Die im Ausland lebende Krisztina Tóth über Orbán, die Macht der Propaganda und die Rolle der Literatur im Widerstand
Das Werk der ungarischen Schriftstellerin, Dichterin und Übersetzerin Krisztina Tóth, geboren 1967 in Budapest, umfasst Gedichtbände, Romane, Kurzgeschichten, Kinderliteratur und Bühnenstücke. Zu ihren neueren Veröffentlichungen gehört der Roman „A majom szeme“ („Das Auge des Affen“*) aus dem Jahr 2022, der mehrfach ausgezeichnet wurde. Mit „My Secret Life“ veröffentlichte sie zudem ihren ersten englischsprachigen Gedichtband. Eine neue Sammlung von Kurzgeschichten, „Kánkán auf dem Glasboden“, soll laut Verlagsangaben im Juni dieses Jahres erscheinen.
Nach einer Zeit, die sie selbst als traumatisierend beschreibt, plant Tóth, wieder mehr Zeit in Ungarn zu verbringen. Inzwischen wird sie wieder zu Veranstaltungen an Orte eingeladen, die sie zuvor gemieden hatte, darunter auch Schulen. Über ein Jahrzehnt hinweg sei sie – wie viele andere Intellektuelle – aus den ungarischen Medien verbannt gewesen. Die ungarische Kulturlandschaft beschreibt sie als tief gespalten; Hassrede habe längst Eingang in den Alltag gefunden. Persönliche Angriffe und öffentliche Diffamierung seien Teil der Orbán-Propaganda gewesen: „Ich wurde unzählige Male als Verräterin bezeichnet – von Menschen, die selbst nichts zur ungarischen Kultur beigetragen haben. Ich gehe davon aus, dass diese Vergiftung nicht spurlos bleiben wird. Es wird lange dauern, bis diese Wunden heilen.“
*Die englische Ausgabe erscheint bei Seven Stories Press (25. Oktober); außerdem liegt das Werk auf Kroatisch und Italienisch vor, und Übersetzungen ins Französische, Spanische, Griechische und Tamilische sind für 2027 geplant.
„Einen Monat später war eine Hexenjagd im Gange.“
Tóth berichtet von gezielten Diffamierungskampagnen und davon, wie sie durch regierungsnahe Medien öffentlich herabgewürdigt wurde. Nachdem sie in einem Interview vorgeschlagen hatte, ein Werk von Mór Jókai im Schulkanon durch ein Werk der zeitgenössischen Literatur zu ersetzen, wurde sie zur Zielscheibe medialer Kampagnen, die in ihrer Offensivität tief in ihr Privatleben eingriffen.
Bereits vor dem Interview war eines ihrer selbstgeschriebenen Schulbücher von der Orbán-Regierung verboten worden; zugelassen war nur noch eine zentral gesteuerte Einheitsausgabe von Lehrbüchern. In den Medien diffamierte man sie als „mittelmäßiger Niemand“, die „der den großen nationalen Klassiker aus den Schulen verbannen wollte“. Absichtlich unvorteilhafte Fotos von Tóth wurden veröffentlicht, man analysierte sie öffentlich dahingehend, wie „untalentiert“ und „dumm“ sie sei.
Auch in ihrem Privatleben erlebte sie Diffamierung, unter anderem durch drohende E-Mails. Eine Lehrkraft an der Schule ihrer Tochter teilte den diffamierenden Zeitungsartikel über den E-Mail-Verteiler mit anderen Eltern; einige hörten auf, sie zu grüßen. Die Medien begannen, Tóth als „Verräterin“ zu bezeichnen, im Fernsehen stimmten Zuschauerinnen und Zuschauer über ihre angebliche Inkompetenz ab, und über ihr Aussehen wurde sich lustig gemacht.
In ihrem Alltag war sie verbalen Angriffen durch Fremde ausgesetzt; sie schildert einen Vorfall, bei dem sie in der Metro bespuckt wurde. Auch in sozialen Medien erschienen beleidigende und rassistische Kommentare über ihre Kinder. Zeitweise traute sie sich nicht mehr, das Haus zu verlassen.
Diffamierung als politisches Instrument
Ihre Identität als geschiedene Frau und Adoptivmutter eines Roma-Kindes machte sie zu einem „idealen Ziel“ misogyn geprägter und rassistischer Narrative. Die Angriffe auf sie als Frau fungierten zugleich als Mobilisierung der Massen:
„Diejenigen, die es genossen, eine Frau im digitalen Raum leiden zu sehen, machten bereitwillig mit. Auch Fremde schrieben beleidigende, sexuell explizite Nachrichten und bedrohten mich sowie meine Kinder.“
Sie bewertet diese Angriffe als gezielte Einschüchterung, die verdeutlichen sollte, was Kritik unter dem System von Viktor Orbán nach sich zieht. Die Erfahrung beschreibt sie als existenziellen Bruch, dessen Folgen bis heute nachwirken:
„Ich erinnere mich an alles und vergesse nichts. Ich werde der Propagandamaschinerie des Orbán-Regimes niemals verzeihen, was sie getan hat.“
Sie fügt hinzu, dass auch das eigentlich unabhängige Magazin HVG durch einen anonymen Artikel erheblich zu den Ereignissen beigetragen habe, ohne sich bis heute dafür entschuldigt zu haben.
