(c) Pester Lloyd / 31 – 2011 TSCHECHIEN 01.08.2011



Käfer in der Rinde
Da will die Regierung einmal die Natur schützen, nun ist es den Naturschützern wieder nicht recht. Der Borkenkäfer fällt über die böhmischen Wälder her, doch die Aktivisten wollen die Natur gewähren lassen. Ein martialischer Polizeieinsatz beendet derartige Spinnereien, die der Staatspräsident aus seinem Urlaub in Australien zynisch kommentiert. Nun diskutiert das Land über die Borkenkäferposse.
Polizei gegen Umweltschützer Der Borkenkäfer befällt gerade böhmische Wälder, vor allem der Sumava Nationalpark ist bedroht und wenn nicht schnell gehandelt wird, könnten „weite Waldgebiete dauerhaft vernichtet werden“, so die Umweltbehörden. Daher wurden 4000 Bäume zur Abholzung freigegeben, man will damit verhindern, dass aus ihnen eine nächste Generation Borkenkäfer schlüpft und sich die Zahl der befallenen Bäume so potenziert. Auch die Anwohner sehen das so.
Der wirklich gemeine Borkenkäfer gegen den Wald
Doch eine Gruppe Umweltschützer sieht die Sache ganz anders und meint, das vor allem die gestandeneren Bäume älteren Semesters durchaus das natürliche Potential haben eine Borkenkäferattacke zu überstehen und ihre Fällung den weitaus größeren Schaden anrichten würde, da man damit gleich die Biotope etlicher anderer Arten vernichte, man solle der Natur gefälligst ihren Lauf lassen. Selbst wenn Teile des Waldes den Käfern zum Opfer fallen, die Natur hat das Potential auf Regeneration und seit Darwin weiß man ja, es würden sich dann Arten durchsetzen, die besser mit den Schädlingen zurecht kämen. Man erinnerte auch daran, dass große Teile der Wälder nicht die ursprüngliche Artendurchmischung aufweisen, sondern Ergebnis der monokulturellen Aufforstungen durch Menschenhand nach den Rodungen der letzten Jahrhunderte sind. Es habe sich gezeigt, dass sich nach natürlichen Dezimierungen meist wieder die ursprüngliche Bepflanzung durchsetzt, der natürliche Kreislauf also funktioniert, wenn man die Natur nur lässt.
Anwohner gegen Umweltschützer Sprachen es und setzten sich – den Borkenkäfern gleich – in den Bäumen fest. Nun protestierten wiederum Anwohner gegen die Umweltschützer, am Ende eskalierte die Situation als die in Tschechien nie zimperliche Polizei die „Lage bereinigen“ wollte. In militärischer Schlachtordnung drangen Einheiten in die Wälder, stürmten die Bäume, es fielen sogar Schüsse, Warnschüsse wie es hieß. Wohl zurecht, denn Staatspräsident Vaclav Klaus bekundete zuvor, dass ihm „die Naturschützer mehr Angst machen als Al Kaida“, mithin wurde die Sache ein Fall für die Antiterroreinheiten, über achtzig Menschen wurden verhaftet.
Am Tag danach tritt allmählich erschreckte Ernüchterung über die Dimensionen ein und jede Seite versucht das von der Posse entstellte Gesicht so gut es geht zu wahren. Die Polizei meint, man werde sich „in den Streit der Baumbesetzer mit der Regierung“ nicht einmischen, müsse aber die Gesetze durchsetzen, was wohl wie eine zaghafte Entschuldigung für überhartes Eingreifen klingen sollte. Die Baumbeschützer bleiben auf ihrem Standpunkt, dass der Nationalpark kein Recht habe, die Bäume zu fällen. Immerhin, die Parkverwaltung hat ihre Pläne etwas zurückgefahren, doch rund 1600 Bäume, so erklärt der Sprecher des Parks, habe man unter großer Mühe fällen können, dabei spielten die Aktivisten mit den Holzfällern Katz und Maus, was wirklich lästig gewesen sei.
