(c) Pester Lloyd / 14 – 2009 WIRTSCHAFT 03.04.2009
Ein Modell hat ausgedient
Osteuropa steckt in einer ökonomischen Zwangslage
Was der Region auf die Beine helfen kann, wird schmerzlich und langwierig sein und grundsätzliche Fragen stellen.
In einer umfassenden Studie hat sich der ungarische Ökonom Gábor Hunya vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) mit der Rezession in Osteuropa beschäftigt. Er wird seine Erkenntnisse auf der CEE – Corporate Finance & Private Equity Konferenz am 15. April in Budapest darlegen. Die Analyse gibt eigentlich kaum Neues her und beschränkt sich auf rein volkswirtschaftliche Mechanismen, die aber Anstoß zum Weiterdenken geben. Die Zwangslage, in der sich die meisten Länder Osteuropas wiederfinden macht klar, dass an eine kurzfristige Erholung der Region kaum zu denken ist.
Der Stand der Dinge: Schulden und kaum Handlungsspielraum
Praktisch alle Staaten Osteuropas müssen 2009 mit einer Rezession umgehen, die meisten haben diesen Fakt sich und ihrem Volk bereits eingestanden. Lediglich Tschechien und Bulgarien können in diesem Jahr auf eine Stagnation „hoffen“. 2010 soll es eine spürbare Erholung geben, nur das Baltikum und die Länder Ex-Jugoslawiens werden noch in Wachstumstiefs verharren. Die Rückkehr eines sanften Wachstums löst indes noch längst nicht die strukturellen Probleme dieser Länder. Am heftigsten erwischt es naturgemäß Staaten, die einen großen Außenhandelsanteil am Bruttoinlandsprodukt haben, dazu zählen u.a. Ungarn und die Slowakei, dagegen kann Polen durch den großen Heimmarkt seine Wirtschaft effektiver durch die Ankurbelung der Binnennachfrage steuern, meint das Institut.
Eine Aktie der Lloyd Bank Ungarn von 1928. Abb: Archiv d. Pester Lloyd
Als erschwerend kommt für viele die prekäre Lage auf dem Finanzmarkt und ihre Fremdwährungsverschuldung hinzu. Der Verfall der Währungen verteuert den Schuldendienst und macht den Handlungsspielraum für etwaige Konjunktur- und Hilfsprogramme oder gar umfassende Steuerreformen immer enger. Die Slowakei ist von diesem Zug ins Irgendwo durch die Euroeinführung zu Jahresbeginn gerade noch abgesprungen, aber auch nicht lastenfrei. Als kontraproduktiv, aber wohl unumgehbar, erweisen sich bei den Notfällen Lettland, Rumänien, Ungarn u.a. die strengen Auflagen ausländischer institutioneller Kreditgeber, wie dem IWF, an die Haushaltsdisziplin.
Ein Teufelskreis wie in Entwicklungsländern
Die Auslandsverschuldung (gross external debt: also alle Verbindlichkeiten eines Landes und (!) seiner Bürger gegenüber ausländischen Gläubigern, also incl. all der unsäglichen Fremdwährungskredite der Konsumblase) überschreitet in Lettland, Estland, Bulgarien, Ungarn und Slowenien bereits den Wert des BIP, Kroatien steht kurz davor. Nicht wenige dieser Verbindlichkeiten werden noch in diesem Jahr fällig. Die Staatsanleihen verteuern sich durch das gesunkene Vertrauen und damit schlechtere Rating in Größenordnungen, die kurz vor Junk Bonds stehen. Ein Teufelskreis, wie man ihn aus Entwicklungsländern kennt und der eigentlich nur durch ein Wachstumswunder durchbrochen werden kann, dass vorerst in den Sternen steht. Leitzinserhöhungen zur Währungsstützung stehen diametral dem Kreditfluss in die Wirtschaft entgegen und sind daher eher Gift als Heilmittel, hier wie da kommt es auf die Dosierung an, eine Binsenweisheit, die z.B. leider von Ungarn durch hektische Betriebsamkeit immer wieder missachtet wurde.
Einige zweifelhafte Vorteile der verfallenden Ostwährungen bestehen in der Verbilligung von Exportprodukten, erwähnt der Bericht. Was aber nur dann funktioniert, wenn es die Produzenten mit einheimischen Rohmaterialien oder Rohstoffen, die auf dem Weltmarkt ebenfalls von erheblichem Preisverfall betroffen sind, zu tun haben. Von großartigen Krisengewinnern dieser Sorte war aber schon allein wegen des allgemeinen Nachfragerückgangs kaum etwas zu hören. Eine Art Buchgewinn machen auch internationale Konzerne, deren Osttöchter in Landeswährung bilanzieren und ihre Kosten dann in Euro an die Mütter rapportieren, was aber letztlich eher ein bilanztechnischer Treppenwitz ist.
Wertschöpfung statt Ratings auf Pferdewettenniveau
Das WIIW resümiert schließlich, dass „das bisherige ökonomische Modell, dass auf externer Finanzierung aufbaute“, praktisch ausgedient hat. Zukünftiges Wachstum müsse sich aus eigenen Rücklagen finanzieren. Das ist letztlich das gute alte Modell des organischen, eigenfinanzierten Wachstums, wie es viele erfolgreiche mittelständische Unternehmer immer gepflegt haben, – und leichter gesagt als getan. Es könnte vom Prinzip her auch das Rezept für gebeutelte Volkswirtschaften hergeben. Dieser Schwenk von der konsumierenden zur ansparenden Volkswirtschaft kann sich nur langsam entwickeln, so langsam wie auch der Heilungsprozess der lädierten Länder vor sich gehen wird. Dazu braucht es allemal einen permanenten Handelsüberschuss, der wiederum eine Gesundung der Weltwirtschaft voraussetzt. Es braucht, und das läßt diese Analyse aus, aber auch eine Entwicklung weg von dividendeorientierter Kurzzeitprofitmaximierung eines Hedge-Marktes, der in Zyklen von drei bis vier Jahren denkt und plant. Es muss ein Ende gemacht werden mit dem andauernden Analystenterror, bei dem milchgesichtige Wichtigtuer nichts weiter im Sinn haben, als die Märkte so volatil wie möglich zu halten, denn verdienen können ihre Häuser in beide Richtungen. Mit sogenannten Ratings und Empfehlungen mit der Substanz einer Pferdewette werden Unternehmer regelrecht erpresst.
Ein System am Scheideweg
Es braucht noch einiges mehr, unternehmerisches Ethos zum Beispiel, wäre das – systemisch betrachtet – nicht ein Paradoxon. Aber immerhin einen Hang zur und eine Belohnung für die Schaffung bleibender, zumindest realer Werte, sollte selbst dem Kapitalismus zuzutrauen sein.
Wie viele soziale Katastrophen und persönliche Opfer dieser Prozess kosten wird, kann und soll eine solche Analyse nicht ermitteln. Diese Antworten gibt der tägliche Blick in die Nachrichten und das Weiterdenken des Gehörten. Wer wird schneller sein: die weltwirtschaftliche Erholung oder der aus der Not geborene Unmut der Massen? Den Entscheidungsträgern muss daher bei all ihren makro- und mikroökonomischen Schritten immer vor Augen bleiben, dass eine Volkswirtschaft kein Selbstzweck ist. In der Not muss man es ihnen vor Augen führen, unmissverständlich. Ökonomie wirkt immer konkret und nur wenn ihre Wirkung den Menschen mehrheitlich nutzt, wird das System sich regenerieren können oder es wird aufhören zu existieren.
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