(c) Pester Lloyd / 41 – 2008 WIRTSCHAFT 06.10.2008
-POLITIK 10 .10.2008 _______________________________________________________
Die Finanzkrise erreicht Ungarn – Spekulanten greifen an
Die Nachrichten folgten Schlag auf Schlag: zuerst war die Auktion von ungarischen Staatsanleihen gescheitert, weil sich schlicht keine Käufer mehr fanden, die dem ungarischen Staat Papiere mit über 10% “garantierter” Verzinsung abkaufen wollten. Gleichzeitig kamen Gerüchte auf, die OTP, Ungarns größte Bank, stehe kurz vor der Verstaatlichung. Das riss die Börsenkurse in Budapest, die im Wochenverlauf schon rund ein Viertel an Wert verloren hatten noch weiter in den Keller. Auch der Forint sackte zeitweise auf unter 270 (dann auf ca. 262 HUF je EUR). Laut der Einschätzung ungarischer Experten handelte es sich um einen organisierten Angriff gegen die Währung – ähnlich, wie schon 2003 und 2005. Hinter dem Angriff, der sich gleichzeitig gegen die größte Bank des Landes, OTP richtete, sollen dieselben Spekulanten stehen, die im Fall Islands erfolgreich waren und es auch mit Südkorea versuchten.
Widersprüchliches über die Stabilität der OTP
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Bei der OTP handelt es sich durchaus um ein sehr gesundes, dynamisches Bankhaus, dass sich zudem vor allem in der CEE-SEE-Region bis hinein nach Russland und die Ukraine engagiert hat und zuerst lediglich von „gebremsten Expansionsplänen“ sprach. Dennoch war der Finanzchef der OTP, László Urbán, so unvorsichtig ehrlich, am Donnerstag in Wien zu erklären, dass sich sein Haus nun im „Survival Modus“ befindet und meinte: “Wir sind derzeit nicht in der Lage unseren Kunden ihre Kreditwünsche zu erfüllen.“ Sein CEO, Sándor Csányi schob am Freitag sofort nach, dass „wir über Hunderte Milliarden Forint an Liquidität verfügen“, die bis 2009 locker reichen werden, gleichzeitig wurde aber angekündigt nur noch „sehr konservativ“ Kredite zu vergeben. Dies soll der Bank den nötigen Spielraum zum Stopfen allfällig aufreißender Lücken geben. Er lehnte das Angebot der Regierung, Bankkredite seine Hauses zu garantieren, mit Hinweis auf die solide Lage der OTP, ab. OTP kaufte Freitag ein Viertel seiner an der Börse angebotenen Aktien (die 14 Prozent ihres Wertes verloren) auf. Csányi ließ wissen, dass es sich bei dem Spekulanten gegen die Bank um einen in London tätigen Australier handle. Man wolle in der Sache Anzeige wegen Betruges bei den britischen und ungarischen Behörden erstatten. Krisenplan der Regierung
Regierungschef Ferenc Gyurcsány, Notenbankpräsident András Simor trafen sich Freitag mit den Fraktionsführern der Parlamentsparteien um zu versuchen, einen gemeinsamen Krisenplan im Parlament mit der dazu notwendigen Zweidrittelmehrheit zu verabschieden. Das 12-Punkte-Programm Gyurcsánys sieht vor, das Haushaltsdefizit 2008 anstatt der geplanten 4 auf 3.4 Prozent, 2009 anstatt 3.2 auf 2.9 Prozent zu senken. Der Staat soll eine unbegrenzte Garantie für die Bankeinlagen bieten und die geplanten Steuersenkungen vertagen. Die Sozialpartner wurden aufgefordert, ihre Lohnverhandlungen zunächst auszusetzen und den Realwert der Löhne und Gehälter bis Ende des ersten Halbjahres 2009 einzufrieren. Die Oppositionsparteien erklärten sich prinzipiell bereit, an dem Krisenplan mitzuarbeiten, doch formulierten sie gleich Gegenvorschläge. Laut dem Fidesz sei eine Steuersenkung in der entstandenen Lage unentbehrlich und man könne auf Lohnerhöhungen nicht verzichten.
Ungarn folgt eher lustlos
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Ungarn folgt mit seiner Garantie auf alle Spareinlagen Österreich und der Slowakei, denen nichts anderes übrig geblieben war als Deutschland zu folgen. Bundeskanzlerin Merkel gab die Staatsgarantie als Beweis ihrer Entschlossenheit und auch als Retourkutsche auf Sarkozys Schnellschuss eines europäischen Rettungsfonds nach US-Vorbild, der aufgrund der nationalen Zuständigkeiten in der Finanzpolitik in der EU gar nicht so ohne weiteres realisierbar wäre. Finanzminister János Veres „Die ungarische Regierung garantiert alle Sparguthaben.“ Mit dieser Garantieerklärung geht der Minister über die eher lustlose Erhöhung der Garantien von 6 auf 13 Mio HUF pro Person hinaus, die diese Woche zum Gesetz erhoben werden. (Gerüchte, dass alles über 1 Mio HUF nur mit 90% abgesichert werde, sind vom Tisch). Freilich sind diese Garantien nur Lippenbekenntnisse. Was ist z.B. mit den Einlagen bei ausländischen Direktbanken, die unter einheimischem Bankenrecht Geschäfte machten? Die ausländischen Konten einer isländischen Direktbank, die nun unter Staatsaufsicht gestellt werden musste, wurden bereits bis auf weiteres eingefroren. Platz 8 der Pleitekandidaten
Zenbank-Chef Simor betonte, dass man sich nicht von den „vielen irrationalen Faktoren dieser Krise“ irrtieren lassen sollte und man „keinerlei ernsthafte Folgen“ für das Land befürchtet. Dass die irrationale Irritation der Bürger einem irrationalen Handeln der Finanzakteure folgt, sagte er nicht. Simor gilt sonst eher als Polterer, diese Leisetreterei macht hellhörig. Ganz ungelegen kam dazu noch ein aktuelles Risikoranking der Credit Suisse, auf dem Ungarn als achtgefährdetstes Land hinsichtlich der Zahlungsfähigkeit und der makroökonomischen Risiken eingestuft wurde. Auf Platz 1 des Menüs der Pleitegeier rangiert Island, dass bereits als Appetithäppchen verspeist wurde. Dann folgen Bulgarien, Estland, Litauen, Ukraine, Lettland und Rumänien. Russland, dass bereits die Börse schliessen musste, befindet sich in selbem Ranking auf Platz 25. Besonders bizzar an der Sache ist, dass die Risikoeinschätzung von einer Bank kommt, die sich selbst im US-Markt und mit eigenen Waghalsigkeiten kräftig die Finger verbrannt hat und Unsummen schon abschreiben musste. Panik verbreiten kann sie allemal noch. Allerdings ist richtig, dass Ungarn durch eine hohe Staatsverschuldung, gepaart mit Handelsdefizit und geringem Wachstum, währungs- und finanzseitig sehr angreifbar ist.
Angst vor dem Dominoeffekt
Angst herrscht nun vor allem vor einem Dominoeffekt. Kredite werden verteuert, weniger Eigentumswohnungen werden finanziert, Häuslebauer eingebremst, Neuwagenhändler werden in Zukunft ihre Autos putzen, statt sie zu verkaufen. Opel in Deutschland pausiert bereits, wann folgt Volkswagen? Audi in Györ, von wo die Motoren kommen? Zulieferer? Das Nachwendeungarn hatte einige hausgemachte Bankpleiten erlebt, das Volk ist daher ein gebranntes Kind. Die Aktionen und das Börsenverhalten demonstrierten eindrücklich, dass die Entwicklung der eigenen Banken nur noch zu einem geringen Teil in der Hand der Banker und der Politik selbst liegt. Die Politik kann nur reagieren. Die Krise hat, das ist ihr Merkmal, ein Eigenleben entwickelt. Ungarn kann sie nur aus- nicht anhalten. Nicht nur die OTP, das ganze Land befindet sich jetzt im „Survival Modus“. Wer prognostiziert lügt.
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