Die Kommentare in den tschechischen Medien sind harsch bis ironisch und das zu Recht. Dass sich Umweltaktivisten, wie radikal sie auch seien, sich vom Präisdenten ihres Landes mit systematischen Mördern vergleichen lassen müssen, gehe zu weit, schreibt die Zeitung, Hospodářské noviny. Offenbar, so verschiedene Feststellungen, ist Klaus mit einem komplexen Weltbild überfordert, einfache Erklärungen wuchtig vorgetragen seien mehr nach seinem Geschmack. Man müsse, so eine andere Zeitung, schon einmal die Frage beantworten, ob ein Naturpark ein sich selbst überlassenes Gebiet für alle darin befindlichen Lebewesen sein soll oder ein „Park“, der den Menschen genehm für Spaziergänge und Picknicks gemacht werden soll. Man ist sich einig darin, dass der Natur „wenigstens ein paar Flächen gelassen werden sollten, wo sie sich austoben kann.“ Die Zeitung Lidove noviny spendet der Polizei zweifelhaftes Lob für ihren gewaltigen Einsatz gegen die nationale Gefahr durch Umweltschützer, äußert aber den Verdacht, die Beamten hätten sich in Uniform und Waffen außerhalb ihrer Dientszeit für eine Filmproduktion verdingt…
Hat Angst vor Ökos… – Tschechiens Präsident Vaclav Klaus Eine unrühmliche und letztlich eskalierende Rolle spielte einmal mehr der sich gern als kleiner Sonnenkönig aufspielende tschechische Präsident Vaclav Klaus, dessen rhetorisches Potential derart groß ist, dass er es nicht immer hinter präsidialer Würde und demokratischem Ausgleichsstreben verbergen kann, ab und zu muss mal ein Korken raus. Während seiner zweiwöchigen Rundreise durch Australien schreibt Klaus für eine große Tageszeitung eine Kolumne „Beobachtungen aus Australien“, die manchen glauben macht, das Staatsoberhaupt habe sich einen veritablen Sonnenstich einegfangen. So schwadroniert Klaus aus dem Outbag darüber, dass die „Entnationalisierung der Staaten und der Trend zu länderübergreifenden Regierungsformen – neben den Umweltschützern – die größte Gefahr für die Welt“ sind, die man „mehr fürchten müsse als das Terroristennetzwerk Al-Qaida“.
Nicht erst seit diesen Äuerungen fragen sich viele Tschechen, welcher Käfer dem Präsidenten in der Hirnrinde steckt, (vor ein paar Tagen meinte er Journalisten seien “bösere Wesen” als einen landesbekannten Rechtsextremisten, den er in seinem Amtssitz empfing) zumal er das Land mit solchen Ausflüssen auch noch bei Vorträgen u.a. an der Melbourne Uni blamiert. Klaus entschuldigt sich damit, dass er während des Schreibens dieser Passage eine SMS bekam, die ihn über die Baumbesetzungen in Sumava informierten, das habe ihn in Rage versetzt. In einem anderen Vortrag stellte er den Klimawandel in Frage bzw. verneinte er einen maßgeblichen menschlichen Einfluss darauf, man fragt sich in Prag nun, wann der Präsident die Erde oder zumindest Prag wieder zu einer Scheibe erklärt. Auch in Australien selbst ist Klaus recht schnell zu einer Berühmtheit geworden. Als er eingeladen war im Parlament von Canberra ein Interview zu geben, musste er – wie jeder Sterbliche – durch eine Sicherheitsschleuse. Mit großem Gestus, Marke „Ahnen Sie überhaupt, wen Sie vor sich haben?!“, verweigerte er die Personenkontrolle und sagte das Interview ab. Dabei sollte gerade er Verständnis dafür haben, könnte er doch Borkenkäfer, womöglich sogar Jorunalisten einschleppen…
Rumänien gefährdet Waldgebiet durch Schnellstraße
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