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Abstruse Argumente zur Stopfleberproduktion in Ungarn

(c) Pester Lloyd / 05 – 2009 GESELLSCHAFT 28.01.2009

Wohl Täter

Gänse bleiben nach dem Stopfen vor Vergnügen liegen…

Um Kopf und Kragen redeten sich vergangene Woche zwei Lobbyisten der ungarischen Stopfleberindustrie. Bei einem Pressegespräch trumpften Miklós Süth, Chefveterinär sowie stellvertretender Staatssekretär des Landwirtschaftsministeriums und László Barany, Vorsitzender des Ungarischen Geflügelproduktionsrates, mit erstaunlichen Erkenntnissen auf:

Die Herstellung von Gänsestopfleber sei für die betroffenen Tiere gar keine Tierquälerei. Schließlich gibt es dieses Verfahren in Ungarn schon seit 400 Jahren, sie ist also eine nationale Tradition und gäbe 60.000 Leuten Arbeit. Diese Menschen liebten Tiere, denn „wer seine Tiere nicht liebt, kann keine Produkte guter Qualität produzieren“, sagte Barany, fromm wie ein Lamm. Miklos Süth berief sich auf eine Studie, die kürzlich von der Universität in Budapest veröffentlicht wurde und die belege, dass die Haltung der Gänse in Ungarn den Gesetzen der EU entspreche.

Aber leider gäbe „es auch Leute, die sich nicht auf wissenschaftliche Erkenntnisse, sondern auf Gefühle verlassen“, mahnte er in Richtung der Tierschützer. Der Gipfel der Ausführungen: Das Stopfen der Gänse stelle für diese sogar eine Wohltat dar, vergleichbar mit dem Melken der Kühe. Wenn dies nicht so wäre, würden sie nach dem Stopfen nicht liegen bleiben, sondern flüchten. Außerdem habe die ungarische Regierung Anfang dieses Jahres eine Kennzeichnungspflicht eingeführt, so dass der Verbraucher selbst entscheiden könne, was er kaufe. Beobachter seien eingeladen, sich die Verhältnisse vor Ort anzusehen, berichtet die in Hamburg ansässige Arbeitsgemeinschaft für artgerechte Nutztierhaltung e.V. von der Veranstaltung. Dem entgegneten Journalisten, nach dem es den Offiziellen nicht gelungen war, die Pressekonferenz nach drei vorgetäuschten Fragen vorzeitig abzubrechen, dass sie mit einer Axt angegriffen worden seien, als sie Filmaufnahmen eines Mastbetriebes von einer öffentlichen Straße aus machen wollten. Mit Fotos könne man belegen, dass die Tiere in Einzelkäfigen gehalten werden, so dass eine Flucht vor der Qual der Zwangsmast unmöglich ist. Weitere Fotos zeigten, dass die Leber der gestopften Gänse am Ende der Mastzeit so ungeheuer vergrößert ist, dass sie fast den ganzen Bauchraum der Tiere ausfüllt, und diese bald verenden müssten, wenn sie nicht vorher geschlachtet würden. So werden die Wohltäter wohl zu Tätern.

Tierschutz als geheuchelter Ausdruck von Progressivität?

Im nächsten Jahr ist Ungarn Partnerland der Internationalen Grünen Woche. Wenn man sich bis dahin schon nicht des Stopfleberproblems an sich entledigen kann oder will (im übrigen: gastronomisch wäre sie gegenüber der ungestopften Variante kein Verlust), sollte man zumindest dringend die Public Relations überarbeiten. Schon nicht mal mehr in Ungarn, schon gar nicht in Westeuropa, läßt sich die Öffentlichkeit noch derart pampig abspeisen. Sicher, die Frage, ob Stierkampf, Fiakerfahrten, Hundehaltung auf 40qm und Stopfleberterrinen Folklore und das Leiden der Tiere daher der Preis unserer zivilisatorischen Überheblichkeit ist oder ob all das als geheuchelter Ausdruck von Progressivität im Angesicht tagtäglicher tausendfacher Menschenrechtsverachtung, tatsächlich so dringend abgeschafft gehört, ist mehr ein philosophisches Problem.

Die Zwangsmast von Tieren bis zur Bewußtlosigkeit allerdings als Wohltat zu deklarieren, hat ungefähr das Niveau und den Gehalt der Behauptung, Frauen seien an Vergewaltigungen selbst Schuld und genössen diese womöglich noch. Tierquälerei hat strafrechtliche Relevanz. Wenn diese festgestellt wird, ist entsprechend zu handeln. Dass hier meist Gummiparagraphen im Einsatz sind, hilft weder dem Tierschutz, den Tieren schon gar nicht und letztlich auch nicht den Produzenten der aufgedunsenen Maisschwämme, die sie Leber nennen.

Fleisch aus Stopfproduktion in Deutschland und Österreich

„Ekelfleisch aus der Stopfleberproduktion“ hat die Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“ nach eigenen Angaben bei Edeka und Globus in Deutschland ausgemacht, auch im österreichischen Handel tauchen – trotz gegenteiliger Versprechungen – immer wieder mal Gänse- und Entenfleischprodukte aus einschlägigen Stopfleberfabriken auf. Die Handelsketten reden sich dann meist damit heraus, dass sie sich auf ihre Zwischenhändler verlassen hätten und alles einwandfrei deklariert sei. Das Gegenteil ist der Fall, sagen die Tierschützer. An den EWG- Nummern: HU 43, HU 129 und HU 110 seien die Übeltäter (INTEGRAL, PANNON LUD und HUNGERIT) eindeutig zu erkennen. REWE, Kaufland und LIDL seien indes vorbildlich, haben bereits Konsequenzen gezogen und die inkriminierten Hersteller nicht mehr gelistet.

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