„Ich bin eine ungarische Schriftstellerin, und meine Leser sind in Ungarn. Ich werde jetzt mehr Zeit in Budapest verbringen. Aber die Wunden werden nicht heilen, und ich kann nicht vergeben. Sie haben mich verletzt und gedemütigt. Ich habe nichts anderes getan, als diesem Land einen guten Ruf zu bringen. Für mich war das, was passiert ist, ein existenzieller Bruch.“
Kulturpolitik unter und nach Orbán
Auf die Frage, ob sie künftig plane, nach Ungarn zurückzukehren, und wie sie das Potenzial einer neuen Regierung einschätze, antwortet Tóth mit Hoffnungen und Erwartungen für die Zeit nach einem möglichen Regierungswechsel.
Sie beschreibt ein deutliches Ungleichgewicht zwischen den Kunstakademien: Eine von ihnen erhielt unter Orbán umfangreiche finanzielle Förderung, ihre Mitglieder bekamen hohe monatliche Zuwendungen. Die zweite, unabhängige Akademie wird hingegen weder staatlich gefördert noch verfügt sie über ein annähernd vergleichbares Vermögen – obwohl mit Péter Nádas und Péter Esterházy zwei Nobelpreisträger zu ihren Mitgliedern zählen.
Die Zukunft der Akademien nach dem Ende von Orbáns Regierungszeit sieht sie als ungewiss. Durch seinen Einfluss seien die ursprünglichen Strukturen kaum wiederherstellbar; zudem liege die Priorität zunächst auf der Regeneration der ausgeplünderten Wirtschaft sowie der Wiederherstellung von Industrie und Landwirtschaft.
Auch das Bildungssystem befindet sich in einem schlechten Zustand, unter anderem aufgrund von Lehrkräftemangel, dessen Behebung viel Zeit in Anspruch nehmen wird. Positiv hebt Tóth hervor, dass sie die neue Bildungsministerin in einer Regierung Péter Magyar als kompetent und offen einschätzt und dass Frauen generell wichtige Positionen einnehmen: „Die unmittelbare Stellvertreterin von Péter Magyar ist ebenfalls eine Frau, was in dieser machogeprägten Gesellschaft ein starkes Signal sendet.“
Misogyne Narrative im politischen Diskurs
Tóth erwartet, dass sich das politische Klima nur sehr langsam verändern wird. Der öffentliche Diskurs sei weiterhin von problematischen Praktiken und Narrativen geprägt. Als Beispiel nennt sie die Verbreitung eines Bildes durch den populären Anti-Orbán-Influencer Róbert Puzsér, das dieser nach dem Sieg der Tisza-Partei veröffentlichte. Es zeigt eine explizit sexuelle Handlung, in der Fidesz als Frau im Bett durch die Tisza-Partei, die den Mann darstellt, erniedrigt wird. Sie ordnet dieses Beispiel in das politische Klima ein, das sie kritisiert:
„Ich finde das erschreckend und abstoßend! Die unterlegene Person ist schwach und nach einer ungarischen, misogyn geprägten Denkweise eine Frau. Diese Haltung muss unbedingt verschwinden, denn so werden wir im Denken niemals zu Europa gehören. Der Influencer erklärte öffentlich, das sei nur eine Meinung und das Bild sei sehr lustig – wer es nicht möge, verstehe keinen Humor … Das muss sich ändern, sonst fallen wir genau dorthin zurück, woraus wir uns gerade herauszuarbeiten versuchen!“
Sie schätzt das Ausmaß der langjährigen Propaganda durch Orbán als tiefe Spaltung des Landes ein, da diese „erhebliche psychologische Schäden verursacht“ habe, deren Behebung mindestens ein Jahrzehnt dauern werde.
