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Péter Nádas über den Machtwechsel: „Magyar hat viel von Orbán gelernt“

Der ungarische Schriftsteller Péter Nádas – vielfach preisgekrönter Chronist europäischer Zeitgeschichte und seit Jahren als Favorit für den Literaturnobelpreis gehandelt – interpretiert den Wahlsieg von Péter Magyar als historisch außergewöhnliches Ereignis und zugleich als Resultat eines komplexen Wechselspiels zwischen politischem Talent, gesellschaftlicher Dynamik und strukturellem Verschleiß der Macht unter Viktor Orbán. In einem Interview mit der ZEIT zeichnet Nádas ein vielschichtiges Bild des politischen Umbruchs in Ungarn und widerspricht dabei vereinfachenden Deutungen eines rein oppositionellen Erfolgs.

Euphorie, Risiko und Generationenbruch

Die Wahlnacht selbst beschreibt Nádas als Moment zwischen Erwartung und Unsicherheit. Bereits am Vortag habe sich in Budapest eine außergewöhnliche Dynamik abgezeichnet: „Die Euphorie, die Freude, die Spannung in der Luft, das war schon ein Vorbote“. Gleichzeitig habe er mit einem deutlich konfliktreicheren Szenario gerechnet. „Es war zu befürchten, dass die Orbán-Regierung einen Staatsstreich vorbereitet“, sagte er und verwies auf entsprechende Narrative in staatlichen Medien, die Gewalt seitens der Opposition suggerierten.

Dass es nicht zu einer Eskalation kam, führt Nádas auf eine unerwartete Konstellation zurück: „Weil sich die ungarische Polizei vom Jubel der jungen Menschen hat mitreißen lassen“. Diese „Verbrüderung“ zwischen Sicherheitskräften und Demonstrierenden habe eine potenzielle Machtprobe im Keim erstickt und zugleich die zentrale Rolle einer politisierten jungen Generation unterstrichen.

Magyars Profil: Resilienz, Strategie und Ambivalenz

Im Zentrum von Nádas’ Analyse steht die Persönlichkeit Magyars. Dessen politischer Erfolg sei nicht allein programmatisch erklärbar, sondern maßgeblich durch individuelle Eigenschaften geprägt. „Seine Standhaftigkeit. Seine Aufrichtigkeit. Seine Offenheit“ hebt Nádas hervor und ergänzt eine ungewöhnliche Beobachtung: „Auch seiner Schönheit verdankt Magyar den Sieg.“

Gleichzeitig betont er die systemische Kontinuität in Magyars politischem Stil. „Magyar hat viel von Orbán gelernt“, sagte Nádas. Dazu gehöre insbesondere die Fähigkeit, gesellschaftliche Stimmungen nicht nur zu reflektieren, sondern aktiv zu formen.

Orbáns System: Erosion durch Realitätsverlust

Neben Magyars Rolle hebt Nádas die Eigenverantwortung des alten Systems hervor. Der Machtverlust von Viktor Orbán sei nicht zuletzt Ergebnis einer zunehmenden Entkopplung von politischen Realitäten. „In den letzten Jahren hat er jeden Kontakt zur Realität verloren“, sagte Nádas und verwies insbesondere auf die außenpolitische Ausrichtung Richtung Russland, die er als strategisch gescheitert bewertet.

Die Umdeutung zentraler Begriffe habe diesen Prozess verstärkt. Orbáns Gleichsetzung von Partei und Staat löste laut Nádas selbst im eigenen Lager Irritationen aus.

Interne Dynamik und das Versagen europäischer Korrektive

Nádas verortet den politischen Wandel zugleich im europäischen Kontext. Die Abwahl Orbáns sei weder mit 1956 noch mit 1989 vergleichbar. „Was damals geschah, entstand nicht aus eigener Kraft“, sagte er mit Blick auf den Zusammenbruch des Sowjetsystems. Der aktuelle Wandel hingegen sei ein internes Produkt gesellschaftlicher und politischer Dynamiken.

Gleichzeitig formuliert er eine kritische Diagnose der Rolle der Europäische Union. Diese habe über Jahre hinweg die Entwicklung in Ungarn mitgetragen oder zumindest nicht wirksam korrigiert. Die Wahrnehmung vieler Ungarn, lediglich als ökonomischer Absatzmarkt behandelt zu werden, habe das Vertrauen in europäische Institutionen erodiert.

Quellen: zeit.de
Photo: Péter Nádas by Niccolò Caranti / CC BY-SA 3.0

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