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Ungarn, London, Brüssel – Burnham stellt Freizügigkeit wieder zur Debatte

Erstmals seit dem Brexit stellt ein britischer Premier die Rückkehr zur Personenfreizügigkeit offen in den Raum. Für ungarische Arbeitskräfte, Studierende und Firmen geht es um reale Chancen.

Budapest. Andy Burnham hat einen Satz gesagt, den man in London seit Jahren nicht hörte: Man könne mit der EU über die „Wiederherstellung der Freizügigkeit“ zwischen Briten und Unionsbürgern verhandeln. Im Interview mit der konservativen Sunday Times, auf das sich auch die ungarische Nachrichtenagentur MTI beruft, spricht der Labour-Premier von „ehrlichen Verhandlungen“ und einer „sachlichen, auf Beweisen beruhenden Debatte“ mit Brüssel.

Seit dem formalen EU-Austritt am 31. Januar 2020 und dem Ende der Übergangsfrist waren die Fronten klar: Kein Binnenmarkt, keine Zollunion, vor allem keine freie Niederlassung für EU-Bürger mehr im Vereinigten Königreich. Nun öffnet dieselbe Insel, die vor dem Brexit mit antiosteuropäischer Rhetorik Wahlkämpfe bestritt, wieder ein Fenster – bisher allerdings nur auf der Ebene von Ankündigungen.

Burnham argumentiert, dass die meisten EU-Zuwanderer in Zeiten der Freizügigkeit junge Menschen gewesen seien, die einige Jahre in Großbritannien gearbeitet und dann wieder in ihre Herkunftsländer zurückgekehrt seien. Ähnlich sei es umgekehrt mit Briten in anderen EU-Staaten gewesen. Für Ungarn ist das eine nüchterne Erinnerung an jene Mobilität, die seit den 2000er-Jahren vielen den Weg nach London, Manchester oder in die britische Provinz geöffnet hat.

Optionen ohne Plan

Nach Recherchen britischer und europäischer Fachdienste liegt in London noch kein offizieller Plan für eine neue Freizügigkeit vor. Die Regierung beruft sich weiter auf ihr Mandat von 2024, das eine Rückkehr in Binnenmarkt, Zollunion und Freizügigkeit bis zur nächsten Wahl ausschließt. Burnham hat diese Linie in seiner Regierungserklärung zum EU-Reset und vor dem EU-UK-Gipfel im Oktober 2026 bestätigt – und sie nun relativiert, indem er Freizügigkeit ausdrücklich als mögliche Option eines umfassenden „EU-Reset“ benennt.

Konkrete Modelle nennt er nicht. Diskutiert werden in der britischen Presse drei Pfade: eine Rückkehr in den Binnenmarkt oder gar in die EU – beides würde automatisch die volle Personenfreizügigkeit nach EU-Recht wiederherstellen –, ein schweizerisch anmutendes Netz bilateraler Abkommen oder begrenzte Mobilitätsregime für bestimmte Gruppen, etwa ein Jugendmobilitätsprogramm. Keines davon ist bislang Regierungsposition.

Burnham will nach eigenen Ankündigungen bis zum nächsten EU-UK-Gipfel Ende November einen „Optionskatalog“ vorlegen.

Verlässliche Zahlen zum ungarischen Bestand jenseits des Ärmelkanals gibt es kaum; ältere Schätzungen sprechen von rund 100.000 in Ungarn geborenen Personen im Königreich, teils deutlich höher liegende inoffizielle Angaben kursieren seit Jahren. Sicher ist nur: Die Größenordnung liegt weiter im sechsstelligen Bereich, doch jede genauere Angabe wäre Spekulation.

Seit dem Ende der Freizügigkeit sind Neuankömmlinge aus Budapest, Debrecen oder Pécs auf dasselbe Visasystem angewiesen wie Bewerber aus Indien oder Nigeria. Das britische Punktesystem hat die Zahl der Arbeitsvisa für alle Nationalitäten zunächst stark steigen lassen: Unterhaus-Briefings nennen für 2022 rund 165.000 und für 2023 etwa 228.000 erteilte Arbeitsvisa, bevor politische Verschärfungen die Zufuhr 2024 wieder auf rund 100.000 drosselten. Wie viele Ungarn darunter waren, lässt sich aus den veröffentlichten Home-Office-Tabellen nicht herauslesen – das Herkunftsland wird dort nicht separat ausgewiesen.

In der Forschung gilt als gut belegt, wo EU-Arbeitskräfte insgesamt gebraucht wurden und werden: im Bau, in der verarbeitenden Industrie, im Gastgewerbe, in Logistik und Landwirtschaft sowie in Gesundheit und Pflege. Gerade in Bau, Fertigung, Landwirtschaft und Gastronomie waren seit der Ostöffnung auch viele Beschäftigte aus den 2004 beigetretenen Staaten, zu denen Ungarn gehört, tätig. Die heutige Visapflicht verteuert diese Mobilität und lenkt die Migration stärker auf Nicht-EU-Staatsangehörige.