Sprache, Sichtbarkeit und literarische Verantwortung
Auf meine Nachfrage, mit welchen Herausforderungen Autorinnen heute besonders konfrontiert sind, nennt Tóth als größte die Sprache: Ungarische Autorinnen seien auf Übersetzungen angewiesen, um internationale Relevanz zu erlangen. Zudem sieht sie die Auseinandersetzung mit allgemeinen politischen Phänomenen als prioritär an, statt sich ausschließlich auf individuelle Erfahrungen zu konzentrieren. Sie hofft, dass bei zeitgenössischen ungarischen Autorinnen ihr Geschlecht zunehmend in den Hintergrund tritt und sie nicht nur als „Frauen in der Literatur“, sondern als Teil der Literatur wahrgenommen werden. Bis dies in Ungarn zur Norm wird, sei es jedoch noch ein weiter Weg.
„Ich möchte nicht, dass man mir die Hand küsst, wirklich nicht, ich möchte als gleichberechtigter Mensch behandelt werden, und ich möchte nicht mehr gefragt werden, wer sich um mein Kind kümmert, während ich bei einer ungarischen Buchpräsentation bin!“
Eine zentrale Haltung, die sie vertritt, besteht darin, Erfahrungen universell nachvollziehbar zu erzählen; Authentizität trage wesentlich zum Verständnis bei.
„Zum Beispiel bin ich verletzt worden, aber ich möchte nicht, dass das mein Thema ist. Gleichzeitig kann ich es nicht ignorieren. Ich werde meine Arbeit weiterhin so machen wie bisher. Ich glaube, eine Schriftstellerin muss Abstand zur aktuellen Macht halten, eigentlich zu jeder Macht. Literatur muss unabhängig sein und eine kritische Distanz zu aktuellen Ereignissen bewahren. Meiner Meinung nach stellt gute Literatur Fragen, sie gibt keine Antworten. Sie bemüht sich, die wichtigsten Fragen zu stellen: Wohin steuert die Welt? Wie können wir unsere persönliche Integrität bewahren? Welche Rolle spielt Literatur dabei – wie kann sie helfen?“
Nur so könne der von Orbán vorangetriebenen Polarisierung des Denkens sowie der Verrohung und Vulgarisierung der Sprache entgegengewirkt werden: „Es ist eine populistische Methode, die Realität zu vereinfachen und zu behaupten, man habe sie verstanden, aber die Aufgabe von Denkern ist es, die Welt in all ihrer Vielfalt und Feinheit zu erfassen.“
Welche zeitgenössischen ungarischen Schriftstellerinnen sollten internationale Leserinnen und Leser kennen?
„Ich würde auf jeden Fall die Werke von Petra Szőcs empfehlen. Mónika Mesterházi ist eine ausgezeichnete Dichterin und Übersetzerin englischer Literatur, ebenso Anna Szabó T. Réka Mán-Várhegyi oder Edina Szvoren sind ebenfalls hervorragende Prosaschriftstellerinnen.“
„Insgesamt gab es eine deutliche Feindseligkeit gegenüber der Intelligenz.“
Viktor Orbán hat wiederholt verschiedene Gruppen als Feindbilder konstruiert, darunter Migranten, die EU und auch gebildete Frauen. Tóth schildert, dass diese dauerhafte Konstruktion von Feindbildern ein Bedrohungsgefühl erzeugt habe, wodurch Kritik als „Verrat“ deklariert werden konnte. Dadurch werde sie trotz 54 veröffentlichter Bücher nicht durch ihr Werk, sondern durch Orbáns Propaganda wahrgenommen.
Orbán habe, so Tóth, eine allgemeine Feindseligkeit gegenüber Intellektuellen und Künstlerinnen gefördert – durch politische Maßnahmen und die öffentliche Abwertung ihrer Arbeit. International bekannte Philosophinnen wie die mittlerweile verstorbene Ágnes Heller wurden verklagt; während der globalen Pandemie gehörte es zur polemischen Strategie im Umgang mit kritischen Stimmen, Künstlerinnen nahezulegen, sie sollten „sich einen Job suchen“.
Tóth über die Ablehnung kritischer Kunst unter Orbán
„Autoritäre Gesellschaften mögen keine echte Kunst, sondern nur Kitsch – besonders historischen Kitsch, der eine falsche Nostalgie für die Vergangenheit erzeugt. Populistische Führer bestehen darauf, dass Kunst für die breite Öffentlichkeit zugänglich sein müsse. Tatsächlich fördern sie jedoch Unsinn und Kitsch, weil echte Kunst eine Gefahr darstellt – sie wirft Fragen auf.“
Tóth betont, dass nicht nur öffentlich diffamierte Personen unter Orbán gelitten hätten; auch die Würde derjenigen, die in das System hineingezogen wurden – darunter Kinder – sei massiv verletzt worden.
Quellen: Krisztina Tóth, tothkrisztina.com
Photos: tothkrisztina.com, Copyright bereitgestellt durch Krisztina Tóth

















Versehentlich nur 2 Sterne vergeben, der Artikel verdient allerdings 5 !!!