Der 23. Oktober 1956 war ein historisch wichtiger Stichtag in der Geschichte Ungarns: Aus einer studentischen Demonstration gegen die kommunistische Herrschaft wurde ein Volksaufstand, der ein wichtiges Zeichen setzte. Nun, 70 Jahre später, feierte die Hauptstadt den Nationalfeiertag in vollen Zügen.
Budapest. Mit einer Gedenkfeier vor dem Parlament, internationalen Gästen und zahlreichen Kulturveranstaltungen hat Budapest am 23. Oktober an den Ungarischen Volksaufstand von 1956 erinnert. Zum 70. Jahrestag stand die Revolution im Mittelpunkt der offiziellen Feierlichkeiten. Die Veranstaltungen begannen am Vormittag mit dem Hissen der Nationalflagge auf dem Kossuth-Platz. Zu den Klängen der ungarischen Nationalhymne wurde sie mit militärischen Ehren gehisst.

Am Nachmittag folgte die offizielle Gedenkveranstaltung, bei der Ministerpräsident Péter Magyar eine Rede hielt. Er bezeichnete die Revolution als eines der bedeutendsten Ereignisse des 20. Jahrhunderts und würdigte die Menschen, die sich gegen die kommunistische Herrschaft und die sowjetische Besatzung erhoben hatten. Dabei hob er insbesondere den Zusammenhalt der Aufständischen und ihren gemeinsamen Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung hervor.
Zugleich erinnerte Magyar an die Niederschlagung des Aufstands sowie an die anschließenden Hinrichtungen und Verfolgungen. Er betonte, dass das Erbe von 1956 auch für die Gegenwart Bedeutung habe, denn Ungarn gehöre zu einem freien und demokratischen Europa. Die Erinnerung an die Revolution dürfe nicht von einer einzelnen politischen Gruppierung beansprucht werden, sondern sei Teil der gemeinsamen Geschichte des Landes. Freiheit müsse nicht nur an Feiertagen gewürdigt, sondern auch im Alltag geschützt werden.

Internationale Gäste im Parlament
Auch auf parlamentarischen Ebene n einer feierlichen Sitzung im Parlament nahmen unter anderem EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, EU-Ratspräsident António Costa und der frühere NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg teil.
Von der Leyen erinnerte an den Mut der ungarischen Jugendlichen, die 1956 den Protest begonnen hatten. Sie betonte, dass demokratische Rückschritte umkehrbar seien und dass die Zukunft der Demokratie in den Händen der Bevölkerung liege. António Costa verwies auf die Bedeutung von Selbstbestimmung und Unabhängigkeit. Die Revolution zeige, dass Demokratien der Tyrannei nicht nachgeben dürften.
Die Teilnahme internationaler Vertreter unterstrich die Bedeutung, die der Aufstand auch über Ungarn hinaus besitzt. Die Erinnerung an 1956 ist eng mit dem Widerstand gegen politische Unterdrückung und dem Streben nach nationaler Selbstbestimmung verbunden.
Fackelzug und die Flamme der Revolution
Bereits am 22. Oktober hatten die Gedenkveranstaltungen begonnen. Am Nachmittag versammelten sich Teilnehmende an der Technischen und Wirtschaftswissenschaftlichen Universität Budapest, von der aus 1956 Studentenproteste ihren Ausgang genommen hatten. Anschließend führte ein Fackelzug zum Bem-Platz. Dort hielt Magyar eine Gedenkrede. Später entzündete er um 19.56 Uhr auf dem Nagy-Imre-Platz die Flamme der Revolution. Die Uhrzeit erinnerte symbolisch an das Jahr 1956.
In seiner Ansprache sagte Magyar, dass es zwar nur einen Menschen brauche, um eine Flamme zu entzünden, aber eine ganze Nation, um sie über sieben Jahrzehnte hinweg am Brennen zu halten. Er erinnerte daran, dass die Revolution und ihre Geschichte während der kommunistischen Herrschaft lange Zeit nicht offen gewürdigt werden durften. Die Flamme stehe für den Mut der Aufständischen und für die Verantwortung heutiger Generationen, die Erinnerung an ihren Kampf zu bewahren.


