(c) Pester Lloyd / 35 – 2009 KULTUR 24.08.2009

26.08.09 _______________________________________________________
Hexen, Kater und Studenten
Ein Besuch auf der Naturbühne Greifensteine – ein Theater im Erzgebirge, das sich sehen und hören lassen kann, auch weil ein ungarischer Bass dort engagiert ist.
Ein besonderer sommerlicher Höhepunkt im Erzgebirge ist der Besuch der Freilichtbühne Greifensteine (bei Ehrenfriedersdorf), wo das Annaberger Eduard-von-Winterstein-Theater mit mehreren Vorstellungen aufwartet. Wir hatten uns für den Besuch von dem nächtlichen Spektakel „Hexen II“, dem Kindermärchen „Der gestiefelte Kater“ und die Millöcker-Operette „Der Bettelstudent“ entschieden. Da wir im vergangenen und auch in diesem Jahr die großen Freilicht- und Seebühnen in Österreich mit ihrem – im Vergleich mit Annaberg – enormen Budget für Ausstattung und Honorare besucht hatten, können wir nun mit gutem Gewissen behaupten: Die großen kochen auch nur mit Wasser! Was auf den Greifensteinen geboten wird, kann sich durchaus sehen und hören lassen.
„Der Bettelstudent“ (Regie: Dr. Ingolf Huhn) war in der Spilastik der Darsteller und den gesanglichen Leistungen der Protagonisten sogar der (sicher nicht direkt vergleichbaren) Inszenierung von „My fair Lady“ auf der Seebühne in Mörbisch überlegen. Ganz hervorragend z.B. Werner Kraus als Oberst Ollendorf. Kraus hatte bereits als Papageno in der Annaberger Zauberflöten-Inszenierung von Prof. Krug stimmlich und darstellerisch eine gute Figur gemacht. Sehr gut auch die Besetzung der beiden Tenöre Jan und Simon sowie die Partien der Laura (Bettina Grothkopf) und Bronislawa (Madlaine Vogt). Als immer berauschten Gefängniswärter Enterich war – natürlich mit sächsischem Dialekt – Matthias-Stephan Hildebrandt zu erleben. Die gesamte Aufführung war musikalisch und darstellerisch das reinste Vergnügen – auch wenn das Orchester nur über die Konserve zu hören war.
Ein Mangel, der in der gespenstigen Estrade „Hexen II“ nicht als solcher empfunden wurde. Obwohl die Vorstellung einen Art roten Hexenfaden vermissen ließ, konnten die einzelnen Leistungen der Sänger-Darsteller und auch die der Ton- und Beleuchtungstechnik durchaus überzeugen. Dass die einzelnen Sänger an diesem Theater stark gefordert sind, mag für die jungen Künstler durchaus ein Gewinn sein, und für das Publikum allemal.
Dass es dabei aber auch zu Überforderungen kommen kann, zeigt der stimmliche und darstellerisch Einsatz z.B. eines Werner Kraus, aber vielleicht noch mehr der des Ungarn László Varga, den wir noch als voluminös singenden und für seine Jugend überzeugend agierenden Sarastro in der „Zauberflöte“ in guter Erinnerung haben. In den drei von uns besuchten Veranstaltungen stand der junge Bass jedes mal in einer gänzlich anderen Rolle auf der Bühne: In den „Hexen II“ sang er souverän die rachenreißerische Arie des Mephisto „Ja, das Gold regiert die Welt“ aus Gounods Oper „Margarethe“, im „Gestiefelten Kater“ gab er nicht nur zur Freude der Kinder den Märchen-Prinzen, und im „Bettelstudent“ war er dann auch noch als Rittmeister von Henrici zu erleben, während er sich in den Proben bereits mit der kompliziert zu singenden Partie des Ochs von Lerchenau aus Richard Strauss´ „Rosenkavalier“ vertraut macht. Das ist nun mal so an kleinen Häusern.
Das war früher nicht anders und hat sich seit dem eher noch verschlimmert, hört man die Alteingesessenen freudig jammern. Der Vorteil, dass man hier viele Partien zu singen und viele Rollen zu gestalten bekommt, um somit das Annaberger Theater als Sprungbrett in größere Häuser zu nutzen, kann aber auch bei unkontrollierter Überforderung ins Gegenteil umschlagen und vorhandenes gutes Stimm-Material durch mangelnde fachspezifische Angebote ruinieren. Von denen, die wir hörten und sahen, scheint allerdings davon noch niemand betroffen zu sein. Und somit können wir uns alle auf eine erlebnisreiche neue Spielzeit im Annaberger Haus auf den Abstechern der Bühne im Umland und auf die Sommersaison auf den Greifensteinen freuen.
http://www.winterstein-theater.de/
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