Jugend zuerst – oder alle?

Während Burnham von einer bilateralen Wiederherstellung der Freizügigkeit spricht, liegt in Brüssel ein weit bescheidenerer Vorschlag auf dem Tisch: ein EU-weit einheitliches Jugendmobilitätsabkommen mit Großbritannien. Die Kommission hat 2024 ein Verhandlungsmandat angeregt, das 18- bis 30-Jährigen wechselseitige Aufenthalte von bis zu einem Jahr zum Arbeiten, Studieren oder für Freiwilligendienste ermöglichen soll. Das Europäische Parlament drängt auf ein weitreichendes Programm, London auf Obergrenzen von unter 50.000 EU-Jugendlichen pro Jahr.

Für ungarische Studierende und junge Berufstätige wäre schon dieses Minimalprogramm spürbar. Die internationale Mobilität aus Ungarn läuft traditionell fast vollständig über Erasmus- und Erasmus-ähnliche Programme. Nach dem Brexit brach der direkte Korridor nach Großbritannien ein: höhere Gebühren, Visapflicht, wegfallende Stipendien. Zwar kehrt das Vereinigte Königreich ab 2027 in Erasmus+ zurück, doch das erleichtert nur temporäre Aufenthalte, nicht das klassische „einige Jahre arbeiten, dann heimkehren“, das Burnham selbst beschreibt.

Ein Jugendabkommen wäre damit ein Baustein, nicht die Rückkehr zur alten Welt. Vollständige Freizügigkeit für alle Altersgruppen, wie sie vor 2020 galt, steht auf EU-Seite im Moment nirgends offiziell auf der Agenda. Die Kommission pocht auf eine einheitliche Drittstaatspolitik; sektorale Sonderwege nur für Briten, etwa für Pflegekräfte, finden sich in den aktuellen Brüsseler Papieren nicht.

Wirtschaft ohne Menschenstrom

Ökonomisch haben sich die ungarisch-britischen Beziehungen nach anfänglichen Brexit-Verwerfungen erholt. Nach Angaben der britischen Botschaft in Budapest stieg das bilaterale Handelsvolumen von 5,6 Milliarden Pfund im Jahr 2021 auf 8,3 Milliarden Pfund im Jahr 2024. Ungarische Firmen wie Wizz Air, Gedeon Richter oder der Immobilienentwickler Futureal sind in Großbritannien präsent, umgekehrt zählt das Land zu den größeren Investoren in Ungarn.

Wie viele neue Unternehmen auf jeder Seite seit dem Brexit gegründet wurden, ist unklar, weil weder in London noch in Budapest entsprechende Statistiken nach Herkunftsländern sauber geführt und veröffentlicht werden. Klar ist: Jedes Visum, jeder Aufenthaltstitel verteuert die Entscheidung einer ungarischen Gründerin, eine Limited in Manchester aufzusetzen oder britisches IT-Personal nach Budapest zu entsenden. Freizügigkeit würde diese Transaktionskosten senken und spontane Gründungen und grenzüberschreitende Teams erleichtern.

Ähnlich im Bildungsbereich. Die Rückkehr des Vereinigten Königreichs zu Erasmus schafft ab 2027 wieder Strukturen für kurze Aufenthalte, doch mehrere ungarische Stiftungsuniversitäten waren zeitweise von Erasmus-Geldern abgeschnitten. Mobilität hängt damit an zwei politischen Fronten: in Budapest und in London.

Ein Fenster ist noch kein Tunnel

Burnhams Vorstoß erinnert an etwas, das in den hitzigen Brexit-Jahren in den Hintergrund geriet: Die alte Freizügigkeit zwischen EU und Großbritannien hat für Ostmitteleuropa nicht nur schlecht bezahlte Jobs im Westen gebracht, sondern auch Netzwerke, Rückkehrer mit Sprach- und Fachkenntnissen sowie Unternehmensgründungen. Über die genaue Höhe der damit verbundenen Geldüberweisungen führt jedoch niemand systematisch Buch.

Aus dem Archiv – vor 11 Jahren waren die Töne noch gänzlich anders.

Für Ungarn und die Region steht fest: Wenn London und Brüssel die Personenmobilität neu verhandeln, geht es nicht um abstrakte Souveränitätsdebatten, sondern um konkrete Lebensläufe zwischen Borsod und Birmingham. Burnham hat das Fenster geöffnet. Ob daraus wieder ein Tunnel wird, durch den ungarische Krankenschwestern, Bauarbeiter und Softwareentwickler ohne Visumspflichten pendeln, entscheidet sich in den nüchternen Mandatstexten der nächsten Jahre – nicht in den Reden.

Quellen: MTI, The Guardian, House of Commons Library
Photo: Premierminister Andy Burnham wird gemeinsam mit seiner Frau Marie-France van Heel bei seiner Ankunft in der Downing Street 10 in London beklatscht, UK Prime Minister / Wikimedia Commons (CC BY 4.0)

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