so wie auch seine großen Brüder anderswo durch die verschiedensten äußeren und inneren Gründe am existentiellen Abgrund.

Weitgefasster Spielplan, flexible Bespielung

Die Deutsche Bühne Ungarn bemüht sich, ihre im hyperzentralisierten Ungarn eigentlich ungünstige Lage durch ein breites Angebot zu kompensieren und kommt auch nicht um Budapest herum. Im Gegenteil. Neben den jährlichen fünf bis sechs Repertoirestücken, hält man immer auch zwei in Personal und Ausstattung abgespeckte Varianten bereit, mit denen man auf Tournee gehen kann, nach Budapest und ins Ausland. Das Programm unterliegt keinen Genre-Grenzen, so werden neben klassischen Tragödien und zeitgenössischer Dramaliteratur unter anderem auch Musical- und Operettenvorführungen gegeben, Kabaretts veranstaltet und hochwertige Puppentheater inszeniert. Darüber hinaus werden Zusatzveranstaltungen wie Workshops oder Themenevents zu wichtigen Ereignissen der Theaterbranche und der ungarndeutschen Geschichte angeboten. Intendantin Ildikó Frank

Das Drama im Drama

Letztes Jahr im Oktober fand im Rahmen der Wahl der Stadt Pécs zur Kulturhauptstadt 2010 außerdem das erste Festival des Theaters statt, auf dem ungarische Dramen in deutscher und rumänischer Sprache von drei Ensembles aus dem Ausland aufgeführt wurden. Es gibt einen Austausch mit anderen Theatern, bei Regie und bei den Schauspielern, doch die Substanz stellt das Haus immer noch selbst und spiegelt durch die zu hörende Sprachqualität seiner Darsteller immer auch den aktuellen, soziokulturellen Stand des Ungarndeutschtums. Zwischenzeitlich waren die deutschen Klassiker kaum noch zu verstehen, es war ein echtes Drama.

Man kommt zu dem wohl traurigen, aber kaum zu leugnenden Schluss, dass das Ungarndeutschtum sich heute fast nur noch reproduziert darstellt, der historische Bruch war einfach zu groß, um die Kontinuiität in der Sprachvermittlung, aber auch in anderen Kulturbereichen durch alle Generationen zu tragen. Deutsch ist in Ungarn wieder wichtig geworden, aber Ungarndeutsch ist es eben nicht. Das Ungarndeutsche gehört immer noch zu den akut vom Aussterben bedrohten Kulturspezies und die DBU hegt und fördert, was in seiner Gesamtheit längst als historisch betrachtet werden muss und was nicht zu ändern ist. Das erhöht die Wichtigkeit dieser Institution als eine Art Sprachschule der anderen Art ebenso wie die ihr innewohnende Tragik als Sachwalter eines Reliktes.

Gezielte Sprachförderung durch Zusatzangebote

Die deutsche Bühne hat heute 29 fest angestellte Mitarbeiter, bestehend aus Choreographen und Komponisten, Bühnen- und Kostümbildnern ebenso wie Verwaltungs- und Marketingzuständigen, die zusammen für die Organisation von mindestens drei Vorstellungen pro Woche im Theater, sowie der verschiedenen Gastauftritte und Zusatzangebote sorgen. Hilfe bekommen sieben Regisseure und neun Schauspieler außerdem von Gastschauspielern, welche regelmäßig zu den Aufführungen hinzugezogen werden. Um das Interesse von Kindern und Jugendlichen am Theater zu erhalten und zu fördern, arbeitet die DBU auch mit Pädagogen zusammen und bietet Hilfe bei der Erstellung von Unterrichtsmaterialien sowie der didaktischen Vor- und Nachbereitung des schulischen Theaterbesuchs.

