(c) Pester Lloyd / 17 – 2009 WIRTSCHAFT 22.04.2009
Erwartungen sind im Keller
Die deutsche Wirtschaft in Ungarn beurteilt die Lage wie sie ist: miserabel
Achtzig Prozent der deutschen Investoren würde den Schritt nach Ungarn dennoch wieder gehen. Umgekehrt betrachtet heißt das jedoch auch: jeder fünfte Investor würde von Ungarn im Rückblick lieber die Finger lassen. Auch sonst gibt es nicht viel Optimistisches aus deutschen Wirtschaftskreisen zu berichten.
Der neueste, mittlerweile 15. Konjunkturbericht der Deutsch-Ungarischen Industrie- und Handelskammer meldet Niederschmetterndes: Die „Wirtschaftskrise belastet deutsche Unternehmen in Ungarn massiv“ und die „konjunkturellen Erwartungen sind im Keller“. Gegenüber der Studie aus dem Vorjahr „hat sich die Zufriedenheit mit den Investitionsbedingungen weiter verschlechtert.“ Am dringlichsten wünschen sich die Unternehmen – wie wohl auch die meisten Ungarn – politische und wirtschaftliche Stabilität und Berechenbarkeit. Die Ergebnisse im Einzelnen:
Standortzufriedenheit Vier von fünf Unternehmen sagen, dass sie auch heute wieder in Ungarn investieren würden. Der Abwärtstrend der vergangenen Jahre wurde damit
gestoppt: der Wert hatte sich von seinem Höchststand 2003 (84%) auf zuletzt 73% (2008) verschlechtert. Der positive Wert in diesem Jahr bestätigt, dass die überwiegende Mehrheit der deutschen Unternehmen bei ihren Investitionen nicht kurzfristige Kosten- oder Absatzerwägungen in den Vordergrund stellt, sondern sich aus strategischen Erwägungen für den Standort Ungarn entschieden haben.
Attraktivität im Vergleich Nach Einschätzung der Umfrageteilnehmer in Ungarn sind die Slowakei, Tschechien und Slowenien nach wie vor die attraktivsten Investitionsstandorte in Mittel- und Osteuropa – und dies schon seit mehreren Jahren. Ungarn selbst sieht man vor Ort eher im Mittelfeld, immerhin gelang aber gegenüber 2008 sogar eine Verbesserung um zwei Plätze auf Rang 7 unter insgesamt 18 Ländern der Region.
Konjunkturerwartungen Neun von zehn deutschen Unternehmen in Ungarn erwarten für 2009 eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage des Landes, der Rest geht bestenfalls von einer unveränderten Lage aus. Dies ist ein dramatischer Einbruch gegenüber den Vorjahren. Die derzeitige Lage der ungarischen Wirtschaft wird von 83%
der Firmen als schlecht eingeschätzt.
Geschäftslage Jedes dritte Unternehmen beurteilt die eigene gegenwärtige Geschäftslage
als schlecht, für 2009 erwarten sogar 52% eine nochmalige Verschlechterung. 40% rechnen mit einer konstanten Geschäftslage, und gerade 9% erwarten eine Verbesserung.
Umsatz, Exporte, Ergebnis 55% aller Unternehmen rechnet mit einem Umsatzrückgang, im verarbeitenden Gewerbe sogar 60%. Bei den Exportumsätzen rechnen „nur“ 36% mit einem Rückgang. Die schwachen Umsatzerwartungen widerspiegeln sich 1:1 in den Gewinnerwartungen.
Investitionen Die schwachen Wirtschaftsaussichten beeinträchtigen auch die Investitionsbereitschaft für das laufende Jahr: Gut die Hälfte der Firmen plant, die Investitionen zu kürzen, ca. ein Drittel will sie zumindest auf dem Niveau des Vorjahres halten.
Beschäftigung 42% der Firmen rechnen damit, dass sie infolge der Krise gezwungen sein werden, die Zahl ihrer Beschäftigten zu reduzieren, während immerhin gut die Hälfte darauf vertraut, ohne Personalabbau durch das Jahr zu kommen. Im weiteren Verlauf des Jahres wird es aber ohne eine Belebung der Weltwirtschaft sehr schwer werden, alle Mitarbeiter halten zu können.
Krisenmanagement Das Vertrauen in die Fähigkeit der ungarischen Regierung zur Bewältigung der Krise ist sehr gering. Fast 80% aller Befragten meinten, die bisherigen (also bis Anfang März ergriffenen) Maßnahmen seien nicht ausreichend und zielführend,
bejaht haben das gerade einmal 7%.
Arbeitskräftesituation In Bezug auf den Arbeitsmarkt äußern sich die Firmen in nahezu allen Bereichen zufrieden über die ungarischen Arbeitskräfte. Leistungsbereitschaft, Arbeitsproduktivität Qualifikation weisen seit Jahren hohe, und 2009 zum Teil sogar verbesserte Zufriedenheitswerte auf. Selbst die Verfügbarkeit von Fachkräften wurde in diesem Jahr weniger kritisch eingeschätzt.
Arbeitskosten Die Arbeitskosten werden als Standortfaktor zunehmend kritisch beurteilt. In diesem Jahr äußersten sich schon mehr als die Hälfte aller Befragten unzufrieden oder sehr unzufrieden, gegenüber gerade einmal 14% zufriedenen Arbeitgebern.
Steuern Steuerbelastung und Steuerverwaltung gehören zu den Standortfaktoren, die die größte Unzufriedenheit verursachen. Über 80% aller Befragten sind sowohl mit der Höhe der Steuerbelastung wie auch mit dem Steuersystem und der Steuerverwaltung unzufrieden, der größte Teil davon sogar „sehr unzufrieden“.
Wirtschaftspolitik Bürokratieabbau, Bekämpfung der Korruption oder Transparenz bei Ausschreibungen werden seit Jahren als unzureichend eingeschätzt, die Unzufriedenheit in diesen Bereichen hat in diesem Jahr noch einmal zugenommen. Neun von zehn Unternehmern äußersten sich unzufrieden über die Berechenbarkeit der Wirtschaftspolitik. Besorgniserregend ist, dass in diesem Jahr selbst früher noch positiv beurteilte Faktoren wie die Rechtssicherheit, der Zustand der Infrastruktur oder die politische Stabilität inzwischen nur noch wenige Unternehmer zufrieden stellt.
Die kompletten Umfrageergebnisse stehen auf der Homepage der DUIHK zum Download zur Verfügung: www.ahkungarn.hu/publikationen/konjunkturbericht/
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