Während Rumänien sein einziges Kernkraftwerk vollständig vom Netz nimmt, entging Paks demselben Schicksal um einen einzigen Zentimeter. Nun rollen Bärkas und Schotter in den Fluss.
Budapest/Paks. An der Donau zwischen dem Kernkraftwerk Paks und Dunaszentbenedek wird seit Donnerstag gebaut, was in Ungarn bislang niemand für nötig hielt: eine Sohlschwelle, ein quer im Flussbett liegender Steinwall, der das Wasser vor den Kühlwasserpumpen des Kraftwerks aufstaut. Ministerpräsident Péter Magyar meldete am Donnerstagmorgen einen „zügigen“ Fortschritt: Die erste der beiden 80-Meter-Bärkas, die notfalls versenkt werden sollen, werde gerade vertäut, die zweite sei per Schlepper aus Mohács unterwegs. Rund 100 Soldaten aus Budapest und Szentes bereiten den Bau vor, gearbeitet wird per Notverordnung rund um die Uhr, mit Beleuchtung und Absperrungen.
Was gebaut wird
Vorgesehen sind zunächst 35.000, später insgesamt rund 145.000 Kubikmeter Gestein. Die Bärkas sind die schnelle Zwischenlösung: Sie lenken Wasser gezielt in den Kühlwasserkanal und sollen den Pegel kurzfristig um bis zu 20 Zentimeter heben. Die Sohlschwelle wirkt im Hauptstrom und könnte – je nach Wasserführung – bis zu einem Meter bringen. Kostenpunkt laut Regierung: sechs Milliarden Forint. Dem stehen geschätzte 50 Milliarden Forint gegenüber, die ein Monat Produktionsausfall den Staatshaushalt kostet.
Denn Paks steht faktisch still. Von acht Turbinen laufen zwei, die Auslastung liegt bei rund 25 Prozent der normalen 2.000 Megawatt – knapp die Hälfte der ungarischen Stromerzeugung. Das Problem ist nicht der Fluss allein, sondern die Bauweise: Die Ansaugstutzen der Kondensator-Kühlwasserpumpen liegen schlicht nicht tief genug.
Ein Zentimeter
Wie knapp es war, lässt sich datieren. In der Nacht zum 4. August fiel die Donau bei Paks auf minus 140 Zentimeter, den tiefsten je gemessenen Wert. Gegen halb zwei Uhr früh, so Magyar, fehlten „wenige Millimeter“ bis zur vollständigen Abschaltung des Kraftwerks – zum ersten Mal in 44 Jahren Betriebsgeschichte. Dann stoppte der Rückgang, der Pegel stieg um anderthalb Zentimeter, die letzte 240-Megawatt-Turbine lief weiter. Ein Zentimeter trennte Ungarn von einem Szenario, das sein Nachbar nun durchspielt.
Cernavodă als Vorschau
In Rumänien begann am Donnerstag die kontrollierte Abschaltung von Block 2 in Cernavodă. Block 1 ist seit dem 28. Juli vom Netz; damit steht die Anlage mit ihren 1.400 Megawatt erstmals seit 2003 komplett still. Cernavodă liefert rund ein Fünftel des rumänischen Stroms. Bukarest hat für August den Energienotstand ausgerufen, ein Braunkohleblock wurde hochgefahren, Abschaltpläne für Industriekunden liegen bereit. Zuvor hatte Rumänien mit Sprengungen im Flussbett, Baggerungen und versenkten Steinbärkas versucht, das Wasser zum Kraftwerk zu lenken – erfolglos.
Notlösung
Fachlich ist die Sohlschwelle unstrittiger, als das Tempo vermuten lässt: Vergleichbare Bauwerke existieren im Szigetköz bei Dunakiliti. Reaktorexperte Attila Aszódi hält die Konstruktion sogar für eine dauerhafte Lösung. Andere Stimmen warnen, es handle sich um Feuerwehrarbeit ohne wasserwirtschaftliches Gesamtkonzept. Umweltschützer kritisieren, dass eine ökologische Wirkungsprüfung fehlt und nachgereicht werden müsse; Bedenken für die Schifffahrt relativieren sich derzeit dadurch, dass die Donau auf weiten ungarischen Strecken ohnehin nicht befahrbar ist.
Magyar nutzte die Ankündigung auch innenpolitisch. Die 125-jährige Messreihe am Pegel Paks zeige einen seit Jahren sinkenden Sommerwasserstand, beschleunigt seit 2010; das Flussbett hat sich in fünfzig Jahren um ein bis anderthalb Meter eingetieft. Beim Regierungsantritt im April habe kein brauchbares Notfallszenario vorgelegen, weder ein Pumpwerksausbau noch ein alternatives Kühlsystem sei je gebaut worden. Warnungen der Wasserwirtschaftler seien jahrelang „unter den Teppich gekehrt“ worden.
Quellen: MTI.hu, Romania Insider
Photo: Blick auf die ausgetrocknete Donau und das AWK Paks, MTI.hu