Dazu werden auf Wunsch auch Unterrichtsstunden abgehalten, in denen Schulklassen vor dem Besuch einer Aufführung grundlegendes Theaterwissen vermittelt wird. Für kleinere Kinder zwischen zwei und zehn Jahren gibt es mit dem „Märchen aus dem Koffer” ein besonderes Programm zur Fremdsprachenpädagogik, bei dem der Zugang zur deutschen Sprache mit Hilfe eines zweisprachigen Puppenspiels hergestellt werden soll. Genutzt werden dazu bevorzugt die Märchen der Gebrüder Grimm, momentan wird „Der Froschkönig“ aufgeführt. Zur theaterpädagogischen Förderung arbeitet die Deutsche Bühne außerdem in einem Projekt der Europäischen Union mit Kindergärten, Grundschulen und Gymnasien zusammen.

Laientheatergruppe zum Mitmachen

Jeden Donnerstag finden eineinhalbstündige Proben für die derzeit zwischen neun und dreizehn Jahre jungen Teilnehmer statt, die hier zusammen mit den Schauspielern der DBU und einer Deutschlehrerin theaterpädagogische Spiele durchführen und Stücke einstudieren. Offizielle Vorstellungen des Kindertheaters finden unregelmäßig entsprechend der Motivation und des Fortschritts der kleinen Schauspieler statt. In der letzten Spielzeit arbeitete die Kindertheatergruppe an dem Stück „Das geheimnisvolle Einschlafen der Rosa Dorn“, die Projektion des Märchenklassikers auf eine deutsche Einwandererfamilie im Ungarn der Gegenwart. Bevorzugter Anmeldetermin für die Kindertheatergruppe ist jeweils zum Beginn der Spielzeit im September.

Dumme Bauern und hübsche Frauen, das aktuelle Programm Auch für das erste Quartal 2011 hat die DBU ein abwechslungsreiches Erwachsenen- und Kinderprogramm zusammengestellt. Für Kinder finden Ende Januar jeweils um die Mittagszeit erneute Aufführungen des Märchenspiels „Oskar legt ein Ei“ von Roswitha Zauner statt. Erwachsene kommen in der Komödie Mirandolina nach Carlo Goldoni auf ihre Kosten, die während der gesamten Spielzeit zu sehen sein wird. Eine Besonderheit der Aufführung ist die Inszenierung in drei Sprachen, neben deutsch und ungarisch ist ein Teil des Textes auf rumänisch. Ab Beginn der zweiten Februarwoche unterhält die Deutsche Bühne ihr Publikum mit dem skurrilen Musical Non(n)sens des Amerikaners Dan Goggin aus dem Jahr 1982, in dem fünf sympathische und sehr unterschiedliche Nonnen das Geld für die Beerdigung von 52 ihrer Kameradinnen organisieren müssen, nachdem diese beim Abendessen im Kloster vergiftet wurden. Darüber hinaus befinden sich unter anderem Patrick Süskinds „Der Kontrabass“ und „Der Häßliche“ von Marius von Mayenburg im aktuellen Repertoire.

Alle, denen der Weg nach Szekszárd zu weit ist, können sich beim nächsten Gastspiel in Budapest einen Eindruck der Deutschen Bühne machen. Am 10. Mai um 17.00 Uhr wird das Ensemble im Thalia Theater (Nagymezö utca) mit dem Stück „Frau von früher“ des zeitgenössischen Dramatikers Roland Schimmelpfennig zu sehen sein, welches von Gastregisseur István Szabó K. inszeniert wird. Die Dreiecksgeschichte dreht sich um die junge, verflossene Liebe des Protagonisten, mit der er nach 20 Jahren Ehelebens und inmitten familiärer Umzugswirren wieder konfrontiert wird, bis sich die Situation von der anfänglichen Komik zu einem Rachedrama zuspitzt.

Luisa Stock / red.

Eintrittskarten: Erwachsene 1600 Ft (6.50 €), Kinder, Schüler und Studenten 800 Ft (3.20 €) Kartenreservierung: Montag bis Freitag, 8 -16 Uhr unter 00 36 74 316 533 oder 00 36 70 57 287 44

Deutsche Bühne Ungarn Garay Platz 4 7100 Szekszárd Weitere Informationen: www.dbu.hu

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