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Im Interview mit Lajos Vass, Generalintendant der Ungarischen Staatsoper Budapest

(c) Pester Lloyd / 52 – 2009 KULTUR 23.12.2009

Im Interview mit Lajos Vass, Generalintendant der Ungarischen Staatsoper Budapest
Im Interview mit Lajos Vass, Generalintendant der Ungarischen Staatsoper Budapest
Im Interview mit Lajos Vass, Generalintendant der Ungarischen Staatsoper Budapest
Im Interview mit Lajos Vass, Generalintendant der Ungarischen Staatsoper Budapest

Oper für das Hier und Jetzt

Im Interview mit Lajos Vass, Generaldirektor der Ungarischen Staatsoper Budapest

Elf Opern in der Jubiläumssaison, dazu Ballett, Koproduktionen, Kinderbühne. Wie macht man das in Zeiten der Krise? Schließlich hat die 125 Jahre Staatsoper am Andrássy Boulevard noch ein schweres Erbe abzuarbeiten und die Gegenwart des Landes ist alles andere als erbaulich. Generaldirektor Lajos Vass erklärt im Gespräch mit dem Pester Lloyd seinen Balanceakt zwischen Qualitätsanspruch und Budgetnöten, zwischen sinngreifendem Musiktheater und repräsentativer Traditionspflege und berichtet von Plänen und Projekten.

Lajos Vass, Generaldirektor der Ungarischen Staatsoper „Die Staatsoper selbst”, so Generaldirektor Lajos Vass, „befindet sich nicht in einer Krise, wohl aber steht die Finanzierung hart an deren Rand. „Da wir ein staatlich finanzierter Kulturbetrieb sind und unser Budget bereits vor mehr als vier Jahren bestätigt wurde, kämpfen wir zusammen mit dem Ministerium für Kultur am Abbau unseres beträchtlichen Defizits von mehr als einer Milliarde Forint. Mein Amtsantritt begann vor dreieinhalb Jahren, somit wurde ich mit dieser Situation konfrontiert und mühe mich mit meinen Mitarbeitern um die Konsolidierung. Am 30. November wurde vom Parlament das bestehende Budget bis 2010 bestätigt. Das sind 5,3 Mrd. Forint; mit einer Erweiterung allerdings dürfen wir nicht rechnen.” (Anm.: das genannte Jahresbudget entspricht umgerechnet ca. 19 Mio EUR, etwa soviel wie die Oper der steirischen Landeshauptstadt Graz und etwa ein Fünftel dessen was die Wiener Staatsoper zur Verfügung hat.)

Das Gebäude an der Andrássy út wurde 1883 eröffnet, mit Werken vom

Nationalkomponisten Ferenc Erkel und dem gerade verstorbenen Richard Wagner

Konnten unter Ihrer Leitung in den letzten Jahren Fortschritte bei der Verschlankung des riesigen, fest angestellten Ensembles erzielt werde, um mehr Mittel für internationale Gäste oder neue Projekte frei zu setzen?

„Das ist eine ständige, aber nur langfristig wirkungsvoll zu lösende Aufgabe, weil alle Mitarbeiter Staatsangestellte sind. So suchen wir nach den jeweils besten Möglichkeiten, die Mitarbeiter nach ihren Fähigkeiten einzusetzen, solange sie noch im Ensemble sind. Dabei geht es mir aber um die Sicherung einer hohen Qualität der Aufführungen.”

Was sind die gegenwärtigen Schwerpunkte Ihrer Arbeit? Orientieren Sie sich mehr am Publikumsgeschmack oder favorisieren Sie das sogenannte Regietheater, um neuen Wind in die oft noch konservative Aufführungspraxis zu bekommen?

„Ich sehe natürlich unseren Weg in der Mitte. Man muss wissen, dass wir ein Repertoire-Opernhaus sind mit einer enormen Zahl an Inszenierungen. Daran ist kurzfristig generell nicht so viel zu ändern. Zur Zeit stehen 50-60 Opern und ca. 30 Ballette zur Verfügung, die wir dem Publikum in Abständen zeigen können. Dabei müssen wir uns allerdings von alten, wenig aufgeführte Stücken schneller trennen. Ausnahmen solch berühmter, schon historischer Aufführungen wie ’Don Carlos’ (von 1968) oder sogar ’La Bohéme’, die in einer Inszenierung von 1937 gezeigt wird, wollen wir aber aus Traditionsgründen behalten.

In der Spielzeit 2008/2009 haben wir elf Opern und zwei Ballette neu herausgebracht, die neue Regieansätze beinhalten und dem Publikum Rechnung tragen sollen. Den bisherigen Mangel an Barockopern haben wir z.B. mit der „Xerxes”-Premiere im Händeljahr und mit „Orpheus” zu überwinden begonnen. – Es geht um ein vorsichtiges Ausbalancieren zwischen „traditionelle“ und „modern“. Meiner Meinung nach ist es nicht entscheidend, wann eine Oper komponiert wurde oder ob sie als traditionell oder modern gilt. Was wirklich zählt, ist, ob sie uns etwas über das Hier und Jetzt erzählen kann.“

Die Staatsoper hat viele Opern des allbekannten Repertoires, aber kaum welche aus dem Bereich der komischen Oper, des heiteren deutschen Schaffens wie etwa von Albert Lortzing, Otto Nikolai, C.M.v.Weber (aber auch keine von Jaques Offenbach) zu bieten, obwohl der deutsche Anteil an der Geschichte des Hauses in der Vergangenheit bedeutend war.

