Drücken Sie „Enter“, um den Inhalte zu überspringen

Proteste, Boykotte und Polizeiaufgebot überschatten Eurovision Songcontest in Wien

Israels Teilnahme überschattet den Wiener ESC und löst eine beispiellose Boykott-Welle aus

Wien. Fünf Länder – Irland, Spanien, die Niederlande, Slowenien und Island – zogen sich bereits im Vorfeld aus dem Wettbewerb zurück. Die Regierungen und Rundfunkanstalten dieser Staaten begründeten ihren Schritt mit Israels fortgesetztem Krieg im Gazastreifen sowie den Debatten um mutmaßlich manipulative Abstimmungspraktiken beim ESC 2025.

Bereits bei der offiziellen ESC-Eröffnung am 10. Mai auf dem Wiener Rathausplatz war die Spannung spürbar. Israels Teilnehmer Noam Bettan sah sich entlang des sogenannten Turquoise Carpet mit vereinzelten Unmutsäußerungen aus dem Publikum konfrontiert. Der Sänger, der beim Defilee bewusst auf ein Hemd unter seinem Sakko verzichtete, wurde von Teilen der Menge bejubelt, von anderen ausgebuht. Die ORF-Übertragung sprach dennoch von einem „amikalen Auftakt“.

Sprechchöre gegen Israel während des Halbfinals

Die politische Dimension eskalierte beim ersten Halbfinale am 12. Mai in der Wiener Stadthalle. Während Bettan seinen Beitrag Michelle präsentierte, waren im Saal deutlich Sprechchöre wie „Stop the genocide“ zu hören. ORF hatte zuvor bestätigt, weder palästinensische Flaggen noch Buhrufe im Publikum zu unterbinden.

Israels Teilnahme bleibt seit Beginn des Gaza-Krieges hochumstritten. Nach dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 mit rund 1.200 Todesopfern begann Israel seine großangelegte Militäroffensive im Gazastreifen. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza wurden seither mehr als 73.000 Palästinenser getötet. Mehrere internationale Experten sowie von den Vereinten Nationen mandatierte Juristen bezeichneten das Vorgehen Israels als möglichen Genozid. Die israelische Regierung weist diese Vorwürfe entschieden zurück.

Zusätzliche Brisanz erhielt der Wettbewerb durch einen Bericht der New York Times, wonach die israelische Regierung in den vergangenen zwei Jahren mindestens eine Million Dollar für internationale Eurovision-Werbekampagnen und Mobilisierung von Voting-Stimmen ausgegeben haben soll.

Trotz der Proteste qualifizierte sich Bettan für das Finale am Samstag. Laut Veranstaltern mussten vier Personen wegen „störenden Verhaltens“ aus der Halle entfernt werden.

Wien – Partyzone und Hochsicherheitsbereich

Die Wiener Innenstadt präsentiert sich währenddessen als widersprüchliche Parallelwelt aus Popfestival und Sicherheitsoperation. Rund um die Stadthalle, das Eurovision Village und den Rathausplatz gilt ein massives Polizeiaufgebot mit bewaffneten Einheiten, Drohnenüberwachung, Sprengstoffspürhunden und Zugangskontrollen im Stil von Flughäfen.

Der Sicherheitsapparat wurde nach den Erfahrungen der vergangenen Wettbewerbe sowie nach einem vereitelten Anschlagsplan auf ein Konzert von Taylor Swift in Wien im Jahr 2024 nochmals verstärkt.

Auch abseits der Bühne wird die Israel-Debatte sichtbar. Das Wiener Café MQ Kantine sprang kurzfristig als sogenanntes „Eurofan Café“ für Israel ein, nachdem israelische Beiträge zunächst aus einer offiziellen ESC-Gastronomieliste ausgeschlossen worden waren. Dort hängen nun kleine israelische Fahnen von der Decke, während vor dem Lokal permanent ein Polizist postiert ist.

Der proisraelische Aktivist Daniel Kapp sprach gegenüber der AP von einer „nicht entirely normalen“ Situation, lobte jedoch Österreichs Haltung gegenüber Antisemitismus. Andere Fans beklagen hingegen eine tiefe Spaltung innerhalb der traditionell als offen und divers geltenden Eurovision-Community. Die schwedischen ESC-Fans Birgitta Peterson und Kristina Nilsson erklärten in Wien, die „Wunden“ innerhalb der Fangemeinschaft seien inzwischen „sehr tief“. Der Wettbewerb habe seinen ursprünglichen Charakter als unpolitisches Musikereignis weitgehend verloren. Das große Finale des Eurovision Song Contest findet am 16. Mai in der Wiener Stadthalle statt.

Pester Lloyd sprach exklusiv mit dem langjährigen ORF-Kriegsreporter Christian Wehrschütz über Polarisierung, Kriegsnarrative und Europas politische Spaltung. Im Interview warnt Wehrschütz vor vereinfachenden Schwarz-Weiß-Deutungen und erklärt, warum globale Konflikte zunehmend auch Kultur- und Medienräume wie den ESC erfassen. Hier ist das vollständige Interview:

Quellen: orf.at, AP
Photo: Wiener Rathaus – (Thomas Ledl / CC BY-SA 4.0)

0 0 Bewertungen
Beitragsbewertung
Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
0 Kommentare
Älteste
Neueste Meistbewertet
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
© Alle Inhalte Copyright 2026 Pester Lloyd
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x