Musik, Kultur und Gedenken in der Stadt
Neben den offiziellen Zeremonien bot Budapest ein vielfältiges Programm. Am Antall-József-Kai an der Donau fanden Familienveranstaltungen statt. Musikalisch beteiligten sich unter anderem das SUGO-Tamburaorchester aus Sükösd und die Balázs Elemér Group. Járai Márk interpretierte Lieder des ungarischen Musikers Cseh Tamás. Am Abend trat die Budapest Bár auf.
An verschiedenen Orten der Stadt erinnerten Installationen und Performances an die Ereignisse des Herbstes 1956. Auch eine historische UV-Straßenbahn war auf der Linie 2 vorgesehen. Die ersten Wagen dieses Typs waren im April 1956 in Budapest in Betrieb genommen worden.
Am Abend fand außerdem in der Ungarischen Staatsoper eine Festveranstaltung statt, die den Künstlerinnen und Künstlern gewidmet war, die sich während der Revolution engagiert hatten. Magyar erinnerte unter anderem an Schauspieler, Schriftsteller und Musiker, die sich für ein freies Ungarn eingesetzt hatten. Auf dem Programm standen musikalische Werke sowie literarische Beiträge, darunter Gedichte von Gyula Illyés und Sándor Reményik.
Auch in anderen Teilen der Stadt wurde der Opfer der Revolution gedacht. Die Stadtverwaltung ließ an mehreren Orten Gedenksteine aufstellen, die an Menschen erinnern, die während der Kämpfe ums Leben kamen und deren Namen teilweise unbekannt geblieben sind.











Die Vorgeschichte: Ungarn unter kommunistischer Herrschaft
Um die Bedeutung des 23. Oktober zu verstehen, ist ein Blick auf die politische Situation nach dem Zweiten Weltkrieg notwendig. Nach dem Einmarsch der Roten Armee 1945 geriet Ungarn zunehmend unter sowjetischen Einfluss. Obwohl die Kommunisten bei der Parlamentswahl 1945 deutlich weniger Stimmen als die Partei der Kleinen Landwirte erhielten, bauten sie mit Unterstützung der Sowjetunion ihre Macht schrittweise aus.
Unter Mátyás Rákosi entwickelte sich eine stalinistisch geprägte Diktatur. Die kommunistische Führung verstaatlichte große Teile der Wirtschaft, schränkte politische Freiheiten ein und ging mit der Staatssicherheit gegen vermeintliche und tatsächliche Gegner vor. Schauprozesse, Verhaftungen und Zwangsarbeit prägten die Zeit. Zugleich führten die einseitige Förderung der Schwerindustrie und die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft zu wirtschaftlichen Schwierigkeiten.
Nach dem Tod Josef Stalins 1953 wurde Imre Nagy Ministerpräsident. Er leitete Reformen ein, stärkte die Landwirtschaft und die Konsumgüterproduktion und setzte einige Repressionsmaßnahmen aus. Innerhalb der kommunistischen Partei stieß seine Politik jedoch auf Widerstand. 1955 wurde Nagy abgesetzt und aus der Partei ausgeschlossen.
Die Kritik am stalinistischen System nahm weiter zu. Die Abrechnung mit Stalin durch den sowjetischen Parteichef Nikita Chruschtschow im Jahr 1956 verstärkte die Forderungen nach Veränderungen. Auch der Arbeiteraufstand im polnischen Posen und die politischen Reformen in Polen wirkten auf die ungarische Opposition.
Vom Studentenprotest zur Revolution
Am 22. Oktober 1956 formulierten Studierende der Technischen Universität Budapest Forderungen nach politischen Reformen, nationaler Unabhängigkeit und bürgerlichen Freiheitsrechten. Sie verlangten unter anderem freie Wahlen, Meinungs- und Pressefreiheit sowie den Abzug der sowjetischen Truppen.
Am folgenden Tag gingen sie auf die Straße, zunächst auch aus Solidarität mit den Reformbestrebungen in Polen. Immer mehr Menschen schlossen sich dem Protest an. Der Demonstrationszug führte unter anderem zum Bem-Platz und anschließend zum Parlament. Am Abend versammelten sich dort rund 200.000 Menschen.
Ein Teil der Demonstrierenden zog zum Gebäude des Ungarischen Rundfunks, um die Veröffentlichung ihrer Forderungen zu erreichen. Als Sicherheitskräfte auf die Menschenmenge schossen, eskalierte die Lage. Aus der zunächst friedlichen Demonstration entwickelte sich ein bewaffneter Aufstand. Demonstrierende stürzten die Stalin-Statue und besetzten das Rundfunkgebäude.
Imre Nagy wurde erneut Ministerpräsident. In den folgenden Tagen weitete sich die Revolution auf weitere Städte aus. Es entstanden Arbeiter- und Revolutionsräte, unabhängige Zeitungen erschienen und ein landesweiter Generalstreik begann. Am 30. Oktober kündigte Nagy das Ende der Einparteienherrschaft an und bildete eine Mehrparteienregierung. Am 1. November erklärte er die Neutralität Ungarns und den Austritt aus dem Warschauer Pakt.
Die sowjetische Intervention und ihre Folgen
Am 4. November begann die Sowjetunion eine massive militärische Intervention. Sowjetische Truppen rückten in Budapest ein und setzten eine neue, moskautreue Regierung unter János Kádár ein. Trotz erbitterten Widerstands waren die Aufständischen den sowjetischen Streitkräften militärisch deutlich unterlegen. Die Kämpfe dauerten in Budapest und anderen Teilen des Landes noch Tage und Wochen an.
Auf ungarischer Seite kamen nach verbreiteten Schätzungen rund 2.500 Menschen ums Leben; weitere Tausende wurden verletzt. Mehr als 200.000 Ungarinnen und Ungarn flohen in den Westen. Viele fanden in Österreich und anderen europäischen Ländern sowie in Übersee Zuflucht.
Nach der Niederschlagung begann eine Phase der Verfolgung. Imre Nagy und Verteidigungsminister Pál Maléter wurden 1958 nach einem geheimen Verfahren hingerichtet. Tausende Menschen wurden inhaftiert oder interniert, weitere Todesurteile folgten. Das Kádár-Regime bezeichnete den Aufstand als „Konterrevolution“; öffentlich an die Revolution zu erinnern, war verboten.
Der Westen unterstützte die Aufständischen zwar verbal, griff jedoch nicht militärisch ein.
Vom verbotenen Gedenken zum Nationalfeiertag
Erst gegen Ende der 1980er-Jahre konnte die Revolution wieder öffentlich thematisiert werden. Am 23. Oktober 1989 rief der damalige Übergangsstaatspräsident Mátyás Szűrös vor einer großen Menschenmenge am Parlament die Republik Ungarn aus.
1991 erklärte das ungarische Parlament den 23. Oktober offiziell zum Nationalfeiertag. Dieser Status wurde durch das Grundgesetz von 2012 bestätigt. Heute finden an diesem Datum Gedenkveranstaltungen im ganzen Land und bei ungarischen Auslandsvertretungen statt.
Ein bekanntes Symbol der Revolution ist die ungarische Flagge mit einem ausgeschnittenen Loch in der Mitte. Die sogenannte „lyukas zászló“ entstand, als Demonstrierende das kommunistische Staatswappen aus der Nationalflagge entfernten. Zum 70. Jahrestag wurde dazu aufgerufen, die Flagge an Fenstern, Häusern und Balkonen zu zeigen.
Siebzig Jahre nach den Ereignissen bleibt der 23. Oktober ein zentraler Tag der ungarischen Geschichte. Die Gedenkveranstaltungen erinnern an den Mut der Menschen, die sich gegen die kommunistische Herrschaft erhoben, an die Opfer der Niederschlagung und an die langfristige Bedeutung ihres Kampfes für Freiheit und Selbstbestimmung.

Quellen: MTI.hu, forradalom70.kormany.hu, nemzetiunnepek.hu, Pester Lloyd live aus Budapest
Photos: Laura Nagy – Pester Lloyd / Verwendung mit Zitation &Verlinkung gestattet
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