„Ja, wir stehen da in einer Art Schuld, wo es in der Zukunft sicher viel zu tun gilt. Aber ohne dass ich das entschuldigen will, möchte ich auf unsere gegenwärtige Situation verweisen, die nicht leicht ist und die nicht direkt nur mit den finanziellen Mittel zusammenhängt. Unser zweites Haus, die Erkel-Oper, wo traditionell viele große Opernaufführungen stattfanden, wird gerade als modernes, multifunktionales Haus mit mehr als 2000 Plätzen neu gebaut. Im Jahre 2013 soll das Haus zur Verfügung stehen, dann wird der komplette Betrieb dahin umziehen, denn dann steht die aufwendige Renovierung des Ybl-Palastes (Staatsoper) auf dem Plan. Vieles ist momentan eine Kapazitätsfrage. Bis dahin wollen wir weniger Premieren, aber die mit hohem Anspruch heraus bringen. Ich freue mich gerade besonders darüber, dass wir 24 Vorstellungen in Zusammenarbeit mit dem Vígszínház (Lustspieltheater am István körút) gestalten können. Am 25./27. Dezember wird dort die zauberhafte Neuinszenierung von Mozarts ’Zauberflöte’ sein. Darüber freue ich mich sehr. Weitere Kooperationen mit diesem und andern Häusern sind vorgesehen.”

Was unternehmen Sie, um junge Talente zu finden und zu fördern, oder bereits im westlichen Ausland engagierte ungarische Sängerinnen und Sänger zurück zu holen?

„Nun, in der neuen ’Zauberflöte’ singen solche internationalen, ungarischen Stars wie Erika Miklósa (Königin der Nacht) und László Polgár (Sarastro), aber Andrea Rost gastiert häufig in unserem Haus. Gerne engagieren wir ausländische Gäste für erste und besondere Aufführungen. Das Mai-Fest in der Oper ist dabei ein Schwerpunkt. Die jungen Talente betreffend, haben wir eine enge Zusammenarbeit mit der Musikakademie, die von Éva Márton organisiert wird. Unser künstlerischer Leiter, Balázs Kovalik, ist selbst Lehrbeauftragter an der Musikakademie.

Das jährliche große Vorsingen, zu dem Hunderte kommen und wir zwischen 10 und 15 engagieren oder Gastverträge anbieten, eröffnet auch Sängern aus dem Ausland Möglichkeiten und Ungarn die zurück wollen. Daran wirken die Häuser in Győr, Debrecen, Pécs und Miskolcs auch mit, Talente zu binden. Die Staatsoper vergibt darüber hinaus jährlich 10 Stipendien an der Musikakademie. Besonders freue ich mich, dass in der nächsten Woche bereits der Direktor des Bolschoi Theaters Moskau hier sein wird und wir eine Vereinbarung zur Zusammenarbeit unterzeichnen werden. Befragt nach seinem eigenen Werdegang , nannte der Generaldirektor seine wichtigsten Stationen u.a. als Musikpädagoge, Chorleiterstudium, seine Ausbildung als Theaterwissenschaftler und seine langjährigen Erfahrungen als Staatssekretär im Ministerium für Bildung und Kultur, die ihm gerade jetzt zugute kämen. Ehrlich erfreut hob er hervor, dass trotz Krise die Oper weiter im Mittelpunkt des Budapester Kulturlebens stünde, mehr Abonnements verkauft worden sind als je und 30 % der Zuschauer Ausländer seien.

Die Highlights der Saison

Auf die Frage, welche Inszenierungen er jetzt besonders empfehlen könne, hob er die oben genannte Neuinszenierung der „Zauberflöte” im Vígszínház (Lustspieltheater) hervor, den „Rosenkavalier (Premiere im März 2010), die Barockopern „Orpheus” und „Xerxes”, obwohl ihm auch die Ballettpremiere „Die Brüder Karamasow” oder die neue Kinderoper „Der kleine Schornsteinfeger” am Herzen liegen. Gutes können wir noch von einigen selbst erprobten Repertoirestücken hinzufügen: auch „Don Giovanni”,„Elektra”, Eugen Onegin” oder „Fidelio” machen sichtbar und spürbar, dass im ehrwürdigen Haus offensichtlich ein wohltuend neuer Wind durch Zargen und Vorhänge weht. Mit Lajos Vass an der Spitze dieses 125-jährigen Hauses sollten Erfolge auf dem Weg zu einem modernen wie repräsentativen Musiktheater endlich auch für Budapest wieder häufiger und auch dauerhafter möglich werden.

Infos zum Programm, Hintergründe und Tickets: www.opera